tz-Experten-Kolumne

Ballack: Deswegen sollte Schweinsteiger zurücktreten

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Bastian Schweinsteiger sollte zurücktreten, sagt Michael Ballack in seiner tz-Experten-Kolumne.

Michael Ballack rät Kapitän Bastian Schweinsteiger in seiner tz-Experten-Kolumne nach dem EM-Aus zum Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Um Joachim Löw macht er sich derweil weniger Sorgen.

Frankreich hat uns verdient aus dem Turnier geworfen! Das ist bitter. Aber es ist die Wahrheit. Ich teile nicht die Meinung vieler Experten, die sagen: Deutschland hatte nur Pech gehabt. Das ist meiner Meinung nach falsch. Frankreichs Trainer Didier Deschamps hat seine Top-Stars auf den Punkt motiviert. Er ist ein großes Risiko eingegangen, in dem er in den ersten Spielen seine Superstars Griezmann und Pogba ausgewechselt bzw. auf die Bank gesetzt hat. Er hat seine Stars damit provoziert aber auch angestachelt. Sein Plan ging auf. Er hat das Beste aus seinem Team herausgeholt. Und sie haben im richtigen Moment die Tore geschossen...

Wir haben dagegen im Halbfinale zwei große Fehler gemacht. Und die werden auf diesem Niveau sofort brutal bestraft. So etwas hat nichts mit Pech zu tun.

Man hat natürlich auch gemerkt, dass uns mit Philipp Lahm ein Spieler auf Weltklasse-Niveau gefehlt hat. Wir haben eine Mannschaft, die wie keine andere ein Spiel beherrschen kann. Aber irgendwann musst du vorne auch mal treffen.

Viele offene Fragen

Aber das ist jetzt schon Vergangenheit. Die Frage ist: Wie sieht die Zukunft aus? Es ist wichtig, die richtigen Lehren aus dem Halbfinal-Aus zu ziehen. Joachim Löw ist ein Trainer mit einer unbestritten hohen fachlichen Qualität. Daran gibt es überhaupt keine Zweifel. Aber er wird sich jetzt kritisch mit sich selber auseinandersetzen. Er wird sich Fragen stellen: Kann ich die Mannschaft nach zwölf Jahren noch genauso motivieren? Wie und welcher Form erreiche ich die Spieler? Warum versagten bei unseren Stars die Nerven? Warum verschossen drei Top-Stars im Viertelfinale drei Elfmeter? Warum hatte Boateng im Viertelfinale ein Blackout und spielte Hand im Strafraum? Warum hatte auch Schweinsteiger im Halbfinale einen Aussetzer? Diese Fragen müssen beantwortet werden.

Wir haben eine sogenannte „Goldene Generation“. Mit der sollte man nicht verschwenderisch umgehen. Denn: Mit dieser Qualität an Spielern müssen sich Löw und auch der Verband an Titeln messen lassen! Man sollte dieses Turnier nun erst einmal sacken lassen und die Gründe des Ausscheidens analysieren. In aller Gelassenheit aber mit der notwendigen Ernsthaftigkeit. Löw ist Weltmeistertrainer. Er genießt große Sympathien in der Öffentlichkeit und auch in seinem Arbeitsumfeld. Kritische Stimmen hört man hier allerdings eher selten. Das darf nicht zur Bequemlichkeit führen.

Sorge um Schweinsteigers körperlichen Zustand

Zur Zukunft der Nationalmannschaft gehört auch die Rolle von Bastian Schweinsteiger. Ich weiß, dass er brutal ehrgeizig ist. Aber wenn man ihn in den letzten zwei Jahren gesehen hat, muss man auch ehrlich sagen: Ich mache mir nach seinen vielen Verletzungen Sorgen um seinen körperlichen Zustand. Er wird nun genug damit zu tun haben, um sich in Manchester gegen die große sportliche Konkurrenz durchzusetzen.

Deshalb weiß ich nicht, ob er sich einen Gefallen tun würde, die WM in Russland als nächstes persönliches Ziel auszurufen. Ich würde ihm raten, sich diesen Schritt genau zu überlegen. Ich fürchte, er könnte in einen Strudel hineingeraten. Andere Spieler könnten die Situation nutzen, um seinen Status in der Nationalmannschaft in Frage zu stellen. Das hätte Schweinsteiger nicht verdient.

Den EM-Titel hat er leider verpasst. Dazu ist ihm dieses blöde Handspiel unterlaufen. Aber das schmälert seine Karriere nicht. Er hat Deutschland 2014 zum Weltmeister gemacht. Er hat Großartiges für den Fußball geleistet. Er kann jetzt erhobenen Hauptes durch die Vordertür abtreten.

Ich denke, es ist jetzt ein guter Zeitpunkt für ihn, zurückzutreten.

Die Qualität der EM war bedenklich. Es geht in die falsche Richtung. Mir fehlte der emotionale Fußball. Stattdessen haben wir ein Turnier erlebt, in dem die Mannschaft im Vordergrund stand. Gut organisierte Teams, die ihr System perfekt ausspielen. Das erinnert mich an Atlético Madrid. Es gab kaum große Momente, wenige spektakuläre Tore.

Der schöne Fußball hat gelitten.

Von Michael Ballack

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