EM-Finale im Stadion des Terrors

Wie die DFB-Spieler mit den schlimmen Erinnerungen umgehen sollten

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Es sollte ein schöner Fußballabend werden - doch der 13. November endete im Terror.

Paris - Das DFB-Team will das EM-Finale erreichen. Das findet im Stade de France statt - dort, wo Deutschland am Tag der schrecklichen Terroranschläge spielte. Was löst die Rückkehr bei den Spielern aus? Die tz sprach mit einem Experten.

Die deutsche Mannschaft im Stade de France – ein Bild, das wir uns auch am 10. Juli wünschen, wenn das EM-Finale dort ausgetragen wird. Dass der DFB nicht mit purer Euphorie nach Paris reist, hat einen Grund: der Terroranschlag, der Paris am Abend des Länderspiels zwischen Frankreich und Deutschland im November auch am Stade de France erschütterte, ist immer noch in unseren Köpfen – auch in denen der Nationalspieler. Die tz sprach mit Prof. Florian Holsboer, dem renommierten Psychiater und langjährigen Direktor des Max-Planck-Instituts.

Professor Holsboer, was löst die Rückkehr ins Stade de France in den Köpfen der Spieler aus?

Prof. Florian Holsboer: Bei dem ein oder anderen sicherlich ein mulmiges Gefühl. Es ist auch nicht verwunderlich, wenn einigen der Gedanke durch den Kopf geht, ob sie das Stadion diesmal ohne schlimme Zwischenfälle verlassen können.

Kann man die schlimmen Anschläge denn ausblenden oder ist das unmöglich?

Holsboer: Auf dem Weg ins Stadion und in der Kabine schießen sicher noch mal die Gedanken von damals durch den Kopf. Aber sobald die Spieler den Rasen betreten, ist davon nichts mehr zu spüren. Dann sind sie voll konzentriert und denken an nichts anderes, als eine gute Leistung abzurufen und das Spiel gewinnen zu wollen. Da liegt der Fokus zu 100 Prozent auf dem, was auf dem Platz passiert und nicht drum herum.

Wie sollte man im Vorfeld denn mit dem Thema umgehen? Offen ansprechen oder es gar nicht groß erwähnen?

Holsboer: Mein Rat ist in solchen Fällen immer, darüber zu reden. Die Widerstandskräfte gegen solch ein Erlebnis kann man am besten dann stärken, wenn man das Erlebte einzuordnen weiß. Seit der Terrorismus eine neue Form angenommen hat, leben wir in einer anderen Welt. Ob auf offener Straße, ob in einem Club wie kürzlich in Orlando – wir sind nicht mehr überall sicher.

Spieler sollen sich auf ihre Aufgabe konzentrieren

Wie stellt man sich als Spieler am besten auf die Situation ein? Mit den Kollegen oder doch besser mit einem Psychologen reden?

Im November flohen die Fans nach den Terroranschlägen ins Innere des Stadions.

Holsboer: Ich rate davon ab, jetzt speziell ein psychologisches Coaching mit in die Spielvorbereitung einzuarbeiten. Ganz einfach, um das Thema nicht noch höher zu hängen, als es schon ist. Die Spieler sollen sich auf ihre Aufgaben auf dem Platz konzentrieren. Wie eben bereits erwähnt ist es natürlich wichtig, die Geschehnisse von damals noch einmal anzusprechen, um die Widerstandskräfte zu stärken. So erwirbt man am ehesten die Fähigkeit, das Erlebte auszublenden und sich nicht davon beängstigen zu lassen. Aber das sollte nicht in einer Art Sprechstunde oder Gruppentherapie stattfinden. Viel wichtiger ist es, dass die einzelnen Spieler das als Mannschaft gemeinsam aufarbeiten und erörtern. Gerne auch im Beisein des Trainers.

Da wären Löws Führungsspieler auch abseits des Platzes gefragt.

Holsboer: Richtig. Für solche Situationen sind die routinierten Spieler enorm wichtig. Sie haben schon eine Menge erlebt, können den jüngeren Halt geben. Ein Schweinsteiger, ein Neuer, ein Khedira oder ein Kroos – die kann nichts mehr überraschen und sie können ihre Erfahrungen an die Youngster weitergeben, wenn es darum geht, mit solchen Situationen umzugehen.

Nicht alle Spieler waren im November dabei – macht das einen Unterschied in der Vorbereitung?

Holsboer: Nein, ich glaube, das ist eine kollektive Sorge. Die befällt nicht nur die Spieler, die damals dabei waren. Die Sorge haben wir ja alle geteilt. So geht es den Zuschauern auch. Jeder, der am Donnerstag im Stadion sitzt, hat ja eine gewisse Sorge – egal, ob er im November schon bei dem Spiel war oder nicht.

Also sollte man das Spiel wie jedes andere angehen.

Holsboer: Am besten so normal wie möglich. Es wird ja auch alles getan, um solche Taten zu verhindern. Die Spieler sollen sich auf ihr Hauptgeschäft konzentrieren. Und ich bin mir sicher, dass sie sich nicht von den Ereignissen im November einschüchtern lassen. Eher macht sich eine „Jetzt erst recht“-Stimmung breit. Das ist genau richtig.

Interview: Sven Westerschulze

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