Kommentar: Infantinos WM-Pläne im XXL-Format

Platte Nasen am Fenster

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Will das Spiel weiter antreiben: Gianni Infantino.

München - Die auf 24 Teams aufgeblähte Fußball-EM bot in der Vorrunde viel Langeweile. Das schreckt die FIFA nicht ab. Der Weltverband will die WM mit 48 Mannschaften austragen.

Gäbe es ein Handbuch mit dem Titel „Wahlkampf für Anfänger“, müsste Gianni Infantino zwingend ein eigenes Kapitel bekommen. Als der Schweizer noch nicht Präsident der FIFA war, sondern ein extrem ehrgeiziger Anwärter, lieferte er bereits ein Paradebeispiel dafür ab, wie eine Kampagne vom Reißbrett auszusehen hat. Der unausgesprochene Untertitel seiner Bewerbung lautete: Millionen für alle. Konkret versprach er jedem Verband einen größeren Anteil an den weltweit sprudelnden Einnahmen. Und, ganz wichtig: Mehr Plätze am WM-Tisch.

Das Aufblähen von Turnieren ist der Klassiker des Stimmenfangs. Die Teilnehmerzahl zu erhöhen, steigert die Beliebtheit in den hinteren Reihen des Feldes, wo von den Erlösen sonst nicht viel ankommt. Schon Michel Platini zementierte auf diese Weise seine Macht in der UEFA und bescherte der Welt ein EM-Turnier mit 24 Mannschaften. Dass der Franzose die sterbenslangweilige Vorrunde nicht mehr als Präsident erlebte, weil ihm eines seiner dunklen Geschäfte zum Verhängnis geworden war, gab immerhin eine feine Pointe ab.

Nun hat Infantino einen fast identischen Plan für die WM vorgestellt. 48 statt 32 Teams, das ist eine Dimension wie bei der EM (von 16 auf 24). Dass die eigentliche Turniergröße unangetastet bliebe und statt dessen 16 Playoffs vorgeschaltet werden sollen, macht die Konstruktion nicht besser. Was wäre das für eine WM, wenn das Turnier für die einen schon beendet ist, bevor es für die anderen überhaupt losgeht? Die Party, von der er salbungsvoll spricht, wäre in Wahrheit auch weiterhin eine geschlossene Gesellschaft. Mit dem Unterschied, dass die 16 Ausgesperrten nicht mehr aus der Ferne mit dem Rest der Welt neidisch zuschauen, sondern sich die Nase an der Fensterscheibe plattdrücken würden.

Das Schlimmste an Infantinos Gedankenspielen ist die unverfrorene Schlichtheit seines Kalküls: Mehr Plätze = mehr Geld + mehr Stimmen. Einen anderen Zweck gibt es nicht. Das Feld auszuweiten, bedeutet ja keinerlei sportlichen Nutzwert. Schon jetzt ist die WM eher zu groß als zu klein.

Fatalerweise könnte die Rechnung für den Schweizer dennoch aufgehen. Schuld ist die Trägheit und Kritiklosigkeit der Kundschaft. Selbst die EM im XXL-Format fand bereits in der Gruppenphase ihr Publikum, ungeachtet der sportlichen Schönheitsfehler. Solange aber Fernsehzuschauer und Sponsoren dem Fußball jeden noch so aberwitzigen Egotrip durchgehen lassen, ist keine Besserung zu erwarten. Und die Obergrenze ist noch lange nicht ausgereizt. Aktuell hat die FIFA 211 Mitgliedsverbände.

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