Maurizio Beretta im tz-Interview

Serie-A-Boss: Nachwuchs? Wie Deutschland machen!

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Der Mann an der Spitze der Serie A: Ligapräsident Maurizio Beretta.

München - Bevor der Gipfel der Giganten zwischen Deutschland und Italien am Samstag steigt, kommt es zum Expertengipfel in der tz. In der italienischen Ecke: Maurizio Beretta, Ligapräsident der Serie A.

Bevor der Gipfel der Giganten zwischen Deutschland und Italien am Samstag (21 Uhr, ARD) in Bordeaux steigt, kommt es zum Expertengipfel in der tz. In der italienischen Ecke: Maurizio Beretta, Ligapräsident des Bel Paese und somit Boss der Serie A. Und in der deutschen: Reinhard Grindel, frisch gekürter DFB-Präsident und Spitzenfunktionär des weltweit größten Sportverbandes. Gesprochen wird weniger über das Halbfinalduell zwischen den Mannschaften von Jogi Löw und Antonio Conte, sondern über das, was beide Nationen aktuell in fußballerischer Hinsicht bewegt.

In Italien liegt es auf der Hand: Das Land, das einst ein regelmäßiger Bewerber auf den Henkelpott war und mit Inter, Milan und Juve stets Klubs unter den Besten der Besten in Europa dabeihatte, muss die Liga wieder attraktiv gestalten. An vorderster Front dabei: Maurizio Beretta, der auch nicht vor ausländischen Investoren zurückschreckt. „Es gibt klare Regeln für jeden, der in unseren Fußball investieren will“, so der Serie-A-Boss im tz-Interview. „Ich bin der Meinung, dass es in der Regel eine Bereicherung für die Liga und das Land darstellt, wenn man mit Investoren Beziehungen unterhält und in geschäftlicher Hinsicht kooperiert. Es profitieren die Klubs, und darauf kommt es an.“

Signore Beretta, die Liga hat kürzlich mit einem Beschluss für Aufsehen gesorgt, wonach sich künftig in jedem Klub acht Italiener finden müssen.

Maurizio Beretta: Der Beschluss ist gut. Ich bin auch dafür, dass Kinder aus Einwandererfamilien für Italien auflaufen sollten. Eben ganz wie in Deutschland…

…wo nicht nur die Nationalmannschaft, sondern auch die Liga profitiert. Wo steht die Serie A, Ihr Kerngeschäft? Geht es nur um die Top-Klubs und den Titelkampf?

Beretta: Nicht nur, auch der Abstiegskampf und das Rennen um die europäischen Plätze sind fundamental für den Erfolg der Liga. Nur so bleibt es interessant bis zum Schluss.

Im Pokal gibt es in Italien nur ein Spiel, das auch noch beim Besserplatzierten stattfindet. Ist das nicht unfair?

Beretta: Dieses Format hat die Coppa in gewisser Weise wiederbelebt, es ist sehr erfolgreich. Letzten Endes geht es darum, die wenigen Möglichkeiten, die uns der Kalender bietet, auszureizen. Der Erfolg, nicht zuletzt auch was die Zuschauerzahlen angeht, gibt uns recht.

Sollten die Spiele nicht beim Schlechterplatzierten stattfinden?

Beretta: Heutzutage machen die großen Stadien den Unterschied aus, auch was die Torlinientechnik angeht. Kleinere Klubs können sich diese Technologien nicht leisten.

Wie steht es um das Renommee der Europa League in Italien? Franz Beckenbauer taufte sie eines Tages den Cup der Verlierer…

Beretta: Sie befindet sich im Wachstum, auch wenn man hier und da verstärkt über die Verteilung der TV-Gelder nachdenken könnte, was imn ersten Zügen bereits passiert. Die Kapazitäten für zwei Wettbewerbe in Europa sind auf jeden Fall gegeben, auch wenn man wie bei der Coppa stets über Modifizierungen nachdenken sollte. In der Europa League finden sich oft großartige Klubs, die den Spitzenfußball in Länder bringen, die vielleicht Leidenschaft, aber nicht die passende Bühne besitzen.

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Es wurde zuletzt auch verstärkt über eine europäische Super-Liga diskutiert. Ihre Meinung?

Beretta: Hier geht es doch darum, dass derartige Turniere automatisch mehr Geld generieren, wenn sie die namhaftesten Mannschaften beinhalten. Verstehen Sie mich nicht falsch, die Diskussion muss geführt werden, sie ist positiv.

