Gewalt bei der EM in Frankreich

Experte zu Hooligan-Randalen: Führt Putin verdeckten Krieg?

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In Lille setzte die Polizei Tränengas ein.

Lille - Die Gewalt reißt nicht ab: Während der Fußball-EM in Frankreich kommt es immer wieder zu Krawallen und Ausschreitungen. Besonders auffällig dabei sind russische Hooligans. Wir haben mit Russland-Experte Boris Reitschuster darüber gesprochen.  

Update vom 19. Juni 2016: In der Gruppe B trifft Russland auf Wales. Hier erfahren Sie, wie Sie das letzte Gruppenspiel zwischen Wales und Russland live im Free-TV und im Live-Stream anschauen können.

"Putins verdeckter Krieg – Wie Moskau den Westen destabilisiert", heißt das neue Buch des Russland-Experten Boris Reitschuster (Econ-Verlag, 19,99 Euro). Am Rande der Buchpräsentation im Münchner Presseclub sprach die tz mit dem Autor, der 16 Jahre lang in Russland gelebt und dort als Korrespondent gearbeitet hat.

Glauben Sie, dass auch die Hooligan-Ausschreitungen bei der EM in Frankreich Teil dieses „verdeckten Krieges“ Putins sind, den Sie in ihrem Buch beschreiben?

Reitschuster: Ich denke, die Hooligan-Gewalt ist eine typische Erscheinung dieser hybriden Kriegsführung Putins: Für Unruhe sorgen und gleichzeitig den Westen als zahnlos im Kampf gegen solche Gewalt dastehen lassen, das passt genau in diese Strategie.

Aber kann man den russischen Staat wirklich dafür verantwortlich machen, wenn Schlägertypen Randale machen? 

Russland-Experte Boris Reitschuster.

Reitschuster: Wer denkt, so etwas passiert spontan, ist naiv. Die Schläger waren offensichtlich gut organisiert, gut ausgebildet und gut vorbereitet. Es gibt Anzeichen dafür, dass diese Hooligans auf Verbandskosten mit einem Charterflugzeug eingeflogen wurden und Offizielle mitwirkten! Warum haben als gewaltbereit bekannte Hooligans Auslandsreisepässe bekommen? Wie bekamen sie Schengen- Visa? Und warum wurden nicht wenigstens die französischen Behörden vor diesen Schlägern gewarnt? In Russland wird rigide gegen solche Gruppen vorgegangen – wenn der politische Wille da ist. Alles zusammen spricht für eine gezielte oder zumindest geduldete Aktion.

Die UEFA hat Russland mit EM-Ausschluss gedroht, falls es erneute Ausschreitungen geben sollte. Reicht so eine Drohung?

Reitschuster: Bei so einer harten Sanktion wie dem EM-Ausschluss müssen die Vorwürfe juristisch hart gemacht werden. Bislang gibt es ja nur Indizien. Aber falls sich die Vorwürfe bestätigen, dass die Randale gesteuert war, stellt sich mir schon die Frage: Darf man so einem Staat wirklich die nächste WM anvertrauen?

Glauben Sie, dass Putin persönlich die Hooligan-Randale veranlasst hat?

Reitschuster: Es muss nicht sein, dass Putin wirklich von jeder Destabilisierungs- Aktion Bescheid weiß. Es kann auch von übereifrigen Funktionären ausgegangen sein, die die generelle Vorgabe, den Westen zu destabilisieren, wo immer es geht, umsetzen wollten. Aber ganz auszuschließen ist es nicht, dass der Befehl von ganz oben kam.

Aber gefährdet das nicht die Fußball-WM in Russland in zwei Jahren? Putin will sich diese neuerliche Propaganda-Bühne wie schon bei Olympia in Sotschi sicher nicht entgehen lassen…

Reitschuster: Putin ist gewohnt, dass der Westen schwach reagiert. Er kann sich gar nicht vorstellen, dass sich der Westen zu seiner scharfen Aktion wie einem WM-Boykott aufraffen kann. Außerdem kann er sagen: Unsere Polizei ist tougher, bei uns passiert so etwas nicht. 

Alles Aktuelle zur Fußball-EM 2016 in Frankreich finden Sie in unserem News-Ticker.

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