Joesi Prokopetz im Interview

Watzmann-Autor über Fußball, Faschismus und Alaba

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David Alaba ist laut Prokopetz in Österreich der Heiligsprechung nahe.

München - Autor und Kabarettist Joesi Prokopetz ist Österreicher. Im tz-Interview spricht er über den EM-Wahnsinn im Alpenland und das Phänomen David Alaba.

Er hat den Hofa getextet und den Zentralfriedhof. Er ist schuld daran, dass beim Watzmann kaum jemand mehr an einen Berg denkt, aber jeder an die Gailtalerin. Und mit Codo ist er im Sauseschritt durchs Weltall gedüst. Heute ist Joesi Prokopetz (64) vor allem als Autor und Kabarettist erfolgreich, seit 2008 darf er sich „Professor“ ehrenhalber nennen. Am 31. Oktober und 1. November ist Prokopetz gemeinsam mit Weggefährte Wolfgang Ambros ein letztes Mal mit dem Watzmann im Circus Krone zu sehen. Zuvor verrät er in der tz, wie Österreich der EM entgegenfiebert, und erklärt das Phänomen David Alaba.

Servus Herr Prokopetz, wie ist die Stimmung in Österreich?

Joesi Prokopetz.

Prokopetz: Wieder etwas besser, nach der Bundespräsidentenwahl. Der Österreicher an sich ist ja sehr hygroskopisch. In dem Moment, wo er mit heißem Wasser in Berührung kommt, schießt er in die Höhe. Aber wenn es vorbei ist, beruhigt er sich relativ schnell wieder. Der neue Kanzler Christian Kern scheint mehr zu können, als nur Humphrey Bogart ähnlich zu schauen, er verbreitet eine gewisse Aufbruchstimmung. Ich hoffe, dass das Land wieder eine gemeinsame Basis findet, statt dieses Rechts-Links-Wahnsinns der letzten Monate.

Versöhnen jetzt der Fußball und die EM das Land?

Prokopetz: Die Elfriede Jelinek hat ja gesagt, Fußball wäre eine „Versuchsanordnung für Faschismus“. Und wenn ich an Hooligans und Hassgesänge im Stadion denke, liegt sie nicht ganz verkehrt. Andererseits kann sich das ganze Land mit größter Selbstverständlichkeit auf unser doch recht buntes Nationalteam einigen, was ich für ein gutes Zeichen halte.

In Deutschland hat ein Politiker der AfD gemeint, die Leute würden Jérôme Boateng als Fußballer gut finden, aber als Nachbarn will ihn keiner. Würde das die FPÖ über David Alaba auch sagen?

Prokopetz: Das ist ja Wahnsinn. In Österreich würde niemand so über David Alaba reden, so ein Blödsinn ist absolut nicht mehrheitsfähig.

Es passiert aber trotzdem. In einer Zeitung, die der FPÖ-Politiker Andreas Mölzer herausgibt, wurde gegen den „pechrabenschwarzen“ Alaba gehetzt, die Rede war von einem „Negerkonglomerat“. Der Protest bis ins rechte Lager war so groß, dass Mölzer als Spitzenkandidat für die Europawahl 2014 zurücktreten musste.

Prokopetz: Ein paar Verrückte findest du überall. Aber generell ist David Alaba in Österreich der Heiligsprechung nahe. Alaba spricht das breiteste Wienerisch, das man sich nur vorstellen kann, er macht für ungefähr 17 Firmen Werbung. In jeder Bank steht ein Alaba-Aufsteller, und jetzt auch im Möbelhaus, für das er mit dem Spruch „I bin a kika!“ wirbt, was genauso klingt wie „Kicker“. Den Spruch kennt in Österreich jedes Kind. Und jedes von diesen Kindern wäre gern ein Alaba.

Ungefähr wie in Ihrem Lied „Mir kummt kaner aus“ für das Schaffnerlos-Musical. Niemand in Österreich kommt David Alaba aus.

Prokopetz: Alle haben ihn lieb. Ich würde tippen: Wenn er sich als Bundespräsident bewirbt, bekommt David Alaba gut 30 Prozent. Und nach der EM vielleicht noch ein paar Prozent mehr.

Wie geht das zusammen? 50 Prozent der Österreicher wollen Norbert Hofer von der FPÖ als Bundespräsidenten – und einen Monat später feiern alle die Nationalelf mit Alaba, Özcan, Dragovic, Garics, Arnautovic und Junuzovic.

Prokopetz: Na ja, die Leute haben Angst vor vielen Flüchtlingen – aber so eine Fußballmannschaft ist ja nur zu elft, also viel weniger. Da fühlen sich die Österreicher nicht so bedroht in ihrer dämonischen Sucht nach Gemütlichkeit. Außerdem hört bei uns eh jeder zweite Name mit „itsch“, „atsch“ oder „etz“ auf, das wirkt dann nicht ganz so überfremdet. Und in dem Moment, wo sie gewinnen, wo man sagen kann, „wir“ haben gewonnen, werden die Spieler sofort gnadenlos ins österreichische Wir-Gefühl integriert, mitsamt ihrem Schweizer Trainer.

Nach dem Motto: Wenn einer ein Tor für Österreich schießt, ist es wurscht, wo er herkommt.

Prokopetz: Richtig. Und weil das grundsätzliche geistige Potenzial eines FPÖ-Wählers ohnehin nicht rekordverdächtig ist, macht man sich über diese Unlogik keine Gedanken. Bei Alaba kommt außerdem noch dazu, dass er in Deutschland Karriere gemacht hat.

Inwiefern?

Prokopetz: Das macht ihn noch viel größer, das überhöht ihn noch mehr. Heast, der spüt jo bei de Deitschn! Ana von uns is Superstar beim FC Bayern! Wir schauen ja immer nach Deutschland, egal ob im Sport oder in der Kultur. Als unser Codo in Deutschland acht Wochen Nummer eins war, haben wir in Österreich noch einmal einen Haufen Platten mehr verkauft. Erst wenn jemand in Deutschland Erfolg hat, sagen die Österreicher: „Da schau her, der kann ja wirklich was!“

Halten Sie bei der EM ein österreichisches Sommermärchen für möglich, wie in Deutschland 2006? Das ganze Land in rot-weiß-rot, Fahnenschwenken, Autokorsos, Fußballrausch?

Prokopetz: Nein, natürlich nicht. Dazu sind wir viel zu wenige Menschen in Österreich. Wir haben auch gar keine Übung darin, uns über Fußballergebnisse zu freuen. Und außerdem ist es mir eh unangenehm, wenn die Leute so einen Lärm machen.

Fußball-EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Stadien und Themenseite

In unserem Übersichtsartikel finden Sie alle Informationen zur EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Termine, Ergebnisse, Gruppen und Kurzporträts der Austragungsorte. Außerdem haben wir alle wichtigen Fakten und Hintergründe zu den Stadien der EM 2016 zusammengestellt. Und: Wir bieten Ihnen die wichtigsten Infos zum Kader von Deutschland bei der EM 2016. Alle aktuellen Nachrichten erfahren Sie außerdem auf unserer Themenseite zur Fußball-EM 2016 in Frankreich bei tz.de. Tipps zum Public Viewing in München gibt es hier, den Link zum Tippspiel unter tippkaiser.de.

Interview: Jörg Heinrich

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