Randale bei der EM 2016

Gewalt-Forscher im tz-Interview: "Der Hooliganismus wächst"

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Ein Russe posiert vor Sicherheitskräften in Marseille.

Lille - Straßenschlachten, Jagdszenen im Stadion, Ausschreitungen deutscher Hooligans in Lille – Gewalt überschattet die EM. Die tz sprach mit Sportsoziologe Gunter A. Pilz (71). Der Honorarprofessor der Uni Hannover ist Gewalt- und Konfliktforscher in den Bereichen Sport und Gesellschaft.

Herr Pilz, haben Sie die Gewalt-Exzesse überrascht?

Gunter A. Pilz: Das Spiel England gegen Russland galt ja schon vor der EM als am höchsten gefährdet, als besonders risikobehaftet. Man wusste vorher, dass es Probleme geben kann.

Und was lief dann schief?

Pilz: Die Vorfälle erinnern an die schlimmsten Zeiten des Hooliganismus in den 80er- und 90er-Jahren. Dass im Stadion Ordner überlaufen werden, dass russische Hooligans die Engländer im Stadion angreifen, dass Pyrotechnik gezündet wird – das hätte nie passieren dürfen.

Ein direkter Vorwurf an die Sicherheitskräfte…

Pilz: Wie schon bei der WM 1998 hat sich gezeigt, dass die Franzosen beratungsresistent sind. Vielleicht haben sie sich im Vorfeld zu sehr auf den Terror konzentriert. Was den Hooliganismus betrifft, wurden Warnungen in den Wind geschlagen, deshalb sind die Probleme auch hausgemacht. Bei den EMs 2008 und 2012 gab es keine Probleme.

Die Engländer haben den französischen Sicherheitskräften jetzt Unterstützung angeboten – könnte das helfen?

Pilz: Sicher, denn die Engländer spielen ja noch ein paar Spiele. Und wenn ich jetzt höre, dass die Franzosen die Sicherheitsvorkehrungen verschärfen – um Himmels Willen, das hätte man doch vorher machen müssen.

Brächte ein Ausschluss von England und Russland was?

Die englischen "Fans" in Marseille wurden mit Tränengas beschossen.

Pilz: Das wäre der blanke Hohn und ein Offenbarungseid. Eine Kollektivstrafe löst das Problem nicht, die Hooligans werden nicht verschwinden. Außerdem haben in Marseille zunächst französische Hooligans Engländer angegriffen. Soll Frankreich deshalb ausgeschlossen werden?

In Lille haben rund 50 deutsche Hooligans randaliert, das ist zu verurteilen, aber nicht zu vergleichen mit den fürchterlichen Bildern aus Marseille…

Pilz: Der DFB hat viel Geld in die Hand genommen und Prävention betrieben. Es sind auch Szenekundige vor Ort. Da hat man sich des Wissens von Fachleuten bedient, aber natürlich kann man Gewalt nicht komplett ausschließen.

Wird man das Gewaltproblem im Fußball je lösen können?

Pilz: Die Zeichen stehen so, dass der Hooliganismus wieder am wachsen ist. Er ist vermehrt mit Rechtsradikalen durchsetzt und speist sich aus den Ex-GUS-Staaten (Nachfolge-Organisation der Sowjetunion, d. Red.). Da sind auch viele Kriminelle dabei.

Krawalle

Was erwarten Sie für den Rest der EM?

Pilz: Ich hoffe, dass es nicht wieder zu Gewalt kommt. Klar ist aber: Deutschland gegen Polen am Donnerstag wird das nächste Spiel mit der höchsten Risikostufe. Interview: Bernd Brudermann

Interview: Bernd Brudermanns

Fußball-EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Stadien und Themenseite

In unserem Übersichtsartikel finden Sie alle Informationen zur EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Termine, Ergebnisse, Gruppen und Kurzporträts der Austragungsorte. Außerdem haben wir alle wichtigen Fakten und Hintergründe zu den Stadien der EM 2016 zusammengestellt. Und: Wir bieten Ihnen die wichtigsten Infos zum Kader von Deutschland bei der EM 2016. Alle aktuellen Nachrichten erfahren Sie außerdem auf unserer Themenseite zur Fußball-EM 2016 in Frankreich bei tz.de. Tipps zum Public Viewing in München gibt es hier, den Link zum Tippspiel unter tippkaiser.de.

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