Schande von Bordeaux

TV-Kritik: Schware Partie für Schneckerl

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Herbert „Schneckerl“ Prohaska (links) und Moderator Rainer Pariasek hatten nix zum Lachen.

München - In seiner TV-Kritik schreibt Jörg Heinrich heute über die Schande von Bordeaux und die Fußball-Sissi im ORF.

Es war ein Spiel wie der Untergang der Titanic, bloß ohne Eisberg. Aber genauso feucht, vor Tränen. Wobei wir nicht übertreiben möchten: Im Vergleich zur Titanic handelte es sich eher um ein Tretbootunglück auf dem Neusiedler See. Aber zum Gotterbarmen war’s trotzdem. Unter dem Motto „Sissi: Schicksalstore eines Reporters“ übertrug ORF eins die schmähliche Niederlage Österreichs gegen Ungarn, also praktisch gegen sich selber. Und wer zuge-k.u.k.-t hat, der weiß: Man hielt es kaum aus im Kopf, vor allem wegen Oliver Polzer. Denn der ORF-Kommentator ertrug die Schande von Bordeaux nicht aufrecht wie ein Mann, wie einst Kaiser Franz Joseph. Nein, Polzer war die Fußball-Sissi. Er jammerte wie ein runzliges Grinzinger Klageweib über die magyarischen Meuchler, die dem rot-weiß-roten Wunderteam durch pausenloses Knochenbrechen die Freude am Fußballspiel nahmen. „Ununterbrochen säbeln sie rein, wo’s nur geht“, jammerte Sissi Polzer.

Die Ausgangsposition: Bereits vor Anpfiff steht das rot-weiß-rote Wunderteam ziemlich fix als Europameister fest, so klingt zumindest die Vorberichterstattung. Der Hype erinnert an eine österreichische Mondlandung, an Apoll-Ö 21, mit David Alaba als Neil Armstrong aus Wien-Aspern. Heeres- und Sportminister Hans Peter Doskozil ordnet vor dem Anpfiff einen 3:1-Triumph an. Experte Herbert „Schneckerl“ Prohaska steht bei der Erwähnung des Heeresministers kurz stramm. Die Stadt ist in Bordeaux-Rot-Weiß-Rot getaucht, am Spielfeldrand hat der ORF Peter Hackmair platziert, einen Experten für Körpersprache, der den Jubel von Teamchef Koller analysieren soll. Das ORF-Team hat „Ganslhaut von jetzt bis übermorgen!“

Der Experte: Herbie Prohaska ist noch ein Blut-und-Boden-Experte alter Schule, mehr Lattek als Laptop. Er erzählt vom Krieg, von Ferenc Puskás, und davon, dass kein österreichischer Spieler an diesem prächtigen Tag müde sein darf: „Das gibt es jetzt nicht, dass du müde bist!“ Im Laufe des Abends sinkt Herbie dann immer weiter in sich zusammen, das Schneckerl hat ein mächtiges Schreckerl.

Der Kommentator: Um 18 Uhr dann Anstoß, ein kleiner Schritt für Astronauten-Alaba, ein großer für die österreichische Menschheit. Polzer wünscht „einen supergenialen Fußballabend“. Gerade noch preist er Alaba als das „Um und Auf“ der Koller-Elf, da schießt der David, er schießt – an die Stange! „Alaba! Allaaaaaabbbbaaaaaa! Stange! 31 Sekunden, Grüß Gott!“ Polzer leidet, bleibt aber vorerst noch zuversichtlich: „Wer nicht hüpft, der ist ein Ungar!“ Die Mannschaft ist „aufgezuckert“, spürt er, doch dann „überknöchelt“ sich Junuzovic den Hax, und es beginnt langsam das Sissi-Jammern. „Der Szalai fällt immer hin“, „die Ungarn sind lästig“. Schließlich das 0:1, gefühlte 27 Sekunden Schweigen, dann die bittere Erkenntnis: „Österreich geht in Rückstand!“ Schiri-Experte Steiner hält den „Ausschluss“ von Dragovic für unangemessen, „er trifft ihn ja nur am Wadl“. Seit der Einwechslung von Okotie ist Österreich dreifach gehandicapt: Verletzung, Ausschluss, Löwenstürmer. Am Schluss nur noch Depression bei Heul-doch-Polzer. Die Ungarn sind schuld, „ihre aggressive Art hat sich ausgezahlt“, und eh auch der Schiri: „Soll keine Ausrede sein, aber gut ist er nicht.“ Er jammert und jammert, bis Edi Finger senior in seiner Gruft vor lauter Fremdschämen beim Rotieren schwindlig wird. Es war a schware Partie.

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