Ex-U 21-Coach vor der WM-Quali im Interview

Herr Hrubesch, wie gut sind Gnabry, Henrichs und Co. wirklich?

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Horst Hrubesch beendete seine DFB-Karriere mit Olympia-Silber 2016 in Rio. Er verlieh zahlreichen Talenten den letzten Schliff für Löws A-Nationalteam, u.a. Joshua Kimmich.

München - Horst Hrubesch war bis zum Sommer U 21-Nationaltrainer, formte so zahlreiche heutige DFB-Stars zu Profis. Wir haben nachgehakt: Wie gut sind Gnabry, Henrichs, Gerhardt und Co?

Am Freitag zur Quali nach San Marino, am Dienstag zum Testkick nach Italien. Gibt es eine bessere Gelegenheit für Joachim Löw, um weiter am Generationswechsel des Weltmeisters zu basteln? Nach Max Meyer, Julian Brandt und Niklas Süle dürfen nun Serge Gnabry, Benjamin Henrichs und Yannick Gerhardt zeigen, was sie können. Die tz hat mit jemandem gesprochen, der das schon weiß: Horst Hrubesch, bis zum Sommer U 21-Nationaltrainer und Silbermedaillen-Gewinner von Rio. Das Interview:

Herr Hrubesch, freut es Sie, dass die jungen Wilden auch bei Joachim Löw immer mehr an Gewicht gewinnen?

Horst Hrubesch: Natürlich. Entscheidend ist, dass wir nach 2000 vieles richtig gemacht haben. Selbst bei den ganz Kleinen versuchen wir, den ganzen Mamas, Papas, Tanten, Onkeln und Übungsleitern bei kindgerechtem Training an die Hand zu gehen. Dann wären da noch unsere DFB-Stützpunkte, die Landesverbände, die Leistungszentren und die Jugend-Nationalmannschaften – alles zusammen ergibt einen schlüssigen Ausbildungsweg. Aber wir müssen dranbleiben. Das Einzige, was wir nicht tun sollten, ist, uns auf irgendetwas auszuruhen.

Sie haben die Ausbildungsmöglichkeiten angesprochen, aber inwieweit ist auch das Talent der Emporkömmlinge entscheidend für den aktuellen Youngster-Boom?

Hrubesch: Talent war schon immer da, nur kam es bis zum Bosmann-Urteil (1995, die Redaktion) nie recht zur Geltung. Damals haben sich hier in der Bundesliga genauso viele Deutsche getummelt wie Ausländer. Jeden Ausländer, der für billiges Geld zu kriegen war, haben wir gekauft und die Jungen rechts und links liegen lassen. Ich habe es ja damals schon immer wieder angeprangert: Meine jungen Wilden sind besser als die billigen Ausländer, die wir damals gekauft haben. Mit dem Lauf der Jahre hat man ihr Talent schließlich erkannt. Das beste Beispiel habt ihr ja vor eurer Tür.

Sie meinen Joshua Kimmich?

Hrubesch: Natürlich. Das Einzige, was der nicht spielen kann, ist Torhüter. Und wie oft bin ich in den vergangenen Jahren gefragt worden, ob der FC Bayern der richtige Weg ist für Josh? Sollte er nicht doch lieber hier oder dort bleiben, wo er spielt? Nein! Wenn man den Jungs das Vertrauen schenkt, zahlen sie es einem zurück. Er ist das beste Beispiel überhaupt, aber man sieht es ja auch an den Jugend-Nationalmannschaften: Mit allen waren wir im EM-Finale, das hat es auch noch nie gegeben. Und ich bin mir sicher, dass man auch jetzt nicht die Füße stillhalten wird. Wir müssen eben zusehen, wo wir uns noch weiter verbessern können. Dass die Jungs aber mit dem Talent arbeiten können, das sie geschenkt bekommen haben, dürfte ja normal sein.

Herr Hrubesch, inwieweit ist es entscheidend für den Nachwuchs, dass er auch frühzeitig an die A-Nationalelf herangeführt wird?

Hrubesch: Entscheidend ist, dass die Jungs erkennen, dass das System durchlässig ist. Und das sehen sie jetzt, indem man sie reinschnuppern lässt. Dass jeder von ihnen nicht direkt von Beginn an spielen wird, ist auch klar. Für sie geht es darum, zu bestätigen, dass sie zu Recht da oben sind. Und das geht nur über Arbeit. Dass der Weg bis nach oben geht, wissen sie. Wenn sie sehen, wie viele Spieler aus der Europameister-Mannschaft 2009 im Jahr 2014 Weltmeister wurden, können sie sich die Frage ja allein beantworten.

Hrubesch: „Geduld? Warum eigentlich?“

Auf der Position von Toni Kroos zum Beispiel dürfte für die jungen Wilden aber erst mal Geduld angesagt sein, oder?

Hrubesch: Warum sollte man sich gedulden? Die Frage ist: Was mache ich aus meinem Talent? Ich kann ja mit Leistung überzeugen. Und wenn meine Leistungen überragend sind und ich immer wieder dranbleibe, kann ich meine Trainer ja zwingen, mich aufzustellen. Es kommt doch einzig und allein darauf an, wie schnell sich jemand zufriedengibt. Klar ist es auf einigen Positionen schwer. Bei einem Torwart wie Neuer oder einem Innenverteidiger wie Boateng wird die nächsten Jahre über nicht viel passieren, aber was tut man dann? Aufgeben? Oder doch dranbleiben? Auch diese Charaktereigenschaft zeichnet einen Top-Spieler aus: Nicht zufrieden zu sein.

In der Nationalelf ist von einem Mangel an Außenverteidigern die Rede. Wie sieht es denn aktuell im Jugendbereich aus? Gibt es Positionen, auf denen gutes Material rar ist?

Hrubesch: Was die Feldspieler angeht, sind wir durchgängig gut besetzt. Die Frage ist nur, ob man bei Jogi auf der Außenverteidiger-Position spielt, obwohl man im Verein im Mittelfeld spielt. Zur leidigen Diskussion über die zentralen Spitze: Vielleicht sollten wir die Stürmer, die wir haben, einfach in den Vereinen ausbilden. Das geht nicht in der Nationalmannschaft, das muss schon über die Vereine kommen. Es hängt natürlich immer davon ab, was gespielt wird: Falsche Neun, zentraler Stürmer – aber man hat gesehen, wie wichtig jeder einzelne Typ ist und auch die Vereine sind gut beraten, wenn sie alle Möglichkeiten zur Verfügung haben.

Und sonst? Alles wunderbar besetzt im Nachwuchs?

Hrubesch: Im Tor haben wir ein kleines Loch. Wir haben in den älteren Jahrgängen zwar sehr gute Torhüter, aber keine Überflieger à la Manuel Neuer, Marc-André ter Stegen oder Bernd Leno. Da hinken wir im Moment ein wenig hinterher. Nicht bedrohlich – so eine Situation ist völlig normal. Im U 16-Bereich gibt es schon wieder ein paar Überflieger. Die Kunst wird sein, uns immer wieder zu bestätigen. Wirft man einen Blick auf die Franzosen oder die Spanier, gab es sechs, sieben Jahrgänge, die alles dominiert haben – und dann kommt auch wieder dieses Loch. Ganz einfach, weil sich zwei, drei Jahrgänge einmischen, die nicht so stark sind. Aber das ist völlig normal.

Interview: José Carlos Menzel López

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