"Turnier-Bestie"

Gomez adelt Müller und Italien-Team mit dem selben Begriff

Mario Gomez beim Spiel gegen England
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Mario Gomez beim Spiel gegen England.

München - Bundestrainer Löw kann mit dem Warnschuss gegen England leben. Es war ja nur ein Testspiel. Trotzdem offenbart sich ein Mentalitätsproblem der Weltmeister. Gegen Angstgegner Italien geht es ums EM-Gefühl.

Auch nach der „guten Lehrstunde“ gegen die hungrigen Engländer reagierte Joachim Löw ganz entspannt. „Man ärgert sich schon“, gab der Bundestrainer zu, bevor er seine Verlierer vor dem zweiten Klassiker gegen Italien wie vorher geplant in einen freien Ostersonntag entließ. 2:0-Führung verspielt, 2:3 verloren - „aber auch damit können wir mal leben“, verkündete der Weltmeistercoach.

Es war ja nur ein Testspiel, aber genau diesen Testspiel-Schlendrian muss Löw seinen Fußball-Weltmeistern kurz vor der Europameisterschaft endlich austreiben. Sonst blüht am Dienstagabend (20.45 Uhr/ARD) in München gegen Turnier-Angstgegner Italien ein totaler Fehlstart ins EM-Jahr, der endgültig Zweifel am weiter vorhandenen Erfolgshunger und der Titelreife der deutschen Nationalmannschaft schüren würde.

Verhindern soll das unter anderem Bayern-Bankdrücker Mario Götze, der sich in seinem 50. Länderspiel - noch dazu in der Münchner Arena - beweisen darf. Löw gab dem 23-Jährigen eine Einsatzgarantie in der Startelf. „Es lohnt sich immer, Mario zu unterstützen. Er kann Dinge, die andere nicht können“, sagte Löw, der für die EM auf Götze zählt.

Schon die jungen, wilden Engländer deckten die aktuellen Defizite des Weltmeisters schonungslos auf. Die Italiener seien aber „nochmal ein anderes Kaliber“, erklärte Löw. „Italien ist eine Turnier-Bestie“, formulierte Mario Gomez drastisch: „Die sind traditionell stark gegen Deutschland.“ Und dieser Angstgegner ist ein potenzieller Gegner für die entscheidende Phase der sommerlichen Tour de France. „Da kann es nicht schaden, wenn wir vor dem Turnier schon mal ein Zeichen setzen“, sagte Manuel Neuer, der an Ostern 30 Jahre alt wurde.

Es geht in München um ein gutes EM-Gefühl. „Für uns ist es schon nochmal wichtig, dass wir in die Vorbereitung gehen können mit einem Sieg“, betonte Gomez. Der Torjäger hatte Löw die positive Erkenntnis des friedlichen Fußballabends im Berliner Olympiastadion geliefert. „Er hat wieder das Näschen für Tore“, lobte der Bundestrainer den 30 Jahre alten Angreifer, der sich als klassischer Mittelstürmer mit Nachdruck für eine EM-Hauptrolle aufdrängen konnte. Nicht nur bei seinem feinen Kopfballtor demonstrierte Gomez lange verschüttet gegangene Stürmerqualitäten. Das 1:0 hatte Toni Kroos erzielt.

Ein Totaleinbruch in der letzten halben Stunde führte jedoch zu den Gegentoren von Harry Kane, Jamie Vardy und Eric Dier. Spielkontrolle, Organisation, aber auch die richtige Wettkampfeinstellung waren in dieser Phase endgültig verschwunden. „Bei der EURO bedeutet so ein Spiel die Heimreise“, mahnte Gomez: „Aber ich glaube, dass einer deutschen Mannschaft bei der EURO so ein Spiel nicht passiert.“

Die nach der Pause sehr unerfahrene Abwehr um Neuling Jonathan Tah (20), der für den leicht angeschlagenen Mats Hummels reinkam, und Antonio Rüdiger (23) bot ein einfaches Alibi. „Man sollte nicht den Fehler machen, die Fehler bei der Innenverteidigung zu suchen, weil die Tore da gefallen sind. Das hatte sicherlich andere Gründe“, sagte Löw deutlich: „Wir müssen die richtigen Lehren ziehen.“

Zu viele gesetzte EM-Kräfte wie Thomas Müller oder Marco Reus agierten im Sparmodus. „Es ist einfach so, dass wir den Testspielcharakter, und da spreche ich auch von mir selbst, nicht abschütteln konnten“, gestand Müller: „Das ist leider nichts Neues, dass wir in Testspielen nicht ganz so gut aussehen.“ Der einzige Testspielsieg als Weltmeister datiert aus dem November 2014 (1:0 in Spanien). Jetzt gab's die dritte Testspielschlappe nacheinander.

Auch Müller laut Gomez eine "Turnier-Bestie"

Sechs von 16 Spielen als Weltmeister haben Müller und Co. verloren. Ein Alarmzeichen? Sind die Champions von Rio satt? „Wenn es um die Wurscht geht, können wir vielleicht vom Mentalen ein bisschen mehr mobilisieren“, hofft Müller, den Kollege Gomez ebenfalls als „Turnier-Bestie“ bezeichnete. „Wir wissen schon, auf welchem Stand wir sind und dass wir noch ein bisschen was zu tun haben, um bei der EM eine gute Rolle zu spielen“, bemerkte Torschütze Kroos gelassen.

Der Ausfall wichtiger Akteure wie Jérôme Boateng, Ilkay Gündogan oder Bastian Schweinsteiger raubt dem Team aktuell Substanz. „Niederlagen haben immer das Positive, dass man weiß, was man nicht so gut gemacht hat“, meinte Sami Khedira. England war für den Aushilfskapitän ein Warnschuss vor Italien: „Uns wurden wieder einmal die Augen geöffnet, dass es nicht nur 60 Minuten geht oder mit 95 Prozent.“

dpa

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