Mehr Pleiten als Titel

Nationalelf bei der EM: Immer mit ein bisschen Wundertüten-Charakter

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Am Angstgegner gescheitert: Gegen Italien mit dem Muskelprotz und Doppeltorschützen Balotelli hatten die Deutschen 2012 nichts zu lachen. Das Team um Philipp Lahm unterlag im Halbfinale 1:2 – und beendet war der Titeltraum.

Evian-les-Bains – Deutschland wurde viermal Welt-, aber erst dreimal Europameister. Die Geschichte der kontinentalen Titelkämpfe ist aus DFB-Sicht weit weniger glorreich als die der globalen.  

Die 20 Jahre seit 1996 haben beide gut verkraftet. Andreas Köpke leitet das Torwarttraining bei der Nationalmannschaft, seine Schüsse auf die Generation Manuel Neuer sitzen. Oliver Bierhoff kommt auch noch drahtig daher, ab und an zieht er die Trainingsklamotten an und läuft und spielt („Wenn es um Taktik geht“) mit den aktuellen Nationalspielern – und niemand würde sagen: Da ist ein älterer Herr, er passt nicht hierher.

Köpke und Bierhoff gehörten zum Team, das 1996 Europameister wurde, der damalige Mittelstürmer Bierhoff muss regelmäßig erzählen, wie er im Finale reinkam und zwei Tore machte, darunter das erste Golden Goal der Fußballgeschichte, begünstigt durch ein Entgegenkommen des tschechischen Torhüters. Köpke sagt: „Man möchte jetzt auch mal eine andere Geschichte hören.“ Im Klartext: Man müsste mal wieder ein EM-Turnier siegreich abschließen. Jetzt, in Frankreich.

Erstmals kann eine EM-Endrunde sieben Spiele umfassen, das ist WM-Format. Das Europa-Turnier ist gewachsen. Als es 1960 eingeführt wurde, meldete der DFB sich gar nicht erst an. Bundestrainer Sepp Herberger fand die Veranstaltung sportlich belanglos. Auch 1964: kein Interesse. 1968 wollte man dabei sein, schaffte aber die Qualifikation nicht. In einer Dreier-Gruppe mit Jugoslawien und Albanien wurde Vizeweltmeister Deutschland mit Franz Beckenbauer nur Zweiter. Großes Drama.

Koa Finale in München

1972 machte man es wieder gut. Für die Nostalgiker war es die beste Mannschaft, die für den DFB jemals an den Start ging. Mit der Achse Maier – Beckenbauer – Netzer – Müller. Mit jungen Entdeckungen wie Uli Hoeneß und Paul Breitner. Bis zum Viertelfinale ging es mit Hin- und Rückspiel, eingebaut in die Bundesligasaison. Der deutsche 3:1-Erfolg im Wembleystadion gegen England war ein Meilenstein. Die Endrunde der besten vier Teams in Brüssel wurde zum Kinderspiel. 2:1 gegen Belgien, 3:0 gegen Russland im Endspiel – Helmut Schöns Elf war einfach nur brillant. Als sie zwei Jahre später als Favorit im eigenen Land Weltmeister wurde, wirkte das schon mühsamer. 1972 stand für einzigartige Leichtigkeit. Mit Günter Netzer kamen die Deutschen aus der Tiefe des Raumes, sie zeigten der Welt, wie Doppelpass geht.

