Geruchstest, Hosengate und Co.

Experte: Darum ist der Job als Bundestrainer so hart

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Joachim Löw an der Seitenlinie.

Paris - Im Gespräch mit dem Münchner Merkur erklärt ein Experte, warum man Jogi Löw seine Fehlgriffe nachsehen sollte – und welcher Stress bei der EM an der Seitenlinie durchlebt wird.

Deutschland gegen Italien, das wird auch ein Duell zweier impulsiver Trainer. Hier Joachim Löw, der sagt, er sei zwar ein gelassener Mensch, „aber natürlich ärgere ich mich, wenn ein paar Fehlpässe hintereinander gespielt werden. Schließlich bin ich bei der Arbeit“. Dort Antonio Conte, der 90 Minuten in Bewegung ist, auch mal einen Ball wegschlägt oder aufs Dach seiner Bank springt (wenn er gewonnen hat). „Viele Dinge geschehen im Unterbewusstsein“, sagt Löw, dessen Griff in die Hose (beim Spiel gegen die Ukraine) oder unter die Achsel (Achtelfinale) ein vieldiskutiertes Randthema waren. Über die speziellen Belastungen von Trainern während der EM sprachen wir mit Christian Nawrath. Der Diplom-Psychologe aus Berlin promoviert zum Thema Trainerentlassungen, hat dazu ein Buch geschrieben („Arbeiten auf dem Schleudersitz. Trainer werden, Trainer sein, Trainer bleiben“).

Herr Nawrath, National- oder Bundestrainer sind sicher eine spezielle Kaste im Trainerwesen. Worin liegen die Unterschiede zum Vereinstrainer?

Christian Nawrath: Der Nationaltrainer arbeiten in Zyklen von Qualifikationen und Turnieren, das sind meist zwei Jahre. Aber es kann ihnen passieren, dass eine Niederlage entscheidend ist, wie beim Engländer Roy Hodgson die gegen Island. Der musste am nächsten Tag noch eine Pressekonferenz ab- und seinen Kopf hinhalten. Oder nehmen Sie Ante Cacic von den Kroaten. Sie gelten als die Überraschung des Turniers, werden zum Mitfavoriten und verlieren ihr Achtelfinale in der Verlängerung. Schon am nächsten Tag wird in den Medien die Frage gestellt, ob der Trainer bleiben darf? Da sind dann im Turnier die Erwartungen gestiegen. Bei einem Vereinstrainer hat ein Spiel selten eine solche Wirkung, vielleicht ein sehr schlecht gespieltes Derby. Aber wegen eines einzigen Spiels wird ein Vereinstrainer normal nicht entlassen, eher nach einer Niederlagenserie.

Lebt ein Nationaltrainer nicht trotzdem entspannter?

Joachim Löw griff sich beim Spiel gegen die Ukraine mehrfach - wohl unbewusst - in die Hose.

Nawrath: Unterm Jahr hat er sicher nicht diese Arbeitsplatzverlustangst wie ein Bundesligatrainer, der oft von Woche zu Woche oder gar Tag zu Tag lebt. Dafür steigt der Druck im Turnier. Ein ganzes Land erwartet etwas, beim Verein ist das Interesse nur regional oder überregional. Der Nationaltrainer hat lange Zeit, auf etwas hinzuarbeiten, doch in diesen drei oder mehr Spielen muss es dann funktionieren. Dann kann die Belastung noch höher sein als beim Vereinstrainer. Ein Nationaltrainer kann auch nicht sagen, er habe diesen oder jenen Spieler nicht bekommen, denn ihm stehen die Besten zur Verfügung, er kann bis zu Turnierbeginn jederzeit neue Spieler auswählen. Die Kunst des Nationaltrainers muss sein, dass er langfristig die richtigen Vorkehrungen trifft. Dass er wie die Ungarn eine ausführliche Vorbereitung abhält oder bei der Nominierung darauf achtet, auch die Spieler zu nehmen, die am teamfähigsten sind.

Ist es glaubwürdig, wenn Joachim Löw sagt, dass er gar nicht mitbekomme, was er gelegentlich an der Seitenauslinie so alles mache?

Nawrath: Ich habe mit vielen Trainer Interviews geführt, dabei kam heraus, dass sie während des Spiels häufig so fokussiert auf das Geschehen sind, dass sie beispielsweise völlig vergessen, dass sie noch auswechseln können. Der Co-Trainer muss sie manchmal darauf aufmerksam machen, dass sie diese Option noch haben.

Trainer werden sich antrainieren, besser auf ihr Verhalten zu achten

Trainer werden bei der Europameisterschaft mit einer eigens und permanent auf sie gerichteten Kamera dauerbeobachtet. Erhöht das noch den Druck auf sie?

Nawrath: Ja, und sie werden sich antrainieren, noch mehr auf ihr Verhalten zu achten. In manchen Ländern sieht man, wie die Trainer sich angewöhnt haben, bei Anweisungen die Hand vor den Mund zu halten, damit nicht Lippenleser herausfinden, was sie sagen.

Wie macht sich Belastung für Trainer körperlich bemerkbar?

Nawrath: Dazu gibt es Untersuchungen, dass die Ausschüttung von Cortisol – das ist ein Stresshormon – in einem Bereich stattfindet, in dem ein Herzinfarkt möglich ist. Vor wichtigen Spielen können Trainer meist noch ganz gut schlafen, da sind sie vorbereitet fokussiert. In der Nachbetrachtung schrecken sie nachts auf, sie beschäftigen sich ständig mit dem Spiel, befinden sich in Gedankenschleifen. Man braucht einen Ausgleich, Joachim Löw etwa ist in Brasilien immer joggen gegangen. Bewegung ist eine Möglichkeit des Stressabbaus.

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Und Schreien am Spielfeldrand? Löw sagt dazu, es falle schwer, sich vernehmlich zu machen, es sei besser, eine Unterbrechung abzuwarten und einen Spieler zu sich zu winken. Ist das Hineinrufen also eher Eigentherapie?

Nawrath: Das ist typabhängig. Bei Trainern wie Jürgen Klopp oder Antonio Conte, bei denen es brodelt, ist es besser, sie lassen das alles raus. Das Gegenbeispiel war der frühere russische Trainer Lobanowski, der sich kaum rührte. Die Zuschauer sollten einfach respektieren, dass jeder so ist, wie er ist – solange er sich innerhalb der Richtlinien bewegt.

Wie gehen die Deutschen mit Joachim Löw um?

Nawrath: Er hat die EM ja als Teil einer Übergangsphase deklariert. Weil er schon etwas erreicht hat, nämlich den Weltmeistertitel, würde man ihm wahrscheinlich sogar ein Ausscheiden gegen Italien im Viertelfinale nachsehen.

Übrigens: Wir haben bereits zusammengefasst, wie Sie das EM-Viertelfinale zwischen Deutschland und Italien live im TV und im Live-Stream sehen können.

Das Interview führte Günter Klein

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