DFB-Trainingslager in Ascona

Özil im Interview: „Was bringt es, bester Spieler zu werden?“

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„Wir haben gute Energie“: Mesut Özil sieht der EM optimistisch entgegen.

Ascona – In den sozialen Medien ist er der mit Abstand populärste deutsche Fußballer: Mesut Özil. Status: Superstar. Millionen interessieren sich für den Deutsch-Türken als Persönlichkeit – dabei hat er nur Fußball im Kopf.

Im Interview spricht Özil über individuelle Auszeichnungen und Teamerfolg. Und die größte deutsche Konkurrenz: die Franzosen

Mesut, Sie haben neulich ein schönes Bild gepostet: Sie als Pilger in Mekka. Sichtbar ergriffen und stolz.

Mesut Özil: Darüber will ich nicht reden, das habe ich mit dem DFB auch besprochen.

Weil es privat ist?

Özil: Genau, und es geht ja auch um Fußball jetzt. Die Europameisterschaft fängt bald an.

Aber dafür gibt Ihnen eine Pilgerfahrt wohl auch Kraft, sonst hätten Sie sie nicht in der Zeit zwischen Saisonende mit Arsenal und EM-Vorbereitung untergebracht?

Özil: Definitiv, ich bin ja gläubig. Daraus beziehe ich Kraft.

Können wir wenigstens über Ihren Besuch in Jordanien in einem Flüchtlingslager reden? War auch auf Ihrer Reise.

Özil: Nein, über Fußball bitte.

Dann erklären Sie mal, warum die deutsche Mannschaft Europameister werden kann, und Sie glauben, dass sie es auch wird.

Özil: Weil wir Potenzial haben. Weltmeister und selbstbewusst sind. Und wenn man unsere Testspiele gegen Italien (4:1, d. Red.) und andere große Nationen sieht, haben wir das gezeigt.

Ihre Rolle? Vorlagenkönig wie bei Arsenal?

Özil: Wenn man meine Karriere verfolgt, war es immer so, dass ich mehr Assists gegeben als selber Tore erzielt habe. Meinen Spielstil werde ich auch nicht ändern. Damit bin ich aufgewachsen, darauf bin ich stolz. Und ohne Assists gäbe es schließlich keine Tore.

Die Fans achten mehr auf den letzten als den vorletzten Ball. Wird der Passgeber schlechter wahrgenommen und unterschätzt?

Özil: Kein Problem für mich, wenn das so ist. Meine Mitspieler wissen, was sie an mir haben. Ich spiele auch vor dem Tor noch ab, wenn ein anderer eine bessere Position hat. So wird das auch in Zukunft laufen.

Bei der WM 2014 mussten Sie links draußen spielen. Weltmeister wurden sie da genauso, aber viele Fans haben in ihrer Turnierbilanz festgehalten: Den Özil haben wir kaum gesehen.

Özil: Klar hängt vieles von der Position ab. Am meisten aus mir rausholen kann ich auf der Zehn, das habe ich bei Arsenal gezeigt, und das weiß der Bundestrainer.

Marco Reus, der wie geschaffen für die linke Seite wäre und da wohl gespielt hätte, fällt verletzt aus ...

Özil: … und ich trauere für ihn, weil ihm das zum zweiten Man passiert ist. Bei der Qualität, die er hat, ist das traurig für die gesamte Nation.

Werden Sie wieder links aushelfen müssen?

Özil: Ich gehe davon aus, dass ich auf der Zehn spiele.

Was ist Ihr Eindruck nach dem Traininglager im Tessin: Entwickelt sich wieder ein Teamspirit wie vor zwei Jahren?

Özil: Jeder weiß, dass wir eine Turniermannschaft sind. Das spüren wir jetzt schon, dass wir gute Energie haben.

Redet man noch übers Campo Bahia und die legendären WGs?

