Umstrittener Sprachzauberer hört auf

Marcel Reif: Heute sein letzter Auftritt bei Sky

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Die einen hassen ihn, die anderen lieben ihn: Marcel Reif, hier bei einem seiner letzten Sky-Auftritte. 

München - Am heutigen Samstag kommentiert Marcel Reif mit dem Champions-League-Finale das letzte Mal für Sky. Er wurde geliebt, er wurde gehasst - und dabei machte er nur einen guten Job.

Wenn Marcel Reif in der Allianz Arena erschien, sagten die Stadionbesucher: „Schau, da kommt er, der Bayern-Hasser!“ Wenn Marcel Reif in Dortmund Dienst hatte, hieß es: „Schau ihn an, den Bayern-Fan!“ Vergangene Saison, die nicht gut lief für den BVB und den Anhängern nervlich zusetzte, hat man den Sky-Kommentator Reif mit Bier beschüttet.

Bayern-Hasser, Bayern-Fan – für Reif war die Spannweite der Meinungen über seine Einstellung zu den Klubs immer ein Zeichen, dass er richtig liegt. „Was ich tue, habe ich schließlich gelernt“, sagt er übers Kommentatoren-Handwerk. Diesen Samstag sitzt er, zumindest für Sky, das die vergangenen 17 Jahre sein Sender war, zum letzten Mal bei einem Spiel am Mikrofon. Es ist das Finale der Champions League in Mailand, das spanische Duell Real – Atletico. Klar ist: Er wird für die Madrilenen sein. Und gegen die Madrilenen. Es ist ein Stadtduell.

Reif ist jetzt 66. Bei Sky hört er von sich aus auf. Kann sein, dass er für einen anderen Dienstherrn ins Geschäft zurückkehrt, doch vorerst ist es seine Abschiedsvorstellung. Nachdem er die Deutschen durch drei Jahrzehnte begleitet hat.

Was habt's da für einen Zauberer?

Bekannt geworden ist er ja durch eine vernichtende Bemerkung von Franz Beckenbauer. Reif gehörte neben Günter-Peter Ploog und Michael Palme zu einer jungen Garde von ZDF-Journalisten, die im Vorzeigeformat „Das aktuelle Sportstudio“ mit respektlosen Analysen aufwarteten. Ein Beitrag missfiel Mitte der Achtzigerjahre dem deutschen Teamchef Beckenbauer: „Dieser Marcel Reif – was habt’s da für einen Zauberer?“ Der Zauberer war neu im Sport, er war zuvor Korrespondent in London gewesen. „Ja, der soll wieder Politik machen“, sagte der „Kaiser“ und winkte ab. Erstaunlicherweise sind er und der kritische Geist dann doch recht enge Freunde geworden – noch nicht mal in der „Sommermärchen-Affäre“, die Beckenbauer seit Monaten plagt, hat Reif ein kritisches Wort fallen lassen. Im Gegenteil: Da ist er ein Kaiser-Treuer.

Im ZDF-Sport war der Schweizer nicht nur der Mann für die großen Fußballspiele. Heute fast vergessen: Er war auch Eishockey-Kommentator, als die jährliche Weltmeisterschaft noch zum öffentlich-rechtlichen Programmangebot gehörte. An seiner Seite damals als Experte: der kernige Oberbayer Hans Zach. Ein unterschiedliches, aber funktionierendes Duo. „Den Hans“, sagte Reif, „kannst du anknipsen wie eine Stehlampe“. Er wusste, mit welchen Punkten er den „Alpenvulkan“ auf Touren brachte.

Der Sprachkünstler Reif wurde schließlich von RTL abgeworben, und wahrscheinlich erlebte er seine Sternstunde 1998 beim Champions-League-Abend zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund. Vor dem Spiel krachte eines der Tore zusammen. Es dauerte 76 Minuten, bis Ersatz beschafft war. Die Zeit überbrückte Reif, der als Kommentator im Stadion saß, im Zwiegespräch mit dem aus dem Studio zugeschalteten Günther Jauch. Berühmter Satz: „Ein Tor würde dem Spiel guttun.“ Der Lohn: Bayerischer Fernsehpreis.

Reif war mit seiner sprachlich pointierten Art der fachlichen Analyse immer eine besondere Erscheinung unter den Fußballreportern – und er hatte auch eine besondere Lebensgeschichte. Geboren 1949 in Polen, einer jüdischen Familie entstammend. 1956 Emigration nach Israel, nach einem Jahr ging es weiter nach Kaiserslautern; erst in der Pfalz lernte der Bub Deutsch. Seinen Lebensweg hat er in der Biografie „Aus spitzem Winkel“ beschrieben, zusammen mit dem Journalisten Christoph Biermann, Mitglied der Chefredaktion des Fußballkulturmagazins „11 Freunde“ und bei Übertragungen oft an der Seite des bekannten Kommentators.

Das jüngste Kapitel in Reifs Vita: Seit sechs Jahren ist er in dritter Ehe mit einer Münchner Medizinerin verheiratet – und inzwischen hat er auch die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen. Privat ist er weit weg von allen Einschätzungen, ob er nun Bayern-Freund oder -Feind ist. Und ab Sonntagfrüh liegt das eh alles hinter ihm.

Das Interview:

Wird das am diesem Samstag ein besonderes Spiel oder eine Partie wie jede andere?

Marcel Reif: Vom Ansatz her wird das erst mal ein Champions-League-Finale, ein großartiges Spiel. Punkt. Ende. Den Rest warte ich mal ab. Das mag ich jetzt noch nicht so an mich ranlassen.

Bei der EM sind Sie für verschiedene Medien im Einsatz. Was passiert danach? Bleiben Sie Kommentator, gehen Sie in Rente, zurück in den Politikjournalismus?

Reif: Nein, ich werde schon bei meinen Leisten bleiben. Ich kann ja jetzt nicht sagen: „Hallo, ich bin wieder da, jetzt mache ich wieder Politik“. Da muss man sein Berufsleben schon kontinuierlich führen. Nein, ich schließe momentan gar nichts aus und höre mir viele Dinge an. Ein Buch ist schon vereinbart. Aber jede Woche in ein Bundesligastadion gehen, das kann ich mir nicht mehr vorstellen. Eines weiß ich ganz sicher: Nichts wird passieren, was mir keinen Spaß macht.

Wie stark werden Sie denn Bierduschen, Schmähgesänge und böse Internetkommentare vermissen, die hatten ja zuletzt atemberaubende Dimensionen erreicht.

Reif: Das werde ich sicher nicht vermissen, aber es gehörte zum Glück auch nicht zum Standard. Auf Kommentare im Netz gehe ich nicht ein, weil die meist anonym sind, und dazu habe ich keine Lust. Ich habe an Kommunikation einen viel zu hohen Anspruch. Sie haben sich gerade mit Namen vorgestellt, mich begrüßt und jetzt reden wir miteinander. Für alles andere bin ich zu alt.

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