Eine immerwährende Diskussion dreht sich auch um Torlinientechnik in Stadien. Braucht der Fußball in ihren Augen mehr davon?

Beretta: Es wäre kurzsichtig, auf diese Möglichkeiten zu verzichten, die sich in Italien bereits als voller Erfolg herausgestellt haben. Ich bin ein großer Verfechter der Technologien im Fußball. Jeder Zuschauer verfügt daheim vor dem Fernseher über jede Menge Wiederholungen – warum sollte der Schiedsrichter, der ein Spiel letzten Endes mitentscheidet, ohne sie auskommen müssen?

Halten Sie auch Aussagen der Schiedsrichter nach Spielschluss für sinnvoll?

Beretta: Auch diese Idee halte ich für positiv und notwendig, leben wir doch in einer Welt, in der jeder Mensch mit Verantwortung seine Entscheidung auch erklären können sollte. Die Möglichkeit, Beschlüsse und Entscheidungen zu kommentieren und gegebenenfalls auch Fehler zu rechtfertigen, würde doch letzten Endes die Rolle des Referees nur stärken.

Und wie steht es um die Rolle der Spieler und ihre horrenden Ablösen? Werden 100 Millionen Euro Ablöse in Zukunft gang und gäbe sein?

Beretta: Es ist prinzipiell schwer, Vorhersagen zu treffen, auch wenn ich schon der Meinung bin, dass die großen Champions, die gleichwohl eine globale Marke sind, auch einen hohen Marktwert haben. Langsam aber sicher gehen wir von lokaler zu weltweiter Aufmerksamkeit über, womit auch zu erklären wäre, dass die Ablösesummen und Marktwerte explodiert sind.

Sollte man über eine Deckelung von Ablösesummen nachdenken?

Beretta: Wie in anderen Sektoren macht auch beim Fußball der Markt die Preise. Bei Spielern, die sowohl sportlichen wie finanziellen Erfolg durch Marketingerlöse garantieren, ist es doch nur verständlich, dass sie höher eingestuft werden als andere. Bei Top-Schauspielern, im Tennis und der Formel 1 ist es doch auch nicht anders.

Ihre Meinung zu Beratern? Die Gefahr, dass junge Spieler reingelegt werden, ist doch durchaus gegeben.

Beretta: Wir sollten glauben, dass hier im Interesse des Systems und somit des Fußballs gearbeitet wird. Wichtig ist nur, dass es ein klares und sicheres Regelbuch gibt, das in allen Ländern gleich ist. Mein Wunsch wäre es, dass Agenten stets das Ziel haben, nicht nur den Athleten in einem Menschen, sondern eben auch die Person an sich zu fördern.

Nach dem TV-Vertrag in England könnten sie aber bald vor allem Transfers auf die Insel fördern.

Beretta: Hier ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, was zu diesem Vertrag geführt hat. In England hat man bereits vor Jahren begonnen, die Liga verstärkt im Ausland zu vermarkten, und nun erntet man die Früchte dieses Prozesses. All das führt dazu, dass sie uns allen aktuell einen Schritt voraus sind.

War der Supercup im Ausland ein Schritt in die richtige Richtung?

Beretta: Und wie, uns hat das neue Dimensionen eröffnet. Es gibt zahlreiche Anfragen, die unsere großen Klubs einmal in ihrem Land zu Gast haben wollen, aber auch hier macht uns der prall gefüllte Kalender einen Strich durch die Rechnung.

Interview: Mirko Calemme

Das ist Maurizio Beretta

Geboren am 6. Juni 1955 in Mailand. Er ist aktueller Präsident der Liga Serie A und stellvertretender Vorsitzender des italienischen Verbandes FIGC. Nach einer Station als Journalist bei der Nachrichtenagentur Reuters wechselte er als Leiter der Wirtschaftsredaktion zum staatlichen TV-Sender RAI. Dort zeichnete er im Anschluss als Direktor für die Koordination und Budgetplanung verantwortlich. Nach einer Zwischenstation als Kommunikations-Direktor bei Fiat in Turin wurde Beretta 2009 zum Liga-Präsidenten ernannt und 2011 und 2013 in diesem Amt bestätigt. Seit 2014 ist er auch stellvertretender Verbandsvorsitzender.

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