Interview mit dem Real-Star

Toni Kroos: "Ich stehe voll im Saft"

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„Die Fitness Richtung erstes EM-Spiel ist da“: Toni Kroos (l.), hier beim Aufwärmen mit Bayerns Joshua Kimmich.

München - Ex-Bayern-Spieler Toni Kroos über Real-Partys, Blöcke im DFB-Team und Löws Optionen bei einem Rückstand.

Wenige deutsche Spieler tragen das Prädikat der Unentbehrlichkeit. Er gehört mittlerweile dazu: Toni Kroos, 26, Real Madrid, frisch gekürter Champions League-Sieger. Ein Gespräch mit ihm über die bevorstehende Europameisterschaft.

Toni Kroos, wie zu hören ist, stehen Ihnen wieder Vaterfreuden bevor. Aber nicht während des Turniers, oder?

Wenn alles normal läuft, ist es so gut getimt, dass es nach der EM ist. Später Juli.

Wird’s ein Nationalspieler?

Nationalspieler zu werden, ist heutzutage ja geschlechtsunabhängig. Es gibt einen Junge oder ein Mädchen. Eines von beiden, das kann ich verraten, das ist schon eine gute Info.

"Feiern können sie, die Spanier"

Blicken wir kurz zurück: Mailand, das Champions-League-Finale. Wie waren die Feierlichkeiten danach in Madrid?

Sehr ausgelassen. Feiern können sie, die Spanier. Damit meine ich nicht nur die Spieler. Der Sonntag nach dem Finale war beeindruckend in der gesamten Stadt, dann auch noch im Stadion – und mich beeindruckt man grundsätzlich nicht so leicht. Am Montag sind die meisten Spieler dann weg zu ihren Nationalmannschaften. Mehr Feier wäre auch nicht möglich und nötig gewesen, es war alles in den Sonntag reingehauen.

Ihre Auswechslung können Sie aber noch immer nicht verstehen.

Es war die 72. Minute, ich denke, ich habe ein gutes Spiel gemacht. Es kamen relativ früh drei frische Leute, um das Spiel in 90 Minuten über die Zeit zu bringen; das hat nicht geklappt, war am Ende aber relativ egal.

Ob ihr Trainer bei Real Madrid, Zinedine Zidane, gewusst hat, dass Ihr Lieblingsspieler zwar ein französischer Spielmacher, aber eben nicht er gewesen ist? Sie haben mal Ihre Verehrung für den in Bremen tätigen Johan Micoud zum Ausdruck gebracht.

Ich weiß nicht, ob Zizou diesen Fragebogen gelesen hat... Es geht ja auch nicht um Größe. Dass Zinedine Zidane noch eine Klasse besser war, will ich nicht bestreiten. Aber Micoud war ein hervorragender Spieler, einfach sehr elegant, und das hat mir gefallen.

Kommen wir zur deutschen Nationalmannschaft. Es fällt auf, dass die Spieler wieder aus mehreren Vereinen kommen, zehn Spieler sogar von ausländischen Klubs. Wird Homogenität verloren gehen?

Wir hatten meist Blöcke, das stimmt. Aber neben denen von Bayern und Dortmund, der mal größer, mal kleiner war, gab es immer auch noch andere Spieler in der Startelf. Wir haben es immer hinbekommen, dass die Mannschaft funktionierte. Es gibt Unterschiede zwischen den Ligen, doch das Niveau ist in Deutschland, England, Spanien relativ gleich hoch. Es sind vielleicht kleine Umstellungen vom Tempo her.

Im DFB-Team treten Sie nun öfter als Torschütze in Erscheinung.

Lassen wir uns mal nicht blenden von den März-Spielen gegen England und Italien, da hat das geklappt. Ja, ein paar Tore habe ich gemacht in der Nationalmannschaft, ich wehre mich dagegen nicht, wenn ich schießen kann, schieße ich. Ich sehe es jedoch nicht als meine Hauptaufgabe. Die liegt in der Vorbereitung im Mittelfeld.

Beim 4:1 gegen Italien gab es die bemerkenswerte Variante mit Ihnen und Mesut Özil auf der Doppel-Sechs.

