Verletzte, Reaktionen, Taktik

Nach dem DFB-Sieg über Italien: tz beantwortet wichtige Fragen

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Jubellauf: Nach dem entscheidenden Tor im Elfmeterschießen stürmen die DFB-Stars los.

Bordeaux - Der historische Sieg der DFB-Elf über Italien wirft allerhand Fragen auf. Die tz beantwortet die wichtigsten mit Blick auf das Halbfinale am Donnerstag.

Das Trauma ist besiegt, der Traum vom Finale lebt! Nach dem dramatischen 6:5-Triumph im Elfmeterschießen über Italien ist die deutsche Mannschaft nur noch zwei Siege vom vierten EM-Titel entfernt. "Jetzt wollen wir natürlich mehr", sagte Jogi Löw nach dem ersten Triumph über die Südeuropäer in einem K.o.-Duell überhaupt. "Das war eine klasse Leistung", adelte er sein Team, das die deutschen Fans im stimmungsvollen Stade de Bordeaux bis kurz vor Mitternacht auf den endgültigen Jubelschrei warten ließ.

"Wir haben Fußball-Deutschland zittern lassen", grinste Benedikt Höwedes hinterher und konnte seine Freude über diesen Erfolg nicht zurückhalten: "So ein Sieg tut besonders gut." Jonas Hector sorgte mit seinem verwandelten Strafstoß für die Entscheidung in einem Elfer-Krimi, der an Spannung kaum zu überbieten war. "Was die Mannschaft geleistet hat, ist eines Champions würdig", meinte Sami Khedira, der schon nach einer Viertelstunde verletzungsbedingt vom Platz musste

Bis zur Krönung fehlen noch zwei Siege, am Sonntag geht es im Stade France um Europas Fußball-Thron. Den Spannungshöhepunkt des Turniers hat die deutsche Elf am Samstagabend jedenfalls schon erreicht - oder vielleicht doch nicht? Im Halbfinale könnte schließlich der Gipfel gegen Gastgeber Frankreich folgen. Die tz beantwortet die wichtigsten Fragen eines emotionalen Wochenendes:

Wie reagiert Löwe auf die Hiobsbotschaften?

Der Bundestrainer steht jetzt vor der nächsten großen Herausforderung. Wieder muss er sein Team umbauen - diesmal aber unfreiwillig. Der Ausfall von Mittelstürmer Gomez wiegt schwer, er hatte dem Offensivspiel mit seiner Wucht und seiner Präsenz deutlich mehr Schwung verliehen. "Besonders für Mario tut es mir leid. Er hat bei der EM starke Leistungen gezeigt und der Mannschaft nicht nur mit seinen Toren sehr geholfen", fühlte Löw mit seinem Torjäger, der das 1:0 gegen Italien glänzend einleitete. Auch bei Khedira und Schweinsteiger wird es bis Donnerstag eng. Und die Erfahrung zeigt, dass beide eher länger brauchen, um Verletzungen auszukurieren. Jogi muss umbauen - viele Optionen hat der 56-Jährige im defensiven Mittelfeld allerdings nicht mehr. Vergangene Woche hatte der Bundestrainer jedoch bereits versichert, jedem seiner 23 Spieler blind zu vertrauen. Jetzt muss er seinen Worten Taten folgen lassen und beschwor gestern noch einmal den Teamgeist: "Es ist sehr bitter, wenn in der entscheidenden Phase des Turniers wichtige Spieler ausfallen. Für uns heißt das, dass wir die neue Situation annehmen und Lösungen finden müssen. Und das werden wir. Die Qualität des Kaders ist hoch, ich habe volles Vertrauen in alle Spieler."

Warum wählte Löw die Dreierkette?

Schon im Vorfeld wurde vorsichtig darüber spekuliert, doch wirklich gerechnet hatte kaum einer mit der Dreierkette. Von TV-Experte Mehmet Scholl wurde der Bundestrainer dafür hart kritisiert, von den Spielern gelobt. "Er ist ein echter Taktikfuchs", meinte Sami Khedira und auch Innenverteidiger Benedikt Höwedes sah in der Umstellung mit einen Schlüssel zum Sieg: "So konnten wir drei da hinten super offensiv verteidigen. Das war eine gute Entscheidung." Für Löw war angesichts der italienischen Ausrichtung schnell klar, dass er die Defensive umstellt - seine Spieler waren also schon frühzeitig eingeweiht. "Ihre Automatismen spielen sie super, aber sie sind leicht berechenbar", sagte Löw über die Italiener - und fand das richtige Mittel, um sie kaltzustellen.

Warum der Showdown in der Italiener-Kurve?

Joachim Löw hat alles richtig gemacht.

Warum ließ Bastian Schweinsteiger trotz gewonnener Wahl das Elferschießen auf die italienische Kurve austragen und auch noch die Squadra Azzurra anfangen? Die meisten Experten würden den deutschen Kapitän für verrückt erklären, weil gerade der erste Schuss als psychologischer Vorteil gilt. Doch auch als Nachzügler behielt der Weltmeister im Duell vom Punkt die Oberhand - als hätte Schweini es geahnt. So erklärte er nämlich später seine durchaus eigenwilligen Entscheidungen. "Ich habe an frühere Elfmeterschießen gedacht", verriet der 31-Jährige. "Im Champions-League-Finale haben wir auf die Bayern-Kurve geschossen", erinnerte sich der Ex-Münchner an das verlorene "Finale dahoam" 2012 gegen Chelsea. Eine Runde zuvor hatte sich der FCB gegen Real Madrid ebenfalls im Elfmeterschießen noch durchgesetzt. "Da haben wir auf die Real-Kurve geschossen", so Schweini. Er verwies zudem auf die Schweiz, die vor den eigenen Fans im EM-Achtelfinale gegen Polen scheiterte. Und: In allen drei Fällen gewann die Mannschaft, die nachziehen musste.

