Löws K-Frage: Typisch deutsch

Kommentar: Neuer DFB-Kapitän - Löw vergibt große Chance

München - Andreas Werner, Sport-Redakteur des Münchner Merkur, sieht in der Ernennung von Manuel Neuer zum neuen DFB-Kapitän als vergebene Chance in diesen Zeiten.

Als Joachim Löw am Montag das erste Mal seit dem EM-Aus an die Öffentlichkeit getreten ist, hat er erklärt, es werde auf dem Platz fortan an zwei Mängeln gearbeitet: Umschaltspiel und Chancenverwertung. Neben dem Feld hat der Bundestrainer aber nun selbst gerade eine große Chance vergeben. An Manuel Neuer als neuem Kapitän ist sicher nichts auszusetzen. Mit Jerome Boateng wäre aber ein starkes Signal gesetzt worden, gerade in diesen Zeiten. Diese Option hatte sich Löw geboten, bisher hatte noch kein Bundestrainer so eine Chance. Der Ball lag vor seinen Füßen, das Tor war quasi leer, es gab ja keinen Gegner. Doch Löw verwandelte nicht.

Merkur-Sport-Redakteur Andreas Werner.

Im modernen Fußball ist die Kapitänsbinde nicht mehr so zu deuten, dass der Mann, der sie trägt, tatsächlich sagt, wo es langgeht. Jedenfalls ist er längst nicht mehr der Einzige. Heute sind die Profis besser ausgebildet, sie reifen schon früh zu Persönlichkeiten, man spricht ja – im Idealfall – gerne vom mündigen Profi. Bastian Schweinsteiger sagt, er habe immer gerne elf Kapitäne auf dem Platz gehabt, das hätte eine starke Mannschaft ausgezeichnet. Löw sagt, er habe in seiner Nationalelf den Luxus, viele Kapitäne zu haben – umso mehr hätte er das Amt nun mit einem symbolischen Charakter versehen können.

Boateng als erster farbiger Kapitän wäre ein politisches Signal gewesen, ein Zeichen gegen unsägliche Nachbarschaftdebatten und für die wachsende Bedeutung von Migration und Integration in diesem Land. Es wäre eine deutlichere Botschaft gewesen als die gängigen Bekenntnisse, wenn es mal wieder um Anfeindungen geht, und Boateng wäre sicher ein passendes Gesicht gewesen für eine Nationalmannschaft, die sich aus vielen Profis zusammensetzt, deren Eltern einst aus dem Ausland herkamen.

Neuer hätte sich sicher nicht verwehrt, doch auch er taugt zur Leitfigur. Er ist eine gute Wahl, keine Frage, sportlich noch unumstrittener als sein Bayern-Kollege, und er steht ebenfalls für Werte, mit denen sich die Menschen identifizieren können. Dass in Boatengs Nominierung eine tiefere Botschaft gesteckt hätte, ist nicht seine Schuld. Warum Löw seine Chance nicht nutzte? Er hat ja nichts wirklich falsch gemacht. Neuer war schon länger Bastian Schweinsteigers Vertreter, Löw handelte nur logisch, fand er. Mit anderen Worten: typisch deutsch.

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