Matthias Herzog im tz-Interview

Motivationstrainer über DFB-Kicker: "Raus aus der Komfortzone!"

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Bundestrainer Jogi Löw mit Julian Draxler.

München - Die anstehenden Länderspiele wirken auf den ersten Blick nicht prickelnd. Die tz hat bei Motivationstrainer Matthias Herzog nachgefragt, wie es Joachim Löw und seine Mannschaft schaffen, auch bei solchen Spielen die Motivation hoch zu halten.

Matthias Herzog

Die Bundesligasaison ist gerade einmal sechs Spieltage alt, da müssen die Nationalspieler schon wieder auf Länderspielreise. Bei der WM-Qualifikation winken dem DFB-Team mit Tschechien und Nordirland keine wirklichen Kracher-Spiele. Länderspiel-Motivation gleich null – oder doch nicht? Die tz hat bei Motivationstrainer Matthias Herzog nachgefragt, wie es Joachim Löw und seine Mannschaft schaffen, auch bei solchen Spielen die Motivation hoch zu halten.

Herr Herzog, die Bundesliga hat erst richtig angefangen und jetzt gibt es schon die zweite Länderspielpause. Ist die Motivation bei den DFB-Spielern da besonders gering?

Herzog: Gerade Spieler, die noch nicht in Form sind, können die Nationalmannschaft wieder sehr gut nutzen, um Erfolgserlebnisse zu haben, und so Selbstvertrauen für die Bundesliga tanken. Ich denke da beispielsweise an Spieler wie Thomas Müller, die bei der Nationalmannschaft immer gut getroffen haben.

Also freuen sich wenigstens ein paar auf die WM-Quali-Spiele gegen Tschechien und Nordirland...

Herzog: Ein Gomez hat ja erst kürzlich gesagt, er freut sich immer auf die Nationalmannschaft, weil da gute Typen sind. Das liegt auch daran, dass bei einