Reinhard Grindel im tz-Interview

DFB-Boss: "EM in Deutschland preisgünstig realisierbar"

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DFB-Präsident Reinhard Grindel.

München - Bevor der Gipfel der Giganten zwischen Deutschland und Italien am Samstag steigt, kommt es zum Expertengipfel in der tz. In der deutschen Ecke: Reinhard Grindel, Präsident des DFB.

Bevor der Gipfel der Giganten zwischen Deutschland und Italien am Samstag (21 Uhr, ARD) in Bordeaux steigt, kommt es zum Expertengipfel in der tz. In der italienischen Ecke: Maurizio Beretta, Ligapräsident des Bel Paese und somit Boss der Serie A. Und in der deutschen: Reinhard Grindel, frisch gekürter DFB-Präsident und Spitzenfunktionär des weltweit größten Sportverbandes. Gesprochen wird weniger über das Halbfinalduell zwischen den Mannschaften von Jogi Löw und Antonio Conte, sondern über das, was beide Nationen aktuell in fußballerischer Hinsicht bewegt.

Reinhard Grindel beschäftigt sich aktuell mit dem Erdbeben, das die DFB-Zentrale in Frankfurt erst kürzlich aufgrund der dubiosen WM-Vergabe 2006 erschütterte, will der neue DFB-Präsident wieder für Offenheit und Transparenz sorgen. In Frankreich, ganz in der Nähe des Teamhotels von Jogis Jungs, empfing der 54-Jährige daher die tz zum Interview und erklärte, warum Jogi Löw auch über 2018 hinaus Bundestrainer bleiben soll, warum ihn die aktuell zunehmende Politisierung des Fußballs stört und warum er Franz Beckenbauer, einen der Hauptdarsteller beim kürzlichen WM-Skandal, dennoch gerne bei einem möglichen EM-Finale im Stade de France in Paris begrüßen würde. „Sollten wir ins Endspiel kommen, wird der DFB ihn nach Paris einladen“, bestätigte Grindel in der tz.

Und in sechs Jahren kehrt der europäische Topfußball möglicherweise wieder in die Bundesrepublik zurück. Deutschland wird sich im Bewerberkreis befinden und geht in Grindels Augen aufgrund der bereits vorhandenen Infrastruktur, der großen Fußballbegeisterung und nicht zuletzt auch wegen der Erfahrung im Ausrichten von Großereignissen mit sehr guten Karten ins Rennen um die EM.

Herr Grindel, was wäre mit Joachim Löw passiert, wenn Deutschland das Achtelfinale gegen die Slowakei verloren hätte?

Grindel: Dann hätten wir uns sofort auf die WM 2018 vorbereitet. Mit Joachim Löw als Bundestrainer.

Tatsächlich? 2012, nach der EM-Pleite gegen Italien, forderten Kritiker Löws Rücktritt.

Grindel: Joachim Löw ist Weltmeister-Trainer. Nach meinem Eindruck hat er nicht nur beim DFB, sondern auch in der Öffentlichkeit großen Kredit. Ich habe mich immer glasklar zu ihm geäußert, weil wir alle uneingeschränktes Vertrauen in seine Arbeit haben. Ich kann mir sogar vorstellen – wenn Jogi Löw auch den Wunsch haben sollte – mit ihm über 2018 hinaus zu verlängern.

Hat er denn den Wunsch? Löw betont stets, er könne sich auch mal etwas anderes vorstellen.

Grindel: Ich werde ihn sicher nicht unter Druck setzen. Es ist richtig, dass er auch die Freiheiten, die mit dem Amt als Bundestrainer verbunden sind, genießt. Dazu gehört, selber bestimmen zu können, wie er seine Zukunft plant. Er ist sehr auf das Turnier fokussiert und möchte den WM-Titel 2018 in Russland verteidigen. Wir haben uns aber darauf verständigt, nach dieser EM miteinander zu reden.

Haben Sie einen Plan B, sollte Löw aufhören wollen?

Grindel: Ich gehe nicht davon aus, dass es soweit kommt.

Sollte die Ära Löw einmal enden, wäre Hansi Flick eine Alternative?

Grindel: Er ist ein überaus erfolgreicher Sportdirektor, der für uns herausragende Arbeit leistet. Sollte sich die Frage irgendwann stellen, werden wir das im Präsidium besprechen.

Könnten Sie sich vorstellen, dass einmal ein ausländischer Trainer die deutsche Nationalmannschaft trainiert?

Grindel: Angesichts der überragenden Trainerausbildung in unserem Land denke ich, dass wir einen deutschen Trainer favorisieren würden.

2012 standen nach dem Aus Privat-Flugzeuge für die Nationalspieler bereit. Das sorgte in Deutschland für Unmut. Wird es das noch mal geben?

Grindel: Wir versuchen, dass die Spieler optimal betreut werden. Das erwarten auch die Vereine. Für sie ist es zum Beispiel wichtig, dass die Nationalspieler schnell zurückkommen, um sich zu regenerieren oder ins Training einzusteigen. Wir wollen und werden hier kein Geld verschleudern, sondern professionelle Rahmenbedingungen schaffen.

Der Fußball und insbesondere die Nationalmannschaft werden immer häufiger von der Politik dazu missbraucht, Stimmung zu machen. Stört Sie das?

Grindel: Mich stört, wenn Politiker versuchen, die Prominenz unserer Nationalspieler zu nutzen, um ihr politisches Süppchen zu kochen. Sicherlich ist der Fußball ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Aber der Fußball darf parteipolitisch nicht missbraucht werden. Wir werden uns immer vor unsere Spieler stellen. Aber nicht nur bei der Nationalmannschaft, sondern auch in jedem Verein an der Basis. Wo Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihrer sexuellen Orientierung angegriffen werden, müssen wir uns wehren. Es geht nicht nur um Boateng oder Özil, sondern auch um den Flüchtling oder den Schiedsrichter mit Migrationshintergrund, der verhöhnt wird.

AfD-Vize Alexander Gauland hat erklärt, er wolle Boateng nicht als Nachbarn haben. Haben Sie mit ihm einmal persönlich gesprochen?

Grindel: Nein. In der Sache habe ich mich klar geäußert und Kante gezeigt, das ist wichtig. Es ist aber nicht meine Funktion, Teil einer parteipolitischen Diskussion zu werden.

Offizielle Abschiedsspiele gibt es nicht mehr. Ist das in Stein gemeißelt?

Grindel: Ich will das für die Zukunft nicht kategorisch ausschließen, wenn sich das aufgrund der Umstände anbieten sollte.

Sie haben angekündigt, im Zusammenhang mit der WM-Affäre ein klärendes Gespräch mit Franz Beckenbauer zu führen. Ist es dazu gekommen?

Grindel: Wir haben uns am Rande des DFB-Pokalfinales in Berlin getroffen. Ich habe ausführlich mit ihm über alle Fragen, die das Verhältnis zwischen ihm und den DFB betreffen, gesprochen. Das Präsidium hat den klaren Wunsch, dass die Leistungen von Franz Beckenbauer auch in Zukunft angemessen gewürdigt werden. Wir wollen ein gutes Verhältnis pflegen. Das heißt auch, dass wir uns sehr freuen würden, wenn er wieder häufiger zu Länderspielen kommt.

Serie-A-Boss: "Deutschland ist ein großes Vorbild für uns"

Trotz seiner dürftigen Mithilfe?

Grindel: Er hat uns nach unserem Eindruck alles gesagt, was er zur WM-Affäre weiß. Ich betone, dass er in der Endphase der Untersuchungen von Fresh­fields wertvolle Hinweise zum Geldfluss von 2002 gegeben hat.

Wie hat er auf dieses Gespräch reagiert?

Grindel: Er hat mir seine Sicht der Dinge erläutert, ich habe erklärt, dass der DFB ohne Ansehen der Person verpflichtet war, diese Affäre aufzuklären. Er hat diese Argumentation nachvollziehen können. Wie gesagt, es war ein gutes Gespräch. Und sollten wir ins Endspiel kommen, wird der DFB ihn nach Paris einladen.

Deutschland will 2024 die EM. Welche Argumente haben Sie?

Grindel: Wir haben tolle Stadien inklusive Infrastruktur. Wir haben funktionierende Flughäfen und ausreichende Hotelkapazitäten. Wir brauchen keinen Hektar neu zu versiegeln. Eine EM in Deutschland wäre ausgesprochen preisgünstig realisierbar. Wir haben außerdem eine große Erfahrung im Ausrichten von Großereignissen. Insofern wäre für die UEFA eine EM in Deutschland ein sicheres Turnier, gut organisiert, umweltgerecht, wirtschaftlich vernünftig. Dazu käme die Begeisterung der Menschen.

Das ist Reinhard Grindel

Geboren: 19.9.1961 in Hamburg. Verheiratet mit Wenke Grindel, zwei Söhne (Enno und Gustav). Beruflicher Werdegang: Nach dem Abitur 1981 und dem juristischen Staatsexamen 1988 arbeitete Grindel als Journalist. Er war u.a. ab 1992 leitender Redakteur im Studio Bonn des ZDF, 1997 übernahm er die Leitung des ZDF-Studios in Berlin und von 1999 bis 2002 leitete er das ZDF-Studio in Brüssel. – Politische Laufbahn: 1977 Eintritt in die CDU, 1979 bis 1985 Landesvorstand der Jungen Union in Hamburg, 1981 bis 1987 CDU-Kreisvorstand Hamburg-Eimsbüttel, 2002 bis 2016 Mitglied des Deutschen Bundestages. 2016 Niederlegung des Mandats. – Funktionen im Fußball: 2011 bis 2014 1. Vizepräsident des Niedersächsischen Fußballverbandes, Oktober 2013 bis April 2016 Schatzmeister im DFB-Präsidium, 15. April 2016 Wahl zum DFB-Präsidenten.

Interview: Thomas Gassmann

Fußball-EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Stadien und Themenseite

In unserem Übersichtsartikel finden Sie alle Informationen zur EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Termine, Ergebnisse, Gruppen und Kurzporträts der Austragungsorte. Außerdem haben wir alle wichtigen Fakten und Hintergründe zu den Stadien der EM 2016 zusammengestellt. Und: Wir bieten Ihnen die wichtigsten Infos zum Kader von Deutschland bei der EM 2016. Alle aktuellen Nachrichten erfahren Sie außerdem auf unserer Themenseite zur Fußball-EM 2016 in Frankreich bei tz.de. Tipps zum Public Viewing in München gibt es hier, den Link zum Tippspiel unter tippkaiser.de.

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