Arbeiten am Masterplan 2015/16

Löw im Interview: "Bayern Maß aller Dinge"

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Joachim Löw.

München - Im großen Interview zum Jahresende spricht Bundestrainer Joachim Löw über die Zukunft des DFB-Teams und die Situation in der Bundesliga.

Welchen Stellenwert wird das Jahr 2014 in Ihrem Leben einnehmen?

Joachim Löw (Fußball-Bundestrainer/54): Dieses Jahr wird ein besonderes bleiben. Es war für mich persönlich das bislang erfolgreichste in meinem Berufsleben und wird daher auch immer in meinen Erinnerungen diesen hohen Stellenwert haben. So ein Ziel wie den WM-Titel zu erreichen, und das auch noch in Brasilien, in Maracana, ist etwas Außergewöhnliches. Das überstrahlt alles.

Haben Sie mit Blick auf das Tagesgeschäft das Kapitel denn mittlerweile einigermaßen verarbeitet und abgehakt?

Löw: Ja, aber das ist gar noch so einfach, weil man auch jetzt immer noch ständig damit konfrontiert wird. Es ist aber zwingend erforderlich, dass wir ab Januar dann wirklich den Hebel umlegen und uns mit der Aktualität beschäftigen. Das gilt für uns Trainer, die Spieler, die Betreuer und alle anderen im Umfeld der Nationalmannschaft. Wir müssen mit Blick auf die EM 2016 schauen, wie wir uns weiter verbessern können und werden uns darüber ernsthafte Gedanken machen.

Nach dem mäßigen Start in die EM-Qualifikation haben Sie für 2015 eine neue Ausrichtung der Nationalmannschaft angekündigt. Was muss man sich darunter vorstellen?

Löw: Wir sind gerade erst dabei, den Masterplan für 2015/16 zu erarbeiten. Wir wollen neue Ideen entwickeln, neue Lösungen finden. Denn der Fußball entwickelt sich immer weiter und dem müssen wir natürlich Rechnung tragen. Wir überlegen im Trainerteam, welche neuen Reize wir setzen können und müssen. Uns ist aber auch klar, dass wir auch mal einen Rückschlag einkalkulieren müssen, das gehört dazu. Grundsätzlich geht es aber um Flexibilität, Variabilität und die Ordnung in unserem Spiel, das wollen wir weiter perfektionieren.

Wird es auch personelle Veränderungen geben, mit denen nach der WM nicht unbedingt zu rechnen war?

Löw: Der Maßstab für eine Berufung in die Nationalmannschaft ist einzig und alleine die Leistung der Spieler. Das ist nach wie vor bei einer Nominierung entscheidend. Ich bin gerne bereit, mal eine schwächere Phase zu tolerieren. Unter dem Strich muss aber die Leistung stimmen, wenn man für Deutschland spielen will.

Wie würden Sie mittelfristig die Ziele für die Nationalmannschaft beschreiben?

Löw: Ich wünsche, dass wir in der Lage sind, den Erfolg zu bestätigen und eine Epoche zu prägen. Es wäre fantastisch, noch einen weiteren Titel zu gewinnen und vor allem noch einmal dieses Gefühl zu spüren. Unser Ziel muss es sein, 2016 das Ding in Paris zu gewinnen und uns uns dann nochmal Richtung WM 2018 zu konzentrieren.

Viele Weltmeister befinden sich aus unterschiedlichen Gründen derzeit bei ihren Klubs nur auf der Bank wieder. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation von Lukas Podolski, Andre Schürrle, Mesut Özil, Sami Khedira, Roman Weidenfeller oder auch Ihres neuen Kapitäns Bastian Schweinsteiger?

