Man will wissen, wo man steht

"Positiv aufgeregt": Das DFB-Team in den Momenten vor EM-Start

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Bald geht’s los – die Konzentration steigt: Auch DFB-Torhüter Manuel Neuer sehnt das erste EM-Spiel herbei.

Evian-les-Bains – Am Samstag um 11.25 Uhr fliegt die deutsche Mannschaft nach Lille, am Sonntag um 21 Uhr ist ihr erstes Spiel gegen die Ukraine. Man will wissen, wo man steht, das ist in den Tagen vor dem Turnierstart immer so.

Keiner war in den vergangenen beiden Jahren seit der WM 2014 mehr Stammspieler in der Nationalmannschaft als ...?

Als Jonas Hector. Er verletzt sich nicht. Er kommt immer, wenn er eingeladen wird. Er ist als linker Verteidiger so gut wie konkurrenzlos.

Und dennoch: Der Kölner wirkt noch frisch und unverbraucht, alles, was er erlebt, ist neu und ungeahnt für ihn, der in der Welt des Fußballs noch nicht mal Geld bewegt hat. Er ist vom SV Auersmacher aus der Oberliga vor sechs Jahren zur Reserve des 1. FC Köln gewechselt, er hat keine Ablöse gekostet. Und immer noch ist Jonas Hector mit dem Herzen im Saarland, in Auersmacher, wo sein Bruder Lucas diese Saison 39 Tore geschossen hat. 39! „Im Abschluss hat er“, sagt Jonas, „mehr Qualitäten als ich“.

Jonas Hector strahlt, leuchtet, ist ergriffen, als er neben Manuel Neuer auf den Podium der Pressekonferenz sitzt, und obwohl der berühmte Torwart aus München sagt, „dass Jonas doch schon lange bei uns angekommen ist und nicht mehr integriert werden muss“, spürt man, wie unwirklich sich das alles für Hector anfühlen muss. „Normal ist für mich noch nichts“, erklärt er, und was die EM betrifft, ist er „positiv aufgeregt“. Er tut sich schwer, ausführende Worte für dieses Glück zu finden: „Es ist noch mal was anderes als ein Pokal-, Bundesliga- oder Qualifikationsspiel.“

Jonas Hector ist so was von bereit für die Europameisterschaft – die anderen Spieler auch? Sie sind nun endlich vollzählig, am Mittwochabend ist der von seiner zweiten Vaterschaft beflügelte Lukas Podolski am Lac Leman eingetroffen, am Donnerstag um 11.45 Uhr direkt aus dem abgebrochenen Urlaub in Miami der nachnominierte Jonathan Tah. Er übernimmt nun alles vom mit Kreuzbandriss ausfallenden Antonio Rüdiger: das Hotelzimmer, die Rückennummer 16. „Nur die Trikotgröße werden wir ändern müssen“, sagt Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff. Rüdiger ist mehr der schlaksige Typ, Tah ist auch groß geraten, aber bulliger, breiter.

Heute soll sich das EM-Gefühl verstärken. Die Spieler werden sich vor den Fernsehern im Hotel „Ermitage“ versammeln, um das Eröffnungsspiel anzusehen. „Die Gespräche über Fußball nehmen zu“, registriert Bierhoff. Und was ihm auch aufgefallen ist: Keine Grüppchenbildung, „die Führungsspieler führen mit den jungen Spielern viele Gespräche“. Auch Manuel Neuer ist unter den Erzählern. Sein viertes Turnier steht an, er ist auch schon 30 und kann seine Rolle jetzt auch anders genießen als vor zwei Jahren. „Da hatte ich diese Schulterproblematik, nun war die Vorbereitung eine ganz andere. Ich konnte anders einwirken.“ Wird er der Kapitän, so lange Schweinsteiger noch nicht startelfbereit ist? Wahrscheinlich, er war bisher schon die 1a-Lösung, sagt aber: „So wichtig ist das in der Mannschaft nicht, wer die Binde trägt.“

Fußball-EM 2016: Wie löst Löw die Abwehrfrage?

Was dagegen wichtig ist: die Lösung der Abwehrfrage. Wer verteidigt zentral neben Boateng? Wer übernimmt die rechte Seite? Neuer ist sich sicher, „dass wir eine funktionierende Abwehr haben werden. Ich als Torwart kann mit jedem zusammenspielen, der hier ist.“ Jonas Hector hat sich auf der linken Seite mit Julian Draxler als Vordermann eingespielt, dadurch ist auch der Wolfsburger derzeit ein Kandidat fürs Auftaktspiel gegen die Ukraine. Das Tor zum 1:0 im Test gegen Ungarn (2:0-Endstand) fiel aus einer Hector-Draxler-Kombination heraus. „Solch Sachen kann man mal aufziehen“, sagt der Verteidiger.

Am Samstag um 11.25 Uhr fliegt die deutsche Mannschaft nach Lille, am Sonntag um 21 Uhr ist ihr erstes Spiel gegen die Ukraine. Man will wissen, wo man steht, das ist in den Tagen vor dem Turnierstart immer so. Oliver Bierhoff weiß, dass man auch „die erste Müdigkeit nach dem ersten Spiel spüren, das erste Heimkommen erleben muss“. Ab Montag, blickt er voraus, werde in Deutschland dann womöglich auch schon vom „Geist von Evian“ gesprochen werden.

Fußball-EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Stadien und Themenseite

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