Oliver Buch erlebt 14. Turnier vor Ort

Sechzig-Fan bei EM: "Uns schockt so leicht nichts mehr"

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Ein Herz für Sechzig und Deutschland: Oliver Buch (l.) folgt seinem Klub und seinem Nationalteam überall hin.

München - Oliver Buch reist dem DFB-Team bei EM und WM hinterher. Auch in Frankreich ist der Sechzig-Fan vor Ort. Er vergleicht die größte EM aller Zeiten mit vorigen Turnieren.

Fußball und Reisen, idealerweise in Kombination - Oliver Buch aus Alling bei München lebt seine größten Hobbys mit absoluter Hingabe. Quasi nebenbei pflegt der 48-jährige Familienvater und Geschäftsführer eines Kassensystem-Unternehmens auch noch eine riesige Sammlung an Eintrittskarten und Stadionheften, die sich im Internet unter stadionprogramm.de bestaunen lässt. Mit der tz teilt Buch seine Eindrücke von der EM in Frankreich, seinem 14. Turnier, das er live vor Ort erlebt.

Herr Buch, gerade sind Sie vom Spiel der deutschen Mannschaft gegen Nordirland aus Paris zurückgekommen, am Sonntag geht's zum Achtelfinale nach Lille. Ein straffes Programm…

Buch: Ja, aber wir sind's gewohnt. Seit Jahren sind wir zu viert unterwegs, auch die Auswärtsspiele von 1860 gehören zum festen Programm. Da schockt einen so leicht nichts mehr (lacht).

Wie sind die Eindrücke bislang? Was ist Ihnen an Positivem aufgefallen?

Buch: Ganz klar die geile Stimmung. Auch rund um die Stadien ist es wirklich spaßig, die Franzosen sind freundlich und hilfsbereit. Das war mir von früheren Reisen anders in Erinnerung, wo du oft als blöder Deutscher behandelt wurdest.

Wie sind die Schwarzmarktpreise?

Buch: Ich habe bei der idiotischen Internet-Verlosung, wo du für Deutschland-Karten Mitglied in diesem komischen Fanclub Nationalmannschaft sein musst, dieses Mal kein Follow-your-team-Ticket bekommen. Aber es gibt rund um die Stadien immer was zu kaufen. Beim Ukraine-Spiel gingen Karten zu 150 Euro Normalpreis für 20, 30 Euro weg, da scheinen sich einige Leute ziemlich verschätzt zu haben. Bei der WM 1998 haben die Schwarzmarkthändler die Tickets noch lieber verbrannt als sie unter Normalpreis abzugeben, das hat sich geändert.

Wie haben Sie die erhöhte Sicherheitsstufe erlebt?

Oliver Buch.

Buch: Man merkt natürlich schon, dass das Polizeiaufgebot höher als normal ist, aber die Atmosphäre ist jetzt nicht beklemmend. Die Einlasskontrollen sind genauso streng wie vor zwei Jahren in Brasilien oder davor bei der EM in Polen und der Ukraine. Alles im Rahmen.

Stichwort Hooligans…

Buch: Wir haben in der Hinsicht noch keine negativen Erlebnisse gehabt, aber das mit den Russen ist ja nichts Neues. Das sind kriminelle Schläger, die sich ohne jede Hemmung abreagieren. Ich bin gespannt, was das nächstes Jahr beim Confed Cup und 2018 bei der WM wird.

Was würden Sie als alter Hase Fans raten, die Angst vor Ausschreitungen haben?

Buch: Generell? Man sollte große Menschenansammlungen meiden, wo stundenlang herumgestanden und gesoffen wird. Aus meiner Erfahrung scheppert es da irgendwann. Bei der WM 1990 vor dem Mailänder Dom habe ich das zum ersten Mal erlebt. Langeweile und Promille sind eine gefährliche Kombination.

Welche Entwicklungen nerven Sie am meisten?

Buch: Ganz klar die zunehmende Kommerzialisierung und Eventisierung. Ein Beispiel: Nach dem Finale in Rio vor zwei Jahren haben sie im Stadion die Musik so laut aufgedreht, dass du dein eigenes Wort nicht mehr verstanden hast. Diese Vollbeschallung der Spiele ist eine echte Unart geworden. Aber es gibt Leute, denen das gefällt. Gerade bei Turnieren hast du viele Menschen, denen der Fußball eher wurscht ist. Die wollen unterhalten werden.

Ein Wort zum aufgestockten Teilnehmerfeld?

Buch: Oh mei. Ich bin für eine 48er-EM, wo nach der Vorrunde drei Mannschaften rausfliegen. Aber darf ich noch was zum DFB loswerden?

Freilich.

Buch: Ich find's bedenklich, wie die Nationalmannschaft durch Freundschaftsspiele entwertet wird. Das ist die pure Zuschauerverarsche, auf die kein Spieler wirklich Lust hat. Wer dafür noch bezahlt, ist selbst schuld.

Zum Glück geht's jetzt um was. Was trauen Sie der deutschen Mannschaft noch zu im Turnier?

Buch: Nordirland war eine Graupenmannschaft, kein Maßstab. Ich glaube schon, dass sie die Slowakei schlagen, dann spielt auch der Faktor Glück eine Rolle. Ich kann mir vorstellen, dass Kroatien bis ins Endspiel kommt. Die haben echt eine gute Mischung - und das sage ich nicht nur, weil meine Mutter Kroatin ist.

Heikle Frage zum Schluss: Wie schwierig ist es als Löwen-Fan, die mit Bayern-Profis gespickte Nationalmannschaft anzufeuern?

Buch: Na ja, so viele Bayern-Spieler sind es jetzt auch wieder nicht. Aber klar, die Frage ist schon berechtigt. Man muss es ausblenden. Zum Glück ist man als Sechzger im Ausblenden und Verdrängen nicht ganz ungeübt.

Interview: Ludwig Krammer

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