Löw: Das bereitet mir im Moment keine großen Sorgen, denn damit habe ich gerechnet. Es ist doch normal, dass nach einem solch intensiven Turnier mit einer so großen Willensleistung bei dem ein oder anderen Probleme auftauchen. Zudem ist es auch mental nicht so einfach, einen so großen Erfolg zu verarbeiten. Ich denke, dass es für einige Spieler jetzt gut ist, wenn sie in der kurzen Winterpause einen Schnitt machen, das Jahr endgültig abhaken können und sich auf die neuen Aufgaben in der Zukunft konzentrieren.

Ihr ehemaliger Assistent Hansi Flick hat in seiner neuen Funktion als DFB-Sportdirektor angekündigt, dass man in Zukunft verstärkt auf die Ausbildung von Vollstreckern und Außenverteidigern achten werde. Wie wichtig ist diese Maßnahme für die A-Mannschaft?

Löw: Langfristig gesehen, ist das für die Nationalmannschaft schon sehr wichtig. Deshalb muss dieses Thema nicht nur in die U-Mannschaften des DFB transportiert werden, wie es Hansi Flick ganz hervorragend macht, sondern auch in die Nachwuchsleistungszentren der Klubs. Wir müssen uns auch mit den Gründen beschäftigen, warum es kaum noch den klassischen Mittelstürmer gibt und wie wir damit am besten umgehen. Ähnlich verhält es sich bei den Außenverteidigern, von denen heute eine Menge verlangt wird und die entsprechend geschult werden müssen.

Können Sie verraten, wen Sie für die kommenden Jahre auf dem Zettel haben?

Löw: Es ist ja kein großes Geheimnis, dass ich weiter mit jungen Spielern wie Kevin Volland, Erik Durm oder Antonio Rüdiger plane, die mein vollstes Vertrauen haben und auch die nötige Zeit bekommen, sich weiterzuentwickeln. Zudem beobachten wir natürlich die Spieler in der U21, U20 und U19, von denen einige großes Potenzial haben. Ich werde sicherlich weiterhin dem ein oder anderen jungen Spieler in Freundschaftsspielen eine Chance geben. Im zweiten Halbjahr 2015 wird das allerdings etwas schwieriger, weil dann die Endphase der EM-Qualifikation auf dem Programm steht.

Am 12. Januar könnten Sie als Welttrainer des Jahres ausgezeichnet werden. Was würde Ihnen dieser Titel bedeuten?

Löw: Mir persönlich wäre es wichtiger, wenn unser Torwart Manuel Neuer zum Weltfußballer des Jahres gekürt würde. Das hat für mich einen höheren Stellenwert. Manuel hat sich diese Auszeichnung verdient, denn er hat eine neue Dimension dieses Spiels geprägt.

Wie beurteilen Sie die bisherige Bundesligasaison?

Löw: Für mich gibt es in der Bundesliga keine großen Überraschungen, weder im positiven noch im negativen Sinne. Das Maß aller Dinge sind die Bayern, sie üben eine unglaubliche Dominanz aus. Dortmund liegt zwar aktuell hinter den Erwartungen, das ist aber auch nicht ungewöhnlich nach den vielen großartigen Jahren und den großen Verletzungsproblemen in den ersten Wochen der Saison. Bayern wird mit ziemlicher Sicherheit Meister werden, ansonsten ist die Bundesliga total spannend. Das betrifft die Plätze eins bis sechs und natürlich auch den Abstiegskampf. Die Aufsteiger Paderborn und Köln haben bislang durchaus überrascht, müssen aber nach der Winterpause ihre Leistung bestätigen.

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, ob Sie auch nach der EM 2016 Ihren Vertrag als Bundestrainer verlängern?

Löw: Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich denke da in einem Zweijahreszyklus und konzentriere mich voll auf die EM-Qualifikation, die wir am Ende sicher überstehen werden, und dann die EM-Runde 2016 in Frankreich, bei der wir ebenfalls große Ziele haben. Nach einem Turnier kann man dann die Überlegungen anstellen, wie es weitergeht. Da ist dann alles möglich.

sid

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