Nach 511 Sendungen ist heute Schluss

"Heute im Stadion": Abschieds-Interview mit Christoph Deumling

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Drama gab’s genug bei "Heute im Stadion" und Christoph Deumling.

München - Stolze 20 Jahre lang moderierte er "Heute im Stadion", am Samstag sitzt Christoph Deumling zum letzten Mal am Mikrofon der Bundesliga-Kultsendung. Im tz-Interview erklärt der 59-Jährige die Gründe für seinen Rücktritt.

Herr Deumling, wird zum Abschied noch einmal gekickert?

Christoph Deumling: Nein, leider nicht. Wir sind derzeit wegen Umbaumaßnahmen ausquartiert. Darum sind wir nun in einem anderen Bereich des Hauses. Und der Kicker steht noch in unserem alten Studio. Aber es stimmt, das war über all die Jahre ein lieb gewonnenes Ritual. Jeden Samstagabend nach der Sendung noch am Kicker stehen und den Arbeitstag ausklingen lassen.

Die Meldung Ihres Rücktritts entsetzte viele Hörer. Es hieß, Sie hören nun wegen der Familie auf?

Deumling: Das ist richtig. Mir kam der Gedanke an einen Abschied erstmals im vergangenen August, als die neue Saison begann und es wieder losging, jeden Samstag um 10 Uhr aus dem Haus zu gehen und erst abends um 20 Uhr heimzukommen. Meine Kinder sind jetzt acht und drei, und es tat mir immer furchtbar weh, wenn ich Samstagmorgen in ihre großen traurigen Augen schauen musste, weil sie mich lieber daheim gehabt hätten. Da reifte in mir der Entschluss, dass es nach zwei Jahrzehnten einfach auch genug sein muss. Wie bisher mache ich auch weiterhin an den Werktagen die Vormittage auf Bayern 1 und die Abendschau-Moderation. Aber am Wochenende brauche ich jetzt einfach Zeit für meine Liebsten.

Wann stand Ihre Entscheidung fest?

Deumling: An Weihnachten. Ist ja auch ein Familienfest, das passte ganz gut. In dem Moment, als ich es meiner Frau (BR-Moderatorin Heike Götz, d. Red.) und meinen Kindern sagte, fühlte ich mich wie befreit.

Christoph Deumling: "Heute im Stadion" war Teil meines Lebens

Sind Sie ein bisserl wehmütig?

Deumling: Natürlich. Mir ist jetzt schon ganz flau. Ich bin selbst als Kind mit der Sendung groß geworden, Heute im Stadion war Teil meines Lebens. Und als ich hier anfangen durfte, erfüllte sich ein Kindheitstraum für mich. Ich merke jetzt auch an den Reaktionen vieler Menschen, dass meine Stimme sie an den Samstagnachmittagen so sehr begleitet hat wie mich damals als Jugendlichen der unvergessene Fritz Hausmann.

Wie viele Sendungen haben Sie denn gemacht?

Deumling: Das am Samstag ist meine 511. Damit bin ich im 500er-Klub. Ich habe nur eine Sendung weniger als Uli Stein Bundesliga-Spiele. Der kam auf 512. Zu Rekordhalter Charly Körbel mit 602 Spielen hätte ich noch weiter moderieren müssen. Das war mir zu lang.

Bayern-Meisterschaft 2001 war für Christoph Deumling emotionalste Sendung von "Heute im Stadion" 

Was war denn Ihre emotionalste Sendung?

Deumling: Ganz klar, der letzte Spieltag vor 15 Jahren, 2001. Als Schalke sich vier Minuten lang als Meister wähnte, bevor Patrick Andersson in Hamburg noch den Ausgleich schoss und die Bayern doch noch den Titel holten. Das war der absolute Hammer, auch für uns alle im Studio. Oder auch im Jahr davor, als die Bayern die Schale holten, weil Leverkusen in Haching patzte. Auch völlig irre. Das hat sich genauso eingeprägt wie wieder im Jahr davor das Entsetzen über Nürnbergs unfassbaren Abstieg. Das war eine Beerdigung ersten Grades.

Der Club verlor daheim gegen Freiburg, während sich Frankfurt mit einem 5:1 gegen Kaiserslautern rettete und auch alle anderen Abstiegskonkurrenten gewannen.

Deumling: Wie sich Günther Koch um 17.15 Uhr aus dem Frankenstadion meldete und sagte: „Hallo, hier ist Nürnberg, wir melden uns vom Abgrund.“ Da kriege ich heute noch Gänsehaut.

Wie schwer fiel es Ihnen in all den Jahren, bei solchen bewegenden Dramen des Fußballs auch sachlich und nüchtern zu bleiben, um noch den richtigen Regler am Mischpult zu finden?

Deumling: Ein Stück kühl bleiben muss man dabei immer. Sicher hat man mir aber oft auch angehört, dass ich in manchen Situationen mehr Fußballfan war als Moderator. Mag sein, dass mir der ein oder andere Hörer das übel genommen hat. Aber ich konnte da nicht anders.

Ein Fan sind Sie ja vom TSV 1860. Jetzt müssen Sie ganz stark sein. Können Sie über die Löwen sprechen?

Deumling: Das war ja auch entsetzlich. Der Abstieg 2004. Der verschossene Elfer von Kioyo am vorletzten Spieltag gegen Hertha. Dann die Niederlage in Gladbach, 1:3. Das tut heute noch weh.

Christoph Deumling: Bis die Löwen wieder aufsteigen, wird es noch lange dauern

Der Traum, als Moderator noch mal die Löwen in der ersten Liga zu verfolgen, hat sich ja leider nicht erfüllt.

Deumling: Nein. Und bis die wieder aufsteigen, wird es auch noch lange dauern. Ich hoffe nur, dass es die Nürnberger in der Relegation schaffen. Vier bayerische Erstligisten, das wäre grandios.

Hatten Sie mal einen schlimmen Versprecher?

Deumling: Schalke 05 ist mir zum Glück erspart geblieben. Was noch nicht so lange her ist, dass ich ein Problem mit Berlins Trainer Pal Dardai hatte. Phonetisch gesehen. Ich habe den Namen nicht richtig rausgebracht. Weniger schön in Erinnerung ist mir auch ein Interview mit Hans Meyer, dem damaligen Club-Trainer. Das war der erste Spieltag der neuen Saison nach dem Pokalsieg der Nürnberger 2007. Ich war nie einer, der die Gesprächspartner unnötig provoziert hat, und doch fühlte sich Meyer permanent angegriffen, fuhr mir bei jeder Frage ins Wort, um mich zu belehren. Ich empfand ihn da als einen hochgradigen Ungustl.

Christoph Deumling über seine letzten Worte bei "Heute im Stadion"

Haben Sie sich schon Ihre letzten Worte für Samstag überlegt?

Deumling: Nein. Ich werde mich in jedem Fall bei den Hörern bedanken und bei dem ganzen Team. Da stehen jedes Mal 15 Leute dahinter, ohne die würde gar nichts funktionieren.

Und wie verbringen Sie Ihre Samstage in der neuen Saison?

Deumling: In jedem Fall ganz entspannt. Mit meiner Frau und den Kindern in die Stadt gehen, bummeln, Ausflüge machen, Zeit füreinander haben. Samstags am Frühstückstisch sitzen bleiben können, ohne auf die Uhr zu schauen und wegzumüssen, darauf freue ich mich sehr. Und darauf, nachmittags, wo auch immer, „Heute im Stadion“ mit meinem Nachfolger Philipp Eger zu hören. Ich werde der nächste treue Stammhörer.

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Interview: Florian Kinast

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