Randale in Lille vor Ukraine-Spiel

EM-Hooligans: Drohen gegen Polen erneut Krawalle?

Lille - Vor dem EM-Spiel der Deutschen ist es in Lille zu hässlichen Szenen gekommen. Idioten randalierten in einem Café. Im Stadion zeigten sich die deutschen Fans von einer anderen Seite.

Die beiden deutschen Fan-Welten sind sich in der Nacht von Sonntag auf Montag vor dem Stadion von Lille doch noch begegnet. Ein paar EM-Touristen spielten, beschwingt vom 2:0-Sieg über die Ukraine, mit einem Fußball, der an einem Gummiband befestigt war. Sie ließen ihn kreisen um einen Deutschen, der des Weges kam: Dick, breitbeinig, gewandet in eine Jacke von Lonsdale (eigentlich ein unpolitischer britischer Sportausrüster, spezialisiert auf Boxartikel – aber in Deutschland wegen der Buchstaben NSDA wie ein Gesinnungsausweis) und mit der Aufschrift „Lokomotive Leipzig“. Das alte Leipzig, das vernachlässigte Leipzig, ein Klub mit einer bundesbekannten Problemszene.

Der Lok-Leipzig-Mann schaltete auf Blickrichtung geradeaus, er ignorierte den Ball, der ihn umkreiste, er war auch alleine. Die Normal-Fans sagten: „Mensch, musst du unter Drogen stehen – so cool bist du.“ Vielleicht hatte er sich aber schon vor dem Spiel ausgepowert. Bei den Randalen in der Altstadt von Lille, fußläufig sechseinhalb Kilometer vom Stadion entfernt. Wo deutsche Hooligans zuschlugen. Leipziger waren dabei, Dresdener, auch Dortmunder wurden gesichtet. Ein Reporter des „Spiegel“ sagte, er kenne die Gesichter als Beobachter von Hogesa-Demonstrationen. Als „Hooligans gegen Salafisten“ waren vor gut einem Jahr die Fußballschläger von früher, die man lange nicht mehr bemerkt hatte, wieder aufgetaucht in der Öffentlichkeit. Sie haben sich politisiert, sie sind rechts. Weit rechts.

EM in Lille: Tagsüber friedlich, dann wird es hässlich

Friedlich war es tagsüber zugegangen in Lille, es war klassisches Event-Publikum unterwegs. Die netten Jungs aus Siegen mit ihrem alten VW-Bus, auf dem „Das Wunder von Bern“ steht. Pärchen mit „Vive La Mannschaft“-Rucksäcken. Ruhe an der mobilen Fanbotschaft, es ging vor allem darum, Reisenden aus Deutschland zu erklären, mit welcher Metro-Linie sie zum Stadion fahren müssten. Begeisterung herrschte rund um fünf Ukrainer, die frisch aus Kiew eingetroffen waren. Auf Rennrädern. Es herrschte deutsch-ukrainische Fan-Freundschaft.

Um halb fünf machten sich die Fans zu einem heiteren Marsch hinaus zum Stadion auf. Um halb sechs krachte es in der Innenstadt. Plötzlich war anderes Publikum da. Grimmige Typen in kurzen Hosen und schwarzen Shirts und Kapuzenpullis. Und mit Reichskriegsflagge. Oder dem Aufnäher „frankreichfeldzug 10. Juni – 10. Juli 2016“, einem eindeutigen Nazi-Motiv.

Zwei Reporter von Sport1, die noch ihre sozialen Kanäle bedienen und ein paar Aufnahmen machen wollten, wurden angegriffen. Der eine bekam Schläge in die Seite und auf den Hals, das Handy haute man ihm aus der Hand. Er konnte es retten, doch das Display hat einen Sprung. Der andere zeigt auf seine Turnschuhe. Sie sind nicht mehr ganz weiß, es sind schwarze Spuren zu sehen, sie stammen von einer Rauchbombe.

