In der Vorrunde ausgeschieden

Darum war Österreich nur ein Geheim(rats)tipp

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Entgeisterte Turnierausscheider: Die Österreicher Florian Klein, Martin Hinteregger, David Alaba und Jacob Jantscher (v.l).

Paris – Sie galten als Geheimtipp, waren angereist, um Großes zu vollbringen, doch es reichte nicht. Nun stellt sich die Frage: Hat der Schweizer Trainer Marcel Koller die EM für Österreich verbockt? 

Die österreichischen Reporter waren auf all das nicht eingestellt. Sie waren in Edy-Finger-1978-Laune zur EM gereist, bereit, von Großem zu berichten. Stattdessen: Letzter Platz in der Vorrunde, gescheitert unter anderem und im finalen Akt mit 1:2 an Island, was ja alles einen Hauch von Färöer bekommt, der schlimmsten Pleite der Geschichte (1990). Ist einer wie David Alaba, der beim „Sportler des Jahres“ ein paar Mal die Ski-alpin-Koryphäe Marcel Hirscher geschlagen hat, kein Nationalheld mehr? Dürfen sie den Star vom FC Bayern, der sie immer so herzig anschaut, schelten, ihn gar verantwortlich machen für das Desaster?

Die österreichischen Reporter nähern sich Alaba nach wie vor mit Demut. Einer fragt, wie sich der EM-Verlauf „aus deiner subjektiven Sicht“ darstellt. Und alle sind zufrieden, als Alaba einen vorbereiteten Satz anbringt: „Unser Buch ist noch nicht zu Ende geschrieben. Es ist nur ein Kapitel. Wir werden das nächste aufschlagen.“ Christian Fuchs, der Wortführer im Team, der mit Leicester City in England als märchenhafter Meister vor ein paar Wochen das umgekehrte Erlebnis hatte, sagt: „Das Turnier war für uns scheiße. Aber man muss auch sehen, dass wir uns überhaupt qualifiziert haben.“ Dass es in Frankreich nicht geklappt habe, eine Runde weiterzukommen: schon viel Pech dabei, so Fuchs: „Recht viel mehr Chancen kann man nicht herausspielen. Wir hatten in allen drei Spielen welche.“

Spieler wie Fuchs, Alaba oder der künftige Leverkusener Julian Baumgartlinger werden von den österreichischen Medien nicht angegriffen werden, da hält man landsmannschaftlich zusammen. Aber der Trainer ist kein Österreicher, er ist Schweizer, ihn fragt man härter. Ob er sich nicht derb vertan hat, weil er eine ungewöhnliche Aufstellung wählte mit einer Offensivreihe Alaba, Arnautovic, Sabitzer und die Folge ein 0:1-Rückstand zur Pause war? Ob er mit seiner Systemspielerei zur Unzeit verantwortlich zu machen ist für die geplatzten Träume? „Empfinden Sie das auch als persönliches Scheitern, Herr Koller?“ Die Tonlage ist unösterreichisch.

Marcel Koller war bis vor kurzem noch gefeiert worden. Auch dafür, dass er die alten Denkmuster im österreichischen Fußball aufgebrochen und den Einfluss der ewigen Helden von Cordoba 1978, den Deutschland-Besiegern, abgestellt hatte. Doch nun werden der Hansi Krankl, der Schneckerl Prohaska und all die anderen wieder vorgeschoben, damit sie auch über die x-te Nachfolge-Generation richten. Koller hat seinen Vertrag verlängert, so verrückt werden sie in Österreich nicht sein, an diesem Status etwas zu verändern – aber unausweichlich ist, dass das Verhältnis zwischen dem Schweizer und dem österreichischen Fußballvolk ungemütlicher wird.

Koller beklagt eine falsche Erwartungshaltung. „Ich wusste, wie wichtig es ist, sich über die Gegner zu informieren. Ich schaue viele Spiele an und kann beurteilen, wer für uns schlagbar ist und gegen wen man aufpassen muss.“ Vielen in Österreich habe das Wissen einfach gefehlt, vor allem über Ungarn und Island – die Erster und Zweiter der Gruppe wurden, vor Portugal und Österreich. Ein EM-Geheimtipp war Österreich halt vor allem in Österreich. Also mehr ein Geheimratstipp.

Als es drauf ankam, war das Selbstvertrauen weg. Koller fühlte sich erinnert daran, wie es war, „als ich vor viereinhalb Jahren angefangen habe“. Fußball habe aber sehr viel mit Selbstvertrauen zu tun, „fehlt es, ist man mal eine Sekunde zu spät, zu zögerlich“. So erklärt er sich, dass gegen Ungarn (0:2) zum Auftakt eine Passquote von 62 Prozent statt der angestrebten und üblichen 85 zustande kam und die Mannschaft in der ersten Halbzeit des Island-Spiels dilettierte. „Das war Nervosität.“ In entscheidenden Momenten war Österreich wieder eine kleine Fußballnation. Julian Baumgartlinger analysierte, ihm habe „so etwas wie italienische Mentalität gefehlt. Man hätte gegen Ungarn ein Unentschieden akzeptieren müssen. Man kann schlecht anfangen und sich im Turnier steigern – wie das die Italiener oft gemacht haben.“

Nach dem Turnier ist vor der Qualifikation. Als nächstes geht es um die Teilnahme an der WM 2018. „In unserer Mannschaft steckt doch Potenzial“, sagt Ex-FC Bayern II-Spieler Alessandro Schöpf, jetzt Schalker. Er kam gegen Island in der zweiten Halbzeit rein, machte das Ausgleichstor, hatte eine weitere Großchance. Er wird eine der Schlüsselfiguren auf Österreichs weiterem Weg sein. „Jeder nimmt von dieser EM Erfahrung für seine Karriere mit – auch ich“, meint Trainer Koller.

Für Aleksandar Dragovic gilt das ebenfalls. Der Dynamo-Kiew-Legionär setzte in der ersten Halbzeit des letzten Gruppenspiels einen Elfmeter an den Pfosten – dabei war er als einer von zwei vorab nominierten Schützen (der andere: Alaba) vorgestürmt und hatte sich selbstsicher den Ball gegriffen. Frustbewältigung betrieb er dann mit österreichischer Gelassenheit: „Nach jedem Regen kommt wieder die Sonne.“ Die österreichischen Reporter schrieben es hoffnungsfroh auf.

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