Es geht um Taktik, nicht um Geheimnisverrat

Kommentar: Warum die Kritik des TV-Experten Scholl legitim ist

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Mehmet Scholl hat mit seiner Kritik an Jogi Löw und seinem Stab viel Wirbel ausgelöst.

Évian-les-Bains - Günter Klein, unser Redakteur vor Ort bei der EM 2016 in Frankreich kommentiert den Wirbel um die Kritik von ARD-Experte Mehmet Scholl an Joachim Löw. Er findet die Reaktion des DFB viel schlimmer.

„Wir lassen diese Kritik zu“, hat Oliver Bierhoff gesagt, angesprochen auf Äußerungen des ARD-Experten Mehmet Scholl über Personen aus dem deutschen Trainerstab. Ein furchtbarer Satz von Bierhoff, schlimmer als das, was Scholl über Löws Scout Urs Siegenthaler von sich gegeben hat. Denn Bierhoffs Äußerung enthält die Anmaßung, dass der DFB Kritik auch nicht zulassen könne. Zwar hat der Verband vor gut zwei Jahren mal eine halbwissenschaftliche Studie erstellen lassen, welchen gesellschaftlichen Einfluss die Nationalmannschaft ausübt und ist dadurch zum Schluss gekommen, sie sei „die vierte Macht“ im Staate – doch das Gut der Meinungsfreiheit wird der DFB zum Glück gar nicht aushebeln können.

Günter Klein.

Was ist passiert? Mehmet Scholl hat eine Meinung, und er hat sie angeboten. Niemand muss sie teilen. Wer ihn kennt, weiß: Er stellt sie in den Raum, und das war’s dann, er insistiert nicht, er macht keinen Glaubenskrieg daraus. Und genau das ist doch das Wesen einer Kritik, wie man sie von einem offensichtlich ordentlich entlohnten Menschen, der aus der Branche hervorgegangen ist, erwartet. Er löst sich von einer Seilschaft, der er einmal angehörte. Experten, die im Grunde immer noch Teil des Betriebs sind, das dem Zuschauer zeigen und keinem alten Kumpel weh tun wollen, gibt es genügend. Und nicht zu vergessen: Das Thema war Fußballtaktik und nicht Geheimnisverrat. Man redet über die derzeitige Nummer-eins-Beschäftigung im Lande, die Auseinandersetzung mit dem EM-Turnier.

Schon eine merkwürdige Situation: Die Zuschauer regen sich auf, wenn ein Experte belanglos floskelt. Doch wenn einer von diesem Schema abweicht, ist es auch nicht recht, dann wird ein Politikum daraus gemacht. Vor vier Jahren hatte das vielleicht noch seine Berechtigung, weil ARD-Mann Scholl damals noch beim FC Bayern als Trainer angestellt war und einen Spieler des FC Bayern, Mario Gomez, kritisierte. Dieser Interessenskonflikt besteht nicht mehr. Scholl ist ein freier Mann, und mit seiner ungewöhnlichen und offenen Kommentierung geht er ins Risiko: Von der Szene verstoßen zu werden und eventuell keinen Trainerjob mehr zu kriegen, wenn er einmal in dieses Metier zurückkehren will.

Stoff für eine Staatsaffäre hat Mehmet Scholl nun wirklich nicht geliefert. Schon weil der DFB und die Nationalmannschaft eben nicht den Staat verkörpern.

Günter Klein

Sie erreichen den Autor unter Guenter.Klein@merkur.de

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