21 Schläger an Einreise gehindert - zu wenig

Deutsche Hooligans waren schon am Abend vor dem Spiel in Lille auszumachen gewesen. Angehörige der „Kategorie C“, schwer gewaltbereit. Karten für Spiele bekommen sie nicht, das unterbindet der DFB schon lange. Für die Europameisterschaft wollte der Verband ohnehin nur noch registrierte Mitglieder des Fanclubs Nationalmannschaft bedienen – was er nicht komplett durchziehen konnte, weil das Kartellamt einschritt. „Wir haben dann nachgegeben“, so DFB-Präsident Reinhard Grindel. 21 Schlägertypen wurden abgefangen, aber nicht alle...

Der DFB hatte schon lange keine Probleme mehr gehabt mit Länderspiel-Hooliganismus. Die Weltmeisterschaften 2010 und 2014 in Südafrika und Brasilien, das waren vor allem teure Reisen, die sich die meisten aus der Szene nicht leisten konnten. Außerdem ist der Grenzübertritt, bei dem man sich ausweisen muss, für Kategorie-C-Leute erschwert. Das Alarmsystem, das an der Kartei „Gewalttäter Sport“ hängt, ist zuverlässig. Nach Frankreich aber kommt man leicht. 21 Hooligans, vornehmlich aus dem Raum Trier, konnten abgefangen werden, doch etwa 150 kamen durch. Am Sonntag um halb sechs legten sie in einer Brasserie los. Das Lokal wurde blitzartig vernichtet. Mit Stühlen bewarf man Ukrainer. Ein Bild, in den sozialen Medien häufig geteilt, zeigt – wie kurios – einen, der ein Asamoah-Trikot trägt, als er sich in die Krawalle stürzt.

Hooligans verschwinden ins Nichts

Polizei, sagen die Augenzeugen, war kaum präsent. Zwar waren tagsüber viele Kräfte am Bahnhof Flanders gewesen, an dem die Züge aus dem Land eintreffen, am Bahnhof Europa (Verbindung mit dem Eurostar nach England) waren gar Militärangehörige mit Maschinenpistolen patroulliert – doch am späten Nachmittag hatte sich die Aufmerksamkeit Richtung Stadion verlagert. Als die Polizei zurück in die Innenstadt gerufen wurde, geriet sie in den Stau. Daher: keine Festnahmen. Die Hooligans verschwanden im Nichts – und zu befürchten ist nun, dass man ihnen in Paris wieder begegnen wird. Das viel unübersichtlicher ist als das kleine Lille.

Deutschland – Polen, es wird ein Hochsicherheitsspiel. Denn auch Polen hat dieses Problem mit gewaltbereiten Fußball-Reisenden. Es ist dort sogar viel ausgeprägter. Die Leute kommen nicht aus den üblichen Fußball-Fanzirkeln, sondern aus Kickboxschulen oder der Türsteherszene. Sie sind vollgepumpt mit Steroiden. Sie tragen sogar Meisterschaften im Gruppennahkampf aus, auch hier gibt es „Spiele“ wie Danzig – Posen. Sie finden nach kurzfristiger Verabredung im dunklen Bereich des Internets auf Waldlichtungen und Feldern statt. Es wird Mundschutz getragen. Wie beim Boxen. Auf Facebook-Fotos posieren die Hooligans mit nacktem Oberkörper.

Der Donnerstag kann ein sehr kritischer Tag werden.

Fußball-EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Stadien und Themenseite

In unserem Übersichtsartikel finden Sie alle Informationen zur EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Termine, Ergebnisse, Gruppen und Kurzporträts der Austragungsorte. Außerdem haben wir alle wichtigen Fakten und Hintergründe zu den Stadien der EM 2016 zusammengestellt. Und: Wir bieten Ihnen die wichtigsten Infos zum Kader von Deutschland bei der EM 2016. Alle aktuellen Nachrichten erfahren Sie außerdem auf unserer Themenseite zur Fußball-EM 2016 in Frankreich bei tz.de. Tipps zum Public Viewing in München gibt es hier, den Link zum Tippspiel unter tippkaiser.de.

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