Wie wurden die Schützen festgelegt?

Vor dem Elfer-Krimi versammelte sich das Team, Löw legte mit den Spielern die ersten fünf Schützen fest. Als es in die "Verlängerung" ging, regelten das die Akteure untereinander. "Wir haben uns auf dem Platz abgestimmt ist, wer als Nächster dran ist", verriet Sieg-Torschütze Hector. Er war als neunter DFB-Kicker angetreten - einzig Höwedes und Keeper Manuel Neuer traten am Samstag nicht vom Punkt an.

Wie hat Kanzlerin Merkel gratuliert?

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat der Mannschaft zum Sieg gratuliert. "Was für ein Spiel! Herzlichen Glückwunsch an das DFB-Team (Die Mannschaft) zum Erreichen des Halbfinals", hieß es am frühen Sonntagmorgen auf Merkels offiziellem Facebook-Account. "Ich freue mich sehr über den Erfolg gegen Italien. Jetzt heißt es weiter die Daumen drücken!" Merkel selbst konnte am Samstag nicht im Stadion in Bordeaux dabei sein. Eigentlich hätte Bundesinnenminister Thomas de Maizière auf der Tribüne sitzen wollen. Er musste aber kurzfristig absagen aufgrund von technischen Problemen am Flugzeug.

Wie erlebten die Spieler das Drama?

Mesut Özil trifft zum 1:0.

"Es war ein Drama", meinte Manuel Neuer, der nach seinen zwei gehaltenen Elfmetern (plus zwei am Tor vorbei) zum Spieler des Spiels gekürt wurde. "Dass so viele Schützen antreten mussten, habe ich noch nie erlebt." Jerome Boateng sprach von einer "Schlacht zwischen zwei guten Mannschaften". Der Abwehrboss ärgerte sich über seinen "blöden Fehler" vor dem 1:1, freute sich aber über das Glück im Elfmeterschießen. Für Hector war das Ganze "schwer in Worte zu fassen, ich bin überglücklich". Ähnlich wie der Bundestrainer, der im Genuss des Triumphs einen einzigen, kleinen Kritikpunkt anmerkte: "Wir hätten noch konsequenter spielen können, zu oft haben wir zu früh den Ball verloren." Doch das störte am Ende dieses langen Abends niemanden mehr, nicht einmal ihn selbst.

Wir schwer wird es ohne Mats Hummels?

Der Innenverteidiger ist wegen seiner zweiten Gelben Karte im Turnier gesperrt. Erst nach dem Viertelfinale werden alle Verwarnungen gestrichen, damit kein Spieler aufgrund einer Sperre das Finale verpassen kann. Doch viel mehr als das Regelwerk ärgern die DFB-Stars die Entscheidungen der Schiedsrichter im Fall Hummels. "Auf diese Art und Weise ist es besonders ärgerlich, denn die erste war in meinen Augen überhaupt keine", meinte der Leidtragende selbst und erinnerte damit an seine in der Tat zweifelhafte Verwarnung gegen die Slowakei. Unterstützung gab es von seinem Nebenmann. "Das ist eine Frechheit", schimpfte Jerome Boateng: "Er erhält zweimal Gelb für Fouls, die niemals gelbwürdig waren. Sein Ausfall wiegt schwer." Als Alternativen stehen Höwedes oder ­Shkodran Mustafi bereit.

Wie geht es weiter für die Mannschaft?

Noch in der Nacht reiste der DFB-Tross zurück nach Evian, am Sonntag stand eine lockere Regenerationseinheit auf dem Programm. Zuletzt hatte Löw der Mannschaft nach den Siegen gegen Nordirland und die Slowakei einen freien Tag gegönnt, doch der ist jetzt bis zum Halbfinale nicht mehr vorgesehen. In drei Tagen steht schon das nächste Spiel auf dem Plan, in Marseille trifft der Weltmeister dann auf Gastgeber Frankreich. Das Abschlusstraining von Jogis Jungs wird aller Voraussicht nach am Mittwochvormittag noch in Evian stattfinden, ehe es am Nachmittag dann in die südfranzösische Hafenstadt geht. "Wenn die Franzosen ihre Leistung abrufen, werden sie wahrscheinlich ins Halbfinale einziehen", rechnet der Bundestrainer mit Paul Pogba & Co. als nächstem Gegner. Doch auf wen der Weltmeister auch trifft, die Marschroute ist klar: "Ziel ist es, das Finale zu erreichen."

Was denken die anderen?

Gazzetta dello Sport (Italien): Es lebe Italien. Wenn Deutschland unser Everest war, sind wir einen Schritt vor der Spitze gescheitert.

L'Equipe (Frankreich): Deutschland schreibt die Geschichte neu. Dazu bedurfte es allerdings einer unendlichen Serie von Elfmetern, in denen es hü und hott zuging. Am Ende aber stehen sie im Halbfinale, und der Gegner am Donnerstag braucht alle Klasse dieser Welt, um sie vom Weg abzubringen.

Marca (Spanien): Deutschland verändert die Geschichte.

Sven Westerschulze

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