Interview mit dem Ex-Bayern-Trainer

Hitzfeld: "Deutschland kommt ins Rollen"

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Bei der WM 2014 noch Schweizer Coach, in Frankreich Zuschauer: Hitzfeld war bei drei EM-Spielen vor Ort.

München – Ottmar Hitzfeld spricht mit dem "Merkur" über typische Turnierverläufe, die Bereicherung Kimmich, Götzes Druck, Ibrahimovic und den Terror.

Ottmar Hitzfeld (67) hat am Dienstag das 1:0 der Deutschen gegen Nordirland im Münchner Olympiastadion verfolgt, der frühere Bayern-Trainer war von „Camp David“ zum Public Viewing eingeladen. In unserem Interview analysiert er die EM.

Herr Hitzfeld, ist diese EM toll oder langweilig?

Ottmar Hitzfeld: Ich finde das Niveau sehr gut. Alle Teams sind sehr gut organisiert und wollen nach vorne spielen. Auch wenn es manche nicht so gut nach vorne können: Der Wille ist immer da. Ich denke etwa an Island, das durch Kampfgeist auffällt. Ich finde das sensationell, sie haben ja bloß 330 000 Einwohner. Wales ist auch über sich hinausgewachsen, sowas ist immer sympathisch. Und ich sah auch die Deutschen nie so schlecht, wie sie gemacht wurden. Deutschland ist ja bekannt dafür, langsam in ein Turnier zu starten.

Es fallen generell wenig Tore. Wird das in der K.o.-Phase besser werden?

Hitzfeld: Die Mannschaften sind alle sehr gut organisiert. Die Favoriten müssen heute mehr aufpassen als früher. In der Gruppenphase neutralisiert man sich eher als in K.o.-Phasen, da müssen beide Seiten auf Sieg spielen. Da werden dann auch mehr Tore fallen.

Den Deutschen, so sagen einige Kritiker, fehle der Mut zum Risiko . . .

Hitzfeld: Das sehe ich nicht so. Sie haben eine schlechte Chancenauswertung, müssen im letzten Drittel des Feldes noch schneller kombinieren und mehr Spieler in den 16er bekommen. Da war vielleicht zu sehr der Sicherheitsgedanke drin. Aber man will nicht ausgekontert werden, etwa von Polen, das da seine Stärken hat. Ich sage Ihnen: Deutschland kommt ins Rollen.

Wenn die Räume eng sind, sind Spezialisten für 1:1-Situationen der Schlüssel. Pep Guardiola ließ bei Bayern eigens welche kaufen. Bräuchte Joachim Löw ein paar Dribbler mehr?

Hitzfeld: Nicht unbedingt. Julian Draxler kann das, auch Mario Götze. Thomas Müller war anfangs noch zu isoliert, er hatte mit Benedikt Höwedes meist einen anderen Verteidiger als früher hinter sich . . .

. . . Philipp Lahm ist schwer zu ersetzen . . .

Hitzfeld: Sehr schwer. Es ist ein Unterschied, ob sich ein offensivstarker Verteidiger mit in die Kombinationen einschaltet oder nicht. Joshua Kimmich ist da eine totale Bereicherung. Es war nicht Müllers Schuld, dass er bisher nicht so zur Geltung kam.

Auf Götze prasselt noch mehr Kritik ein . . .

Hitzfeld: Ja, aber er ist gewillt, und ich finde, er spielt auch gar nicht so schlecht. Auf ihm lastet ein enormer Druck. Bei Bayern hatte er wenig Chancen, jetzt durfte er von Beginn an bei der EM auflaufen. Er will sich beweisen, auch für Carlo Ancelotti, der die EM sicher verfolgt. Er braucht Spiele, um in Top-Form zu kommen.

Wie bewerten Sie, dass er bei Bayern bleiben will?

Hitzfeld: Ich weiß nicht, was da unter dem Strich rauskommt. Bei einem Super-Angebot ändert er eventuell seine Meinung. Das war noch nicht das letzte Wort, würde ich denken.

Mats Hummels sagte nun, seit dem WM-Sieg würden die Deutschen ihre Nationalelf verklären.

Hitzfeld: Deutschland muss immer der Beste sein, und als Weltmeister musst du immer die meisten Tore schießen etc. – so eine Erwartungshaltung kannst du ja fast gar nicht erfüllen.

Ist die deutsche Nationalelf schwächer als 2014?

Hitzfeld: Nein. In Deutschland wird viel diskutiert, das gehört zu dieser Nation. Ich weiß das von meiner Zeit bei Bayern: Selbst auf Platz eins kannst du hier Kritik bekommen.

Hat diese EM schon Stars hervorgebracht?

Hitzfeld: Bei Italien haben Eder und Pellè überragend gespielt, das hatte man so vielleicht nicht erwartet. Gareth Bale hat die Erwartungen übertroffen, nur ihm hat Wales zu verdanken, dass man Erster wurden. Dimitri Payet bei Frankreich ist auch positiv aufgefallen.

Zlatan Ibrahimovic ist auf verlorenem Posten. Wie sehen Sie die Gerüchte, der Schwede könnte zu den Bayern kommen?

Hitzfeld: Das kann ich nicht beurteilen. Er hat wohl mit Ancelotti ein inniges Verhältnis seit seiner Zeit bei Paris. Aber Robert Lewandowski mit Ibrahimovic, das passt ja nicht. Das wäre dann ein Top-Mann zu viel. Da müsste einer gehen.

Wie erleben Sie persönlich eigentlich eine EM in Zeiten der Terror-Angst?

Hitzfeld: Man läuft nicht blind durchs Leben, einer gewissen Gefahr sind wir uns alle bewusst. Ich war bei den drei Spielen der Schweizer in Frankreich und fand die Kontrollen beruhigend. Vor der EM hatte ich ein komisches Gefühl, aber ich fühlte mich dann sicher.

Wer gewinnt die EM?

Hitzfeld: Deutschland. Ich bin so programmiert. Finale mit Spanien (Anm. der Redaktion: Das Interview wurde vor dem Ergebnis der Spanier gegen Kroatien geführt).

Interview: Andreas Werner

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