Özil: Natürlich sind ab und zu die Gespräche da. Aber uns ist auch bewusst, dass es nichts bringt, wenn wir uns in der Vergangenheit aufhalten, mag sie noch so schön gewesen sein. Jetzt herrschen wieder andere Bedingungen. Die Mannschaft hat sich verändert, mit jüngeren Spielern, die noch was erreichen wollen. Sie und wir erfahreneren Spieler – eine gute Mischung ist das. Man spürt in jedem Training den Erfolgshunger, die Competition. Man kann Weltmeister sein, aber trotzdem noch Europameister werden wollen. Ich habe wie einige andere Spieler die Erfahrung gemacht, mit der U21 Europameister zu werden (2009, d. Red,), und das war definitiv ein sehr schöner Moment. Und die Euro ist eine große Bühne für jeden Spieler.

Auf der er sich England zeigen kann, wo das große Geld ist. Will künftig jeder in die Premier League?

Özil: Es muss jeder für sich entscheiden, wo er sich am wohlsten fühlt.

Sie sind in der Premier League, bei Arsenal, aber vielleicht auch nicht mehr lange. Es gibt Gerüchte mit Barcelona, sogar mit dem FC Bayern.

Özil: Ich konzentriere mich auf die EM, dann schauen wir mal.

24 Teams sind dabei, vier von sechs Gruppendritten kommen weiter. Nimmt das den Druck aus der Vorrunde?

Özil: Überhaupt nicht. Es sind mehr Spiele, das Turnier wird anstrengender.

Das Achtelfinale kann man kaum verpassen.

Özil: An das denken wir aber auch nicht, denn wir wollen ins Finale. Doch wir müssen aufpassen, unsere Gegner werden auf Konter lauern. Das erste Spiel gegen die Ukraine ist wichtig, wenn du da drei Punkte holst, ist die Belastung erst mal weg. Ein Tor für uns in der ersten Halbzeit wäre in solchen Spielen auch gut, dadurch ergeben sich Räume, man muss beim Gegner keine zwei Mauern mehr brechen.

Sie wurden schon mehrmals, zuletzt 2015, vom Fanclub Nationalmannschaft zum Nationalspieler des Jahres gewählt. Fachleute hätten eher nicht so entschieden. Staunen Sie über die Loyalität der Anhänger?

Özil: Ich habe noch nie viel Wert darauf gelegt, etwas persönlich zu gewinnen. Auch nicht in England, wo ich Arsenal-Spieler des Jahres geworden bin. Was bringt es mir, wenn ich bei der EM bester Spieler des Turniers werde, aber mit der Mannschaft nicht Europameister? Wenn das gelingen sollte, nehme ich Auszeichnungen gerne entgegen – besonders wenn sie von den Fans kommen.

Aber so einen Ballon d’Or, den würden Sie schon mal gewinnen wollen.

Özil: Ich muss ihn nicht gewinnen – wenn wir dafür Europameister werden.

Da Sie ja in London leben: Was denkt der englische Fan über seine Nationalmannschaft?

Özil: Dass sie auch eine gute Mischung hat. Gekämpft wird eh bis zur letzten Sekunde, das ist die Mentalität. Wir haben neulich erkennen können, dass England eine große Nation ist. Für unsere größte Konkurrenz halte ich jedoch die Franzosen. Ich habe einige Spiele von denen gesehen, die bieten wirklich Super-Fußball.

In Ihrer Mannschaft gibt es Franzosen ...

Özil: Von denen kenne ich einige Wörter Französisch, die ich hier aber nicht sagen darf. Wir haben über die EM gesprochen. Den Respekt, den wir vor den Franzosen haben, haben sie auch vor uns.

Frankreich als Urlaubsland ...

Özil: … kenne ich nicht. Ich habe ja kaum Urlaub. In England spielt man den Winter durch, daran muss man sich erst mal eine Saison gewöhnen. Als ich neulich ein paar Tage frei hatte, bin ich zu den arabischen Völkern geflogen, um da ein paar Dinge zu machen. Ansonsten bin ich viel in London oder bei meiner Familie in Gelsenkirchen.

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