Die Erinnerung an 1980 ist weniger präsent im Fußball-Gedächtnis der Deutschen. Sie hatten zwei Jahre nach der WM-Pleite in Argentinien (Cordoba, Niederlage gegen Österreich) nicht erwartet, dass der neue Bundestrainer Jupp Derwall was reißen könne. Doch die väterliche Silberlocke baute eine neue Elf, in der der junge Bernd Schuster schon eine tragende Rolle spielte und Lothar Matthäus im Turnier sein erstes Länderspiel machte. Schon ein Jahrzehnt älter war der Spätentwickler Horst Hrubesch, der im Finale gegen Belgien (2:1) seine ersten beiden Länderspieltreffer erzielte. Die EM fand in Italien statt, mit acht Nationen, die Zuchauerzahlen waren schwach. Vier Jahre danach in Frankreich endete die kurze Derwall-Zeit. Es erwischte den DFB schon in der Vorrunde – so wie es auch 2000 und 2004 kommen sollte. Der Verband setzte Derwall ab, die Bild-Zeitung inthronisierte den Teamchef Franz Beckenbauer. Der 1986 Vize- und 1990 Weltmeister wurde. Was ihm eher missglückte: die EM 1988 in Deutschland. Mit einer 1:2-Niederlage gegen Holland in Hamburg war’s vorbei. Koa Finale in München. Schlussbild: Wie Ronald Koeman sich mit einem DFB-Trikot über den Hintern fuhr.

Berti Vogts nominiert Gattin Monika Vogts

Finalpleite gegen Badelatschen-Dänen: Klinsmann und Co. unterlagen 1992 einem Gegner, der vom Strand kam.

Von 1996 bleibt ein Motiv haften: Berti Vogts, der kleine Mann, mit seiner großen Geste, der Verneigung vor dem deutschen Fan-Block in Wembley. Endlich mal hatte das Glück den Kerschenbroicher gestreift. Seine sich wegen Verletzungen ständig verändernde Elf duselte sich ins Endspiel. Gegen England hatte sie sich ins Elfmeterschießen gerettet – was bei den bekannten Komplexen des Gegners gleich bedeutend mit dem Sieg war.

Vor dem Finale gegen Tschechien war der deutsche Personalbestand so reduziert, dass für die Ersatztorhüter Kahn und Reck Feldspielertrikots hergerichtet wurden. Die UEFA gestattete dem DFB die Nachnominierung von Jens Todt. In der Abwehr spielte Thomas Helmer mit eingebundenen Knien. Er sah aus wie ein Kriegsversehrter. Und dann kam Bierhoff, der junge strahlende Held, der bei einem kleinen Verein in Italien, bei Udinese Calcio, spielte. Berti Vogts hatte ihn auf Empfehlung seiner Gattin Monika Vogts nominiert.

1996, der erkämpfte Triumph. Ein letztes Mal: die deutsche Art. Der Mythos von der Turniermannschaft. Es folgten bleierne Jahre. EM 2000 in den Niederlanden und Belgien: ein Tor in drei Vorrundenspielen. 2004 in Portugal: erneute Heimreise nach der Vorrunde. Beide Male trat der zuständige Trainer umgehend zurück: Erich Ribbeck, Rudi Völler. Der deutsche Fußball ging in den Rundumerneuerungsprozess.

Immer auch ein bisschen Wundertüten-Charakter

Man wurde Weltmeister, eine Europameisterschaft glückte aber noch nicht wieder komplett. 2008 erwischte man im Finale von Wien die Spanier zu Beginn ihrer Blütezeit. 2012 unterlief in Warschau das Malheur einer falschen Aufstellung: Toni Kroos als Bewacher für Italiens Kreativdirektor Andrea Pirlo. Mario Balotelli schoss die Deutschen im Halbfinale raus und warf sich in unvergessene Bodybuilder-Pose; Jogi Löw entsorgte nach dem Spiel seinen teuren Strenesse-Pulli, weil er seinen Glücksbringer-Status verloren hatte (offizielle Begründung: beim Waschen war er eingelaufen).

2012 jedenfalls verlief so unerwartet ärgerlich wie 1992: Damals in Schweden verlor man das EM-Finale gegen ein Team in Badelatschen. So wurden die Dänen genannt, die nicht qualifiziert waren und das wegen der Kriegsumtriebe gesperrte Jugoslawien zehn Tage vor Turnierbeginn ersetzten. Aus dem Urlaub kommend. Wenigstens wurde mit Dänemark ein deutscher Trainer, Sepp Piontek, Europameister.

Dänemark 1992, Griechenland 2004 oder die CSSR 1976, als Uli Hoeneß den legendärsten aller Elfmeterfehlschüsse ablieferte – die EM hatte immer auch ein bisschen Wundertüten-Charakter.

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