Deutsche Hooligans prügelten ihn fast tot

18 Jahre nach der "Schande von Lens": Nivel besucht DFB-Auftakt

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Daniel Nivel (M.) bei einem WM-Spiel 2006.

Lille - Während der WM 1998 wurde der Gendarm Daniel Nivel von deutschen Hooligans fast totgeprügelt. Der Franzose und seine Familie leiden noch immer an den Folgen, dennoch will er am Sonntag das Auftaktspiel Deutschlands in Lille besuchen.

Daniel Nivel hat keine Erinnerungen an diesen heißen Sommertag in Lens. An diese zwei Minuten, die sein Leben zerstörten. Der ehemalige Gendarm weiß nicht mehr, wie er mit zwei Kollegen die ruhige Rue Romuald Pruvost bewachte, wie er in seiner Uniform schwitzte und mit einem kleinen jungen Fußball spielte. Wie irgendwann eine Gruppe deutscher Hooligans die schmale Gasse stürmte. Wie schließlich Schläge und Tritte auf seinen Körper und Kopf einprasselten. 

Der 21. Juni 1998 ist ein weißer Fleck in der Erinnerung des Franzosen, doch er wird Daniel Nivel für immer begleiten. An diesem Tag vor 18 Jahren brachten deutsche Gewalttäter "endloses Leid" über seine Familie, sagt seine Ehefrau Lorette. Groll gegen das Nachbarland hat Nivel dennoch nie gehegt. Am Sonntag will er der Einladung des Deutschen Fußball-Bundes folgen und beim EM-Spiel gegen die Ukraine (21.00 Uhr) auf der Tribüne sitzen. 

"Die Deutschen", sagt Lorette Nivel, hätten sich stets verantwortlich gefühlt, "aber sie konnten ja nichts dafür. Die Täter kamen einfach aus ihrem Land." Seit 1998 schon unterstützt der DFB die Familie nicht nur mit der Daniel-Nivel-Stiftung, die Einladung nach Lille ist da nicht viel mehr als eine Geste. 

Doch es soll kein öffentlicher Auftritt werden, der Besuch wird ohnehin anstrengend sein für den schwerbehinderten Franzosen. Nivel ist heute 61 Jahre alt, seit dem Angriff ist er auf dem rechten Auge blind, kann nicht mehr riechen und nicht mehr schmecken. Auch das Sprechen fällt ihm schwer. Man habe ihm das Wichtigste im Leben für immer genommen, sagt seine Frau dazu: "Die Fähigkeit, zu kommunizieren."

Was all das für die Familie bedeutet, das durfte einmal ein Kamerateam einfangen, zweieinhalb Jahre nach der Tat entstanden bedrückende Bilder. Nivel sitzt im heimischen Wohnzimmer, und der Vater zweier Kinder sucht unter größter Anstrengung nach einfachsten Begriffen, die ihm auf Bilderkarten präsentiert werden. Manchmal scheitert er. Es sind Szenen, die einem Beobachter das Herz zerreißen können. 

Damals, am Morgen des 21. Juni 1998, erzählt Lorette Nivel in einer NDR-Dokumentation, habe sie ihren Mann ganz gewöhnlich verabschiedet. Die Worte "Pass auf dich auf" rutschten dabei eher automatisch über ihre Lippen. Doch es lag schon etwas in der Luft, lange vor dem WM-Spiel zwischen Deutschland und Jugoslawien. Hunderte Hooligans waren in das 30.000-Einwohner-Städtchen Lens gekommen, die verabredete Schlägerei mit den Jugoslawen wurde durch Straßensperren der Polizei verhindert. 

So harrten die Chaoten bis zum Nachmittag in der Innenstadt aus. Die Sonne brannte, der Alkoholpegel stieg, der Frust wuchs, bald flogen vor den Straßencafés Tische und Stühle. Immer wieder versuchten einige, in die abgesperrten Bereiche einzudringen. Irgendwann passierte eine Gruppe die Rue Romuald Pruvost. 

"Da sind nur drei, da kommen wir durch", rief einer der Hooligans: "Die hauen wir platt." Plötzlich hatten sie einen Vertreter der verhassten Polizei in ihrer Gewalt, und all die Wut entlud sich mit unvorstellbarer Brutalität. Nivel sollte büßen. Mit einem Gewehraufsatz aus Stahl und einem Reklameschild schlugen die Täter auf ihn ein, bis Blut über den Bordstein lief. 

Später erhielten die Angreifer Haftstrafen zwischen dreieinhalb und zehn Jahren. Für Nivel und seine Familie kann das kein Trost sein. "Sie kamen ja wieder aus dem Gefängnis, sie bekamen ihr Leben zurück", sagt Lorette: "Daniel haben sie seine Freiheit für immer genommen."

sid

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