Viele Dinge wollen wir nicht mehr sehen

Kommentar: Diese EM war eine Enttäuschung

+
tz-Reporter Sven Westerschulze.

Paris - Die EM 2016 endete mit einem Drama über 120 Minuten. Das Turnier war letzten Endes aber dennoch eine Enttäuschung. Ein Kommentar.

Portugal ist Europameister! Wahnsinn! Wer hätte das vor dem Turnier gedacht? Und wer bitte schön, als ihr Superstar gestern unter Tränen nach 25 Minuten verletzt ausgewechselt werden musste? Jene Portugiesen, die sich ohne Sieg nach 90 Minuten ins Halbfinale gemogelt haben, sind nun zum ersten Mal auf Europas Thron angekommen. Die Mannschaft überzeugte durch ihren großen Willen und hatte das nötige Quäntchen Glück. Doch nach vier Fußball-Wochen in Frankreich bleibt unterm Strich ohnehin vor allem eine Erkenntnis: Diese EM war enttäuschend.

Allen voran aus sportlicher Sicht. Es passte irgendwie ins Bild, dass ausgerechnet der beste Fußballer dieses Kontinents im Finale nach 25 Minuten nicht mehr weiterspielen konnte. Selten war das spielerische Niveau bei einer Endrunde so niedrig, die Gruppenspiele waren an Langeweile kaum zu überbieten. Spektakel wie Portugals 3:3 gegen Ungarn gab es nur ganz, ganz selten. Die Befürchtungen vieler Experten sollten sich bewahrheiten: Unter der Aufstockung der Teilnehmerzahl von 16 auf 24 litt die fußballerische Qualität. Dazu wirkten viele Stars müde, überspielt. Angesichts von knapp 60 Pflichtspielen in einer Saison auch kein Wunder. Die UEFA scheint das nur am Rande zu interessieren, durch die Erhöhung des Teilnehmerfeldes konnte sie schließlich deutlich mehr Spiele vermarkten und noch mehr Geld kassieren.

Dazu dieser neue Modus: Albanien musste nach seinem letzten Gruppenspiel noch ganze drei Tage ausharren, ehe es nach Hause fahren durfte. Denn erst mit Abschluss der letzten Vorrundengruppe stand fest, dass der EM-Debütant nicht zu den vier besten Gruppen-dritten zählen würde. Einzig den Ausrutschern der großen Nationen England und Spanien war es dann zu verdanken, dass zumindest im unteren Tableau der K.o.-Runde ab dem Achtelfinale so etwas wie Spannung herrschte.

Auch im Land des Ausrichters war die Atmosphäre - zumindest während der ersten Hälfte des Turniers - alles andere als gastfreundlich. Zunächst streikten die Fluggesellschaften, dann die Lokführer. In Paris und Bordeaux auch noch die Müllabfuhr. Vielen Fans verging die Stimmung. Die versuchte die UEFA auf eigenartige Weise künstlich zu erzeugen. Unter anderem, indem die Fans per Countdown die letzten Sekunden bis zum Anpfiff herunterzählen sollten - wer braucht das? Für den Verband war der Finaleinzug der Franzosen ein Segen, ansonsten wäre auch das letzte bisschen Fußball-Feeling aus dem Land verbannt worden. Es ist bezeichnend, wenn während eines Turniers mehr über feiernde Fans als über spektakuläre Spiele gesprochen wird. Dazu muss allerdings gesagt werden: Was die Anhänger aus Island, Irland und Nordirland ablieferten, war großartig. Und sorgte zumindest abseits des Platzes dafür, dass diese EM nicht an ihrer selbst produzierten Langeweile erstickte.

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

BVB: "Sahnehäubchen" Gruppensieg - oder lieber nicht?
BVB: "Sahnehäubchen" Gruppensieg - oder lieber nicht?
Draxler-Wechsel immer wahrscheinlicher: So viel soll er kosten
Draxler-Wechsel immer wahrscheinlicher: So viel soll er kosten
FC Barcelona gegen Real Madrid: So endete der Clasico
FC Barcelona gegen Real Madrid: So endete der Clasico
Ismael vor Bayern-Spiel: „Die Messlatte ist unten“
Ismael vor Bayern-Spiel: „Die Messlatte ist unten“

Kommentare