tz-Interview

Hamann exklusiv: Beim DFB-Team müssen Alarmglocken schrillen

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Nach Ansicht von Dietmar Hamann fehlen Bundestrainer Joachim Löw Führungsspieler.

München - Ex-Profi Dietmar Hamann spricht im tz-Interview über den überbewerteten Wayne Rooney, dem fehlenden Kopf im DFB-Team und Bastian Schweinsteiger.

Update 21. Juni 2016: Heute spielt Deutschland gegen Nordirland. Der EM-Tag im Live-Ticker. Und: Wir haben bereits zusammengefasst, wie Sie das Spiel Nordirland gegen Deutschland live im TV und im Live-Stream sehen können. Außerdem gibt es erste Infos zur Aufstellung von Deutschland gegen Nordirland.

Dietmar Hamann ist ein Mann der klaren Wort. England? Wird noch große Probleme bei der EM bekommen. Und auch beim deutschen Team sieht der Ex-Profi noch viel Luft nach oben. Doch er sieht auch noch ein anderes Manko, wie er im tz-Interview erklärt.

Herr Hamann, der Fußball ist in Großbritannien nicht das Hauptthema in diesen Tagen. Am Donnerstag wird über den Verbleib in der EU abgestimmt, vergangene Woche die schockierende Nachricht vom tödlichen Angriff auf die Labour-Abgeordnete Jo Cox. Sie wohnen in der Nähe von Manchester, keine 50 Meilen vom Tatort Birstall entfernt. Was ging in Ihren vor, als Sie von Cox’ Tod erfuhren?

Dietmar Hamann: Schock ist eine Untertreibung. Ich bin zurzeit in Dublin als EM-Experte fürs irische Fernsehen. Als ich die ersten Nachrichten von einer Attacke bei Twitter gelesen habe, dachte ich zuerst noch, es wäre ein Farbbeutel-Anschlag. Und dann das. Furchtbar. Mein Mitgefühl gilt der Familie, dem Mann, den Kindern.

Denken Sie, dass diese schreckliche Tat Auswirkungen auf das Referendum am Donnerstag haben wird?

Hamann: Jo Cox war eine intelligente und leidenschaftliche Befürworterin der britischen EU-Mitgliedschaft, sie war sowohl in ihrer Partei als auch bei den Konservativen hoch angesehen. Der Täter, Thomas Mair, soll ja vor der Attacke „put britain first“ geschrien haben, einen Slogan der britischen Rechtspopulisten. Am Samstag bei Gericht sagte er nur „Tod den Verrätern, Freiheit für Großbritannien“. Aber dieser Mann ist geisteskrank, von daher bin ich vorsichtig, diese Tat jetzt direkt mit dem Referendum in Verbindung zu bringen.

Sie leben seit 18 Jahren in England. Können Sie den Wunsch vieler Briten nach einem EU-Austritt nachvollziehen?

Hamann: Es wird unheimlich viel Angst geschürt vor zu hohen EU-Zahlungen, vor zu vielen Flüchtlingen, aber die Brexit-Befürworter punkten vor allem mit Rhetorik statt mit Fakten. Sie werden keinen Ökonomen, keinen Wirtschaftsboss finden, der einen Vorteil im Austritt sieht – im Gegenteil: Ein Brexit würde das Land massiv zurückwerfen und Arbeitsplätze vernichten. Und dazu wäre er das absolut falsche Signal in diesen Zeiten der politischen Instabilität und des islamischen Extremismus. Jeder mit gesundem Menschenverstand sollte wissen, dass es am Donnerstag nur einen Platz für sein Kreuzchen geben kann. Ich bin nicht wahlberechtigt, aber wenn es tatsächlich zum Austritt kommen sollte, werde ich mir ernsthafte Gedanken machen, ob ich hier noch weiter leben will. In einem Land, das nicht Teil der europäischen Gemeinschaft sein will.

Themenwechsel, Fußball: Sie haben vor der EM gesagt, dass England im Kreis der Favoriten nichts verloren habe. Fühlen Sie sich nach den bisherigen Auftritten bestätigt?

Dietmar Hamann im tz-Interview.

Hamann: Ja. Die Mannschaft arbeitet Fußball, aber sie spielt ihn nicht. Alleine die Tatsache, dass Wayne Rooney von vielen Beobachtern als bester Mittelfeldspieler bezeichnet wird, sagt schon viel aus. Das Achtelfinale wird England nach dem 2:1 gegen Wales erreichen, aber wenn sie zum ersten Mal gegen ein richtiges Mittelfeld antreten müssen, werden ihnen die Ohren lang gezogen. Daniel Sturridge ist der einzige Weltklassespieler im Kader, das reicht nicht.

Wie gefällt Ihnen die deutsche Mannschaft bislang?

Hamann: Sie macht nicht den stärksten Eindruck. Defensiv war es gegen Polen besser als gegen die Ukraine, aber bei der Leistung in der Offensive müssten die internen Alarmglocken schrillen.

Konkret?

Hamann: Thomas Müller ist kaum im Spiel, Mario Götze wirkt wie ein Fremdkörper, Mesut Özil spielt bestenfalls okay – aber das größte Manko liegt darin, dass die Mannschaft keinen Kopf hat. Auch Toni Kroos und Sami Khedira brauchen Führung, die bekommen sie ohne Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Miro Klose nicht. Ihre Aura der Unschlagbarkeit von 2014 hat die Mannschaft verloren. Trotzdem wird immer noch niemand gerne gegen Deutschland spielen.

Wo sehen Sie das größte Steigerungspotenzial?

Hamann: In der Person Bastian Schweinsteiger. Ich hoffe, dass sie den Basti im Turnierverlauf fit bekommen. Aber nach seiner langen Verletzungsgeschichte habe ich daran schon meine Zweifel.

Interview: Ludwig Krammer

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