Wir hatten da einen Mangel an Sechsern, das war das eine. Auf der anderen Seite ist es eine sinnvolle Lösung, weil es dem Aufbau des Spiels gut tut. Die Italiener hatten hinten ja eine Fünfer-Reihe, das ist für den Bundestrainer wohl der Anlass gewesen, in diesem Spiel offensiver aufzustellen. Und das kann in einem Spiel immer mal eine Option sein, wenn man reagieren muss, weil man etwa in der 70. Minute zurückliegt.

Auf Fingerzeig von außen, geht das so einfach? 

Wir haben es einmal trainiert und dann gespielt. Dafür sah es gut aus. Ich glaube aber, dass Mesut lieber eine Position weiter vorne spielt.

"Es ist von Vorteil, wenn man lange zusammen ist"

Anders als vor der EM vor vier Jahren war der Kader zehn Tage weitgehend zusammen. Müsste sich auszahlen.

Es geht um die vielen Trainingseinheiten, in denen du Sachen einstudieren kannst. Dafür ist es von Vorteil, wenn man lange zusammen ist. Standards haben uns sehr geholfen bei der WM. Ein Standardtor kann immer Gold wert sein.

Sie waren in Ascona erst in den letzten drei Tagen dabei. Wie steht es um Ihre eigene körperliche Befindlichkeit?

Ich stehe voll im Saft. Wenn ich nach dem Champions League-Finale eine Woche weggewesen wäre, wäre ich schon in den Urlaubsmodus gekommen. So waren also nur zwei Tage Pause, für mich geht die Saison im Endeffekt einfach weiter, ohne dass ich eine spezielle Turniervorbereitung gehabt hätte. Das muss aber kein Nachteil sein. Die Fitness Richtung erstes EM-Spiel ist da.

Am Dienstag geht es weiter in Evian, die Mannschaft bezieht ihr Quartier in Frankreich. Ihr EM-Ausblick? 

Wir haben eine sehr sehr gute Mannschaft, es gibt aber noch vier, fünf andere sehr sehr gute Mannschaften. Es gibt in meinen Augen bei der EM nicht diesen einen Favoriten, sondern mehrere. Was im Endeffekt aber völlig wurscht ist, denn wer Favorit ist, muss die EM dann eben auch als Favorit spielen. Zu diesem Kreis gehören wir. Wir haben halt ein, zwei Spieler, die wegen Verletzungen wenig Rhythmus haben. Die Sache mit dem Ausfall von Marco Reus, das muss ich noch einmal sagen, ist sehr sehr schade, weil er uns mit seiner Qualität gut zu Gesicht gestanden hätte. Wir fahren dennoch mit einer guten Mannschaft hin und müssen es nur noch zeigen.

"Ich habe meine Art zu spielen"

Mit Toni Kroos als Führungsspieler?

Ich beanspruche grundsätzlich nichts. Ich habe meine Art zu spielen, indem ich immer den Ball will, ob es schwierig ist oder leicht, und indem ich außerhalb des Platzes meine Meinung sage. Im Mannschaftsrat bin ich dabei, aber ich hänge das nicht so hoch. Man wächst rein, wenn man lange Jahre die Leistung auf hohem Niveau bringt. Die WM war natürlich Gold wert, weil ich eine relativ wichtige Rolle eingenommen habe. Das war die letzten zwei Jahre auch so, und ich hoffe, dass das bleibt. Parallel bedarf es natürlich auch einer guten Entwicklung im Verein.

Stefan Reinartz, früher in Leverkusen Ihr Mitspieler, hat dieser Tage seine neue Methodik der Spieldatenauswertung im Fußball vorgestellt. Die ARD-Zuschauer werden sie bei der EM kennenlernen und dann auch erfahren, dass Sie der wertvollste deutsche Akteur sind, weil Sie in der Regel die meisten Gegner überspielen mit Ihren Pässen. 

Wenn das die Erfassung der Daten sagt, ist das doch schön. Ich finde die Idee spannend, weil diese Daten viel mehr Aussagekraft haben als bisherige. Es geht um die Effektivität der Pässe, nicht um eine allgemeine Anzahl oder um Prozente. Wie sehr kannst du der gegnerischen Mannschaft weh tun? Das wird hier aufgeschlüsselt Ich denke, das sollte bei den Zuschauern gut ankommen.

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