Erstes DFB-Tor gegen die Ukraine

Mustafi: Irgendwann wird er Mats Hummels weichen müssen

+
EM 2016: Shkodran Mustafi (rechts) wird im DFB-Kader irgendwann Mats Hummels weichen müssen.

Lille – Shkodran Mustafi trifft und überzeugt beim Auftaktsieg von Deutschland gegen die Ukraine. Aber: Irgendwann wird er im DFB-Kader Mats Hummels weichen müssen.

Seine Rechnung also: „Es war schon hart, dass aus einem Kader von 27 Mann vier gestrichen werden mussten.“ Er schaffte diesen Cut, wie das auf Neu- und Golfer-Deutsch heißt. Und selbst wenn man im Turnier dabei ist, wird es nicht leichter. „Elf durften spielen, zwölf nicht.“ Shkodran Mustafi gehörte zu dieser Minderheit, schon das war für ihn einfach nur großartig. Und diesmal hat er auch noch etwas Besonderes beitragen können: das Tor zum 1:0, das eigentliche Schlüssel- und Siegtor, mit dem Kopf erzielt nach einem Freistoß von Toni Kroos. Er, Shkodran Mustafi, 24, der Verteidiger, den die Menschen nicht richtig kennen – und den sie daher immer kritischer sehen als andere.

Es ist ja tatsächlich eine wundersame Geschichte, dass er nun schon zum zweiten Mal in eine Turniernationalmannschaft reingerutscht ist. Vor zwei Jahren, vor der WM in Brasilien, stand der Hesse mit albanischen Wurzeln im vorläufigen Kader; fünf Tage vor dem Abflug strich Löw ihn. Dann verletzte sich Marco Reus im abschließenden Testspiel, und der Bundestrainer hatte mit einem Mal die von außen nicht nachvollziehbare Idee, den Offensivgeist und Kreativspieler Reus durch einen soliden Defensivpflichten-Erfüller zu ersetzen. Man hat Mustafi zehn Stunden vor der Abreise nach Brasilien im Auto am Telefon erwischt. Der Spieler packte zusammen, was er hatte – und war ein paar Wochen später Weltmeister.

Shkodran Mustafi: Unglückliche Figur bei der WM

Er hatte in der Vorrunde sogar spielen dürfen und noch im Achtelfinale gegen Algerien, wo er mit Muskelbündelriss ausschied. Die Fans haben auf ihn geschimpft, weil sie meinten, Philipp Lahm gehöre auf die Rechtsverteidiger-Position. Mustafi war immer klar, dass er nur eine Etappe der Reise zum Titel mitgestalten dürfte. Mit seiner eigenen Verletzung erledigten sich die Personalfragen, doch auch als gesunder Spieler hätte er nach dem Algerien-Match seinen Platz in der Elf verloren – weil Lahms Aushilfsjob im Mittelfeld (bis Khedira und Schweinsteiger sich Form angeeignet hatten) beendet war.

Inzwischen kann Shkodran Mustafi das spielen, wofür er ausgebildet wurde. In Deutschland, wo er in der Jugend immer als das größte Talent im Raum Bad Hersfeld, Bebra und Fulda galt, in England, wo er gelernt, in Italien, wo er sich weitergebildet hat. Nach der WM wechselte er in die Primera Division zum FC Valencia, der Klub hatte keine leichte Saison 2015/16, doch sein Deutscher (der noch nie in der Bundesliga aufgetaucht war) spielte tadellos. „Und regelmäßig in der Innenverteidigung“, wie Jogi Löw anmerkt.

Löw verdankt seinen Einsatz bei der EM 2016 der Verletzung von Mats Hummels 

Allerdings hatte er in seiner Hierarchie-Rangliste Mustafi nur auf Platz vier. Hinter Jerome Boateng, Mats Hummels, Antonio Rüdiger. Doch Hummels holte sich im deutschen Pokalfinale einen Muskelfaserriss, Rüdiger riss im EM-Basecamp in Evian das Kreuzband. Mustafi rückte vor – begünstigt davon, dass der Bundestrainer sich entschied, den Schalker Benedikt Höwedes wieder auf die Außenseite (WM links, diesmal rechts) zu stellen – als Sicherheitsvariante. Dass Löw in Jonathan Tah (Leverkusen) einen Innenverteidiger nach nominierte, haben manche so gewertet, dass ihm mit der Lösung Mustafi nicht ganz wohl sei.

Es wäre aber eine Überinterpretation: Löw hat Mustafi immer eingeladen – nur wird in der Innenverteidigung in einem Spiel halt selten mal gewechselt. Eigentlich nur bei Verletzungen. Die beiden EM-Testspiele gegen Slowakei und Ungarn hatte Löw das Duo Boateng/Rüdiger sich einspielen lassen.

Mustafi: Er wird bald für Hummels weichen

Er spüre „das Vertrauen des Bundestrainers und der Mannschaft – und ich will es zurückgeben“, sagt Shkodran Mustafi. Er war wegen seines Tors sehr gefragt. „Das ist schön, aber für mich ist wichtiger, dass ich die defensiven Aufgaben erfülle. Dafür bin ich aufgestellt.“ Ihm unterliefen auch Fehler, gleich zu Beginn, als er den Ball verlor, dann wieder am Ende, als er Manuel Neuer beinahe klassisch überlobbt hätte. „Da muss er auch noch den Ausgleich machen“, frotzelte Kollege Toni Kroos.

Ja, Mustafi macht Fehler. „Aber nicht mit Absicht“, wie er sagt. Nach einem Spiel fällt es ihm auch schwer, über sie fundiert zu reden, „weil ich ein Spiel aus meiner Sichtweise wahrnehme. Im Video, wenn man es analysiert, entdeckt man dann Sachen.“ Die Mitspieler lobten seine Stärke im Eins-gegen-eins-Verhalten, er gilt auch als Bank bei Kopfbällen. Und Nebenmann Jerome Boateng mit einer Quote von 93 Prozent bei gewonnen Zweikämpfen machte einiges wett.

Irgendwann wird Shkodran Mustafi in der Aufstellung wohl Mats Hummels weichen müssen, der Platzhirsch trainiert schon wieder voll mit. Mustafi wird kämpfen, aber nicht motzen und würde auch als Spieler zwischen Nummer 12 und 23 ein überglücklicher Europameister sein.

Fußball-EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Stadien und Themenseite

In unserem Übersichtsartikel finden Sie alle Informationen zur EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Termine, Ergebnisse, Gruppen und Kurzporträts der Austragungsorte. Außerdem haben wir alle wichtigen Fakten und Hintergründe zu den Stadien der EM 2016 zusammengestellt. Und: Wir bieten Ihnen die wichtigsten Infos zum Kader von Deutschland bei der EM 2016. Alle aktuellen Nachrichten erfahren Sie außerdem auf unserer Themenseite zur Fußball-EM 2016 in Frankreich bei tz.de. Tipps zum Public Viewing in München gibt es hier, den Link zum Tippspiel unter tippkaiser.de.

Pressestimmen: DFB-Erfolg "ein Sieg mit vielen Fragezeichen"

Pressestimmen: DFB-Erfolg "ein Sieg mit vielen Fragezeichen"

auch interessant

Meistgelesen

Schmutzige Geldgeschäfte von Ronaldo, Özil und Co. enthüllt
Schmutzige Geldgeschäfte von Ronaldo, Özil und Co. enthüllt
FC Barcelona gegen Real Madrid: So endete der Clasico
FC Barcelona gegen Real Madrid: So endete der Clasico
Britischer Fußballskandal: 350 mutmaßliche Missbrauchsopfer
Britischer Fußballskandal: 350 mutmaßliche Missbrauchsopfer

Kommentare