Wenig Positives

Müller: Wir haben nicht solche Spieler wie beim FC Bayern

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Thomas Müller (r.) hat auch noch nicht überzeugt bei dieser EM.

Paris - Das DFB-Team fehlt es an Durchschlagskraft. Götze, Özil, Draxler und auch Müller: Die unerwartete Schwäche führt zu Personaldebatten und Knatsch.

Die beruhigende Nachricht zur Lage der Nation kommt von Thomas Müller. Deutschland kann Europameister werden, ohne ein einziges richtiges Tor zu schießen.

Mit einem 0:0 gegen Nordirland wäre man sicher in der nächsten Runde, „und wenn wir in der K.o.-Phase 0:0 spielen, gibt es Elfmeterschießen“. Stimmt, das wäre ein Modell für den Erfolg. Doch natürlich will niemand mit einem solchen Minimalismus Europameister werden. Vom Weltmeister erwartet man anderes. Besseres.

EM 2016: Die Stimmung im Team ist gesunken

Die Stimmung ist gesunken. Gut war sie nach dem 2:0 gegen die Ukraine gewesen. Nach dem Fußballgott-Auftritt von Bastian Schweinsteiger. Die Mannschaft freute sich für ihren Kapitän und über sein Tor. Vier Tage und ein Spiel später steht die Szene aber immer noch als einzige dafür da, wie Deutschland-Fußball sein soll. Schnell, entschlossen, kalt im Abschluss. Gegen Polen spielte man 0:0. Und es gab keinen dieser Momente, in denen man sich Räume schuf, über den Gegner herfiel, ihn ausspielte. Die DFB-Elf agierte statisch wie selten. Und sie droht, auseinanderzufallen. Es werden keine Namen genannt, aber Spieler eindeutig beschrieben. Es gibt ein „In unserer Abteilung läuft’s – aber in der anderen nicht.“ Es ist wie in den Flurgesprächen einer Firma, die nicht recht vorankommt.

Jerome Boateng war richtig sauer: „Wir kommen am Gegner nicht vorbei und werden nicht gefährlich. Das müssen wir verbessern, sonst kommen wir nicht weit.“ Defensiv sei ja gut gearbeitet worden, dazu habe die gesamte Mannschaft beigetragen. „An diesem einen Ende des Feldes“, resümierte Mats Hummels, „hat alles geklappt.“ Am anderen Ende nichts. Thomas Müller sagt, die ersten 15 Minuten solle man ausnehmen von der Kritik an den Angriffsbemühungen, „das war die beste Phase“.

Müller: "Haben keine "Eins-gegen-eins-Spieler"

Danach spielte man fast nur noch um den polnischen Strafraum herum. Ließ sich von den kantigen Verteidigern häufig die Bälle vom Fuß nehmen. Und nun kommt ein Schlüsselsatz: „Wir haben leider nicht den Eins-gegen-eins-Spieler wie beim FC Bayern“, erklärte Müller, „wir müssen in der Nationalmannschaft über das Kombinationsspiel kommen.“ Man kann es so übersetzen: Mario Götze, der dafür zuständig wäre, sich mal durch eine Abwehrreihe zu tricksen, ist kein Franck Ribery oder Arjen Robben, kein Douglas Costa oder Kingsley Coman. Die Anklage findet sich im Unausgesprochenen.

Thomas Müller selbst funktioniert auch nicht so wie sonst, sagen manche. Defensiv ist nichts auszusetzen an ihm, er arbeitet leidenschaftlich mit, keinem merkt man den Fleiß so an wie ihm. Doch von der Müller-Aura der Weltmeisterschaften 2010 und 2014 ist nichts zu spüren. Wie hatte er damals losgelegt gegen Australien, wie gegen Portugal (mit gleich drei Treffern). In Brasilien war er Mittelstürmer, nun bei der EM lässt Bundestrainer Löw Mario Götze als „falsche Neun“ spielen, und mit Mario Gomez, bei der WM 2014 nicht im Kader, steht auch wieder die Option eines klassischen Knipsers zur Verfügung.

2x Note 2 - 4x Note 4 - Bilder und Einzelkritik

Man erlebt wieder den EM-Müller. Torlos wie 2012. Er sagt dazu: „Dass ich immer noch kein Europameisterschaftstor geschossen habe, beschäftigt mich nicht. Aber dass ich es in zwei Spielen nicht geschafft habe, mir keine Torchance herauszuspielen, das schon.“

Löw macht sich "keine Sorgen"

Jogi Löw sagt: „Sorgen mache ich mir keine.“ Positiv für ihn ist, „dass wir zweimal zu null gespielt haben“. Das ist ja alles andere als die Norm für die Nationalelf. Aber der Bundestrainer muss einräumen, dass seine Pläne, wie man unterlegene Gegner filetiert, nicht aufgegangen sind. Auch gegen die Ukraine half erst ein Treffer aus einer Standardsituation (Mustafi/Kopfball nach Freistoß). Und mit Nordirland kommt der Gegner erst noch, der für die typische Renitenz des Außenseiters steht. Auf einmal hat das letzte Gruppenspiel am Dienstag, das mal vorgesehen war, um die Reservisten mit Einsätzen bei Laune zu halten, tiefere Bedeutung.

Mit seiner „falschen Neun“ und Götze ist Löw auf dem berühmten Holzweg. Er hat geglaubt, man könne die Polen, die in der Innenverteidigung kopfballstark sind, mit einem Boden-Wusler schlagen. Nordirland ist das nächste Lufthoheits-Team, dennoch wird Löw von der Lösung mit Götze wohl abrücken. Müller ist die Alternative. Oder eben Mario Gomez, der Torschützenkönig der türkischen Liga. Selbst ein stiller Spieler wie Andre Schürrle fordert nun „eine gute Analyse“, was nichts anderes heißt als: Kann nicht so bleiben, wie es ist. Und das dürfte auch die personelle Ausrichtung betreffen.

Özil stänkert gegen Boateng

Über Mesut Özil kann man auch debattieren. Er ist genauso angesprochen, wenn es darum geht, dass die Aktionen „im letzten Drittel“ nicht stattfinden. Ihm hat die Boateng-Kritik nicht gefallen, er fühlte sich angesprochen. „Jerome muss doch wissen, was vorne los ist. Die Polen standen mit 50 Mann hinter dem Ball.“ Doch Özil muss um seinen Platz in der Mannschaft nicht fürchten. Für ihn gilt wie für Müller der Löw-Satz: „Diese Spieler sind in der Lage, Akzente zu setzen.“ Gefährdet sind Götze und auch Julian Draxler, obwohl er die gefälligeren Szenen hatte. Aber Durchbruch-Spiele lieferte eben auch er nicht ab.

Eine nicht absehbare Angriffsschwäche haftet der Mannschaft an. Löw hat das erkannt, aber er kündigt an: „Das wird sich ändern.“ Alle sprechen sie von den K.o.-Spielen, aus denen die vermeintlich kleineren Nationen (zu denen Polen aber gar nicht gehört) verschwunden sein werden, wohl ab dem Viertelfinale.

Pressestimmen: "Deutschland macht keine Angst"

Wenn man erst auf Teams trifft, die selber auch den Ball haben wollen, werde alles anders laufen. Man sollte dann aber noch im Turnier sein.

Alle Entwicklungen vom Freitag finden Sie in unserem EM-News-Blog.

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