Interview

BR-Reporter Siems: "Brutal enttäuscht" von EM-Stimmung

+
Das schönste Geschenk: Radiokommentator André Siems aus Starnberg wird am Donnerstag 41 Jahre alt und berichtet vom Halbfinale Deutschland gegen Frankreich.

Starnberg - BR-Radioreporter André Siems ist von der Stimmung bei der EM 2016 in Frankreich ist "brutal enttäuscht". Hier lesen Sie das Interview mit dem Starnberger.

Er war seit der Heim-WM 2006 bei allen großen Fußballturnieren dabei. Radioreporter André Siems aus Starnberg berichtet für den BR auch aus Frankreich. Wir haben mit dem ab Donnerstag 41-Jährigen über seine bisherigen Eindrücke von der EM 2016 gesprochen.

Herr Siems, man hört ja immer wieder, dass in Frankreich nicht so rechte EM-Stimmung aufkommen will. Wie empfinden Sie die Atmosphäre?

Ich bin, ganz ehrlich, brutal enttäuscht. Egal in welchem Land ich bislang gewesen bin und wo ein großes Fußballturnier ausgetragen wurde, die Stimmung war eigentlich immer klasse. Südafrika mit seinen Vuvuzelas und riesen Barbecue Partys auf den Straßen. Brasilien, wo man den Eindruck hatte, dass das Land gar nicht schläft und nur Fußball atmet. All das ist in Frankreich nicht der Fall. Keine geschmückten Autos, keine Fähnchen, keine Euphorie. In Brasserien usw. wollen sie teilweise nicht mal Fußballfans sehen, ich bin schon in eine gewöhnliche Kneipe mal gar nicht reingekommen, weil es hieß: Deutsche Fußballfans wollen wir hier nicht! Autocorsos sieht man nur sehr, sehr selten.

Das wievielte große Turnier ist das für Sie als Radio-Kommentator, wo waren Sie bislang dabei?

Ich bin seit 2006 bei allen großen Fußballturnieren live vor Ort gewesen. Bis 2010 war ich einer unserer Rundumberichterstatter, der Geschichten um die Teams und das Land gemacht hat. Eine tolle Erfahrung, vor allen Dingen der Kontakt zu den Fans, den Einheimischen hab ich sehr genossen. Seit 2010 bin ich hauptsächlich Kommentator und Reporter.

EM 2016 war spielerisch teilweise eine Katastrophe

Wie schätzen Sie dieses Turnier im Vergleich zu den vorangegangenen ein?

Spielerisch ist es teilweise eine Katastrophe gewesen. Langweilige Sandmännchen-Kicks, die man normalerweise anschaut, wenn man abends nicht richtig schlafen kann. Dazu Chaos in den Orten, wo die Organisation teilweise versagt und Züge nicht fahren, gestreikt wird, oder es zu großen Verspätungen kommt. Außerdem zieht sich das Turnier wie ein ausgelutschter Kaugummi. Viel zu viele spielfreie Tage, nur ein Viertelfinale am Tag, man hätte alles viel besser straffen können. Eine positive Überraschung waren die kleinen und neuen Teams bei der EM, Wales und Island haben mich begeistert. Es wird aber im Vergleich zu den anderen Turnieren eher als schwächeres in meinen Erinnerungen bleiben.

Wie erleben Sie die vieldiskutierte Sicherheitslage?

Ganz ehrlich: Ich hab’ mir mehr erwartet! Ich dachte, die Sicherheit wird dort groß geschrieben, aber das trifft nicht überall zu. In Lille oder Lens wurde ich total ausführlich untersucht, fast genauer als am Flughafen. In Lyon dagegen vor dem Spiel Italien gegen Belgien sah der Sicherheitsmann, dass ich ein Italien-Shirt anhatte. Er fragte mich: ,Wo kommst Du her?’ Ich sagte: ,Aus Italien!’ Dann sagte er nur ,Forza Italia!’ und ließ mich durch. Mein ganzer Rucksack war voll mit Radiotechnik, Laptops, Mikrofonen und Übertragungsgeräten, das hätte sonst was sein können. Ich war echt geschockt, dass ihm das alles egal war und er nicht mal reinschaute.

Haben Sie während der EM auch Kontakt nach Starnberg?

Klar, ich telefoniere täglich mit meiner Frau Kirstin über Whatsapp, und mit meinen Eltern, die in Berg wohnen, skype ich regelmäßig über Facetime. Das Wlan jedenfalls funktioniert hier einwandfrei. An freien Tagen bin ich manchmal auch für ein paar Nächte nach Hause geflogen, das ist oft um einiges billiger als ein Hotelzimmmer.

Meine Höhepunkte bei der EM 2016: Die Isländer und Waliser

Was war für Sie bislang das netteste Erlebnis während der EM?

Die Isländer und Waliser! Als ich das erste Spiel der Isländer gegen Portugal kommentiert habe, war ich völlig geflasht. Diese Leidenschaft, dieser Spaß und die Freude, wie gespielt wurde, waren überwältigend. Und als zum ersten Mal von den Rängen dieses: „Huh!“ von den Fans kam, war das ganze Stadion mucksmäuschenstill, alle dachten sich: Was passiert denn hier? Mit den Walisern war ich in einem Zug auf dem Weg nach Lens zum Spiel Russland gegen England. Einer hatte sein Laptop an, alle sangen: „Don’t take me home, Wales don’t take me home!“, bis plötzlich die Tore der Waliser gegen die Slowakei kamen, dann flippten alle noch mal so aus, dass sie ihre Bierdosen durch die Luft warfen. Ich wurde übergossen von Bier und musste in Lens noch mal schnell ein neues T-Shirt kaufen gehen, so wäre ich nie ins Stadion gekommen.

Und was war für Sie bislang das negativste Erlebnis während der EM?

Leider die Franzosen! Sie helfen einem nur ungern oder selten weiter, wenn man sie etwas fragt. Als Fan wird dir gezeigt, dass du hier nicht immer willkommen bist. Ganz furchtbar sind auch die U-Bahnen in Paris: An sehr vielen Haltestellen sieht man Drogenabhängige, die sich ganz öffentlich eine Crack-Pfeife anzünden oder sich eine Spritze setzen. Mütter gehen mit ihren Kindern vorbei und halten ihnen die Augen zu. Auch ich war total geschockt, so etwas habe ich weltweit noch nicht gesehen. Es stinkt sehr nach Schweiß, und die Menschen sehen fürchterlich gezeichnet von den Drogen aus.

EM 2016: André Siems kommentiert Halbfinale Deutschland - Frankreich

Kommentieren Sie das Halbfinalspiel der Deutschen gegen die Gastgebermannschaft?

Ja! Einfach nur genial, ich darf das Halbfinale gegen Frankreich in Marseille kommentieren. Ich habe es nach dem Sieg der Deutschen gegen Italien erfahren und bin fast aus der Hose gesprungen. Marseille, endlich mal kein Regen, sondern warme Temperaturen, eine fußballverrückte Stadt und dann dieses Spiel. Besser geht es fast nicht! Ich kommentiere das Spiel live für viele ARD Radio-Sender, in Bayern bin ich bei Bayern 3 und Bayern 1 zu hören. Und das Beste: Ich kommentiere auch das Finale, es wird mein erstes sein, das ich machen darf.

Sie feiern ja ausgerechnet am Donnerstag Ihren 41. Geburtstag. Welchen Wunsch haben Sie – außer einem Sieg der Deutschen natürlich?

Geht’s noch besser? Geburtstag und dann Deutschland gegen Frankreich bei einer EM, da brauch’ ich keine anderen Geschenke mehr... Obwohl: Liebe Franzosen, Eure Abwehr darf einfach so bleiben, wie sie ist, und bitte viele Geschenke an die Deutschen verteilen!

Was ist Ihr Tipp für das Halbfinale?

Ich hoffe auf ein 3:2 für Deutschland.

Wie lautet Ihr Tipp für das Finale am Sonntag

Ich denke, wir haben eigentlich die beste Mannschaft, eine tolle Abwehr, den besten Torwart der Welt, ein Hammer-Mittelfeld, und auch der Angriff ist klasse. Aber: Das eigentlich bezieht sich auf die Verletztenmisere und die Gelbsperre von Hummels. Es wird richtig hart, aber ich glaube, dass sich alle reinfuchsen und über sich hinauswachsen werden. Im Finale spielt dann Deutschland gegen Portugal, und ich freu’ mich dann schon, wie nach dem Island-Spiel wieder Ronaldo interviewen zu dürfen, der mir damals schon sagte, wie enttäuscht er sei, dass sie verloren haben.

Deutschland gegen Frankreich bei der EM 2016

Wir haben bereits zusammengefasst, wie Sie das Halbfinale Deutschland - Frankreich live im TV und Live-Stream sehen können. Und bieten einen Faktencheck zum Halbfinale sowie einen Blick auf die mögliche Aufstellung.

Das Gespräch führte Michael Baumgärtner

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

BVB: "Sahnehäubchen" Gruppensieg - oder lieber nicht?
BVB: "Sahnehäubchen" Gruppensieg - oder lieber nicht?
FC Barcelona gegen Real Madrid: So endete der Clasico
FC Barcelona gegen Real Madrid: So endete der Clasico
Ismael vor Bayern-Spiel: „Die Messlatte ist unten“
Ismael vor Bayern-Spiel: „Die Messlatte ist unten“
So endete Borussia Dortmund gegen Borussia Mönchengladbach
So endete Borussia Dortmund gegen Borussia Mönchengladbach

Kommentare