EM-Halbfinale Deutschland - Frankreich

Trotz der Ausfälle: "Es ist keine Rumpfmannschaft"

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Jogi Löw grübelt über seine Startelf für das Halbfinale gegen Frankreich.

Evian-les-Bains - Ähnlich wie vor zwanzig Jahren, als man Europameister wurde, ist der deutsche Kader von Ausfällen betroffen. Diesmal fühlt sich das aber anders an. Nicht so dramatisch. Manager Oliver Bierhoff erfreut sich einer breiten Basis fürs DFB-Team.

Oliver Bierhoff schickt ein Achtung- Spaß-Lächeln voraus. Er kann es nicht lassen, er spricht wieder über sein „Golden Goal“ von 1996, durch das Deutschland Europameister wurde. Aber nicht, um die Würdigungen anzumahnen, die am Jubiläumstag 30. Juni unterblieben waren („Niemand hat mich vom Zimmer abgeholt, und ich musste mir beim Frühstücksbüffet den Kaffee selber holen“), sondern um eine Standortbestimmung des deutschen Fußballs einzuleiten. 1996 war sein erstes Turnier als Spieler, die Weltmeisterschaften 1998 und 2002 erlebte er wie die EM dazwischen (2000) als Spieler, seit 2006 ist er als Manager bei der Nationalmannschaft. „Elf Turniere habe ich nun mitgemacht, neun Mal waren wir unter den besten Vier.“

Und vielleicht steht am späten Donnerstagabend in der EM-2016-Bilanz der Vermerk „Finale, beste Zwei“ und womöglich am Sonntag „Gewinner des Finales, Meister“. Das ist das Ziel. Am Montag würde man dann durchs Brandenburger Tor in Berlin laufen.

Bierhoff sieht Frankreich in Favoritenrolle

Davor aber steht das Halbfinale (Donnerstag, 21 Uhr/ZDF) vor 62.000 Zuschauern in Marseille. Bierhoff sagt: „Ich sehe Frankreich diesmal leicht favorisiert.“ Seine Gegenüberstellung: Die Franzosen haben Heimvorteil, sie haben gesteigertes Selbstvertrauen durch ihren 5:2-Sieg über Island im Viertelfinale, „und sie haben keine 120 Minuten in den Knochen wie wir und keine Verletzten“.

Doch schnell kann Bierhoff überleiten zu dem, was dann doch für die Deutschen sprechen könnte: „Trotz alledem“, erklärt er, „haben wir hier keine Rumpfmannschaft.“ Man müsse zu den aktuellen Ausfällen (Hummels gesperrt, Gomez, Khedira, Schweinsteiger verletzt) ja auch noch dazurechnen, wer schon vor dem Turnier in Frankreich ausgeschieden ist: Marco Reus, die vermutliche 1a-Lösung auf der linken Offensivseite, Ilkay Gündogan, der die Konkurrenzsituation auf den Sechser-Positionen verschärft hätte, Antonio Rüdiger, der als Innenverteidiger eine Option für die ersten Spiele und danach ein möglicher Außenverteidiger gewesen wäre.

Und immer noch gilt: Es sind genügend Spieler da, um gegen Frankreich eine vernünftig klingende Mannschaft auf den Platz zu schicken. Dass alle 23 Mann ihren Wert haben, sei keine Floskelei, sagt Bierhoff.

Und wenn er sich schon gerne an 1996 erinnert: Eine Parallele zu heute könnte sein, dass es vor zwanzig Jahren ebenfalls einige deutsche Spieler erwischte während des Turniers. Man erinnert sich an Thomas Helmer, der beim Verteidigen bandagiert war wie ein Soldat in der Schlacht, an Jürgen Klinsmann, der von der Physiotherapeuten-Liege nicht mehr runterkam in den Tagen vor dem Finale. Die Mannschaftsleitung ließ, um auf die Personalnot aufmerksam zu machen, für die Ersatztorhüter Oliver Kahn und Oliver Reck Feldspielertrikots beflocken, die UEFA gestattete die Nachnominierung von Jens Todt für den Endspielkader.

„Aber die Atmosphäre, die wir damals hatten, ist mit der heutigen nicht vergleichbar“, sagt Bierhoff. „So extrem ist es wirklich nicht.“ Die Spieler tragen eine ganz andere Überzeugtheit vor sich her. Es ist eine neue Generation, eine goldene, gewachsen durch den Weltmeistertitel. Bundestrainer Löw greift einen Mann exemplarisch heraus: „Toni Kroos. Er ist unfassbar cool. Ob wir ein Testspiel gegen Ungarn oder ein WM-Finale gegen Argentinien bestreiten, macht bei ihm keinen Unterschied. Toni ist ruhig und immer ein Stratege.“

Wie 2014 in Brasilien bekommt es die DFB-Elf in einem Turnierhalbfinale mit dem Gastgeberland zu tun. „Von einem 7:1 gehen wir natürlich nicht aus“, witzelt Thomas Müller, aber Oliver Bierhoff verrät, „dass für uns vor zwei Jahren die Schwächen Brasiliens deutlich erkennbar waren. Und im Spiel konnten wir sie schnell aufdecken“. Schöner Gedanke für ihn: Wenn es wieder so käme. . .

Doch selbst wenn nicht: Der deutsche Fußball ist „an einem guten Punkt“, findet Bierhoff. „Man darf im Erfolg nicht den Fehler machen, einfach aufzuhören wie nach der WM 1990.“ Man müsse dranbleiben. Ex-Co-Trainer Hansi Flick dränge in seiner neuen Rolle als DFB-Sportdirektor darauf, dass der Strom an Talenten nicht versiege. „Für die nächsten zwei, drei Jahre haben wir noch genügend junge Spieler“, sagt Bierhoff. „Danach muss dann auch wieder was kommen. Wir Deutsche suchen immer das Haar in der Suppe, und das ist vielleicht ganz gut so.“

Fußball-EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Stadien und Themenseite

In unserem Übersichtsartikel finden Sie alle Informationen zur EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Termine, Ergebnisse, Gruppen und Kurzporträts der Austragungsorte. Außerdem haben wir alle wichtigen Fakten und Hintergründe zu den Stadien der EM 2016 zusammengestellt. Und: Wir bieten Ihnen die wichtigsten Infos zum Kader von Deutschland bei der EM 2016. Alle aktuellen Nachrichten erfahren Sie außerdem auf unserer Themenseite zur Fußball-EM 2016 in Frankreich bei tz.de. Tipps zum Public Viewing in München gibt es hier, den Link zum Tippspiel unter tippkaiser.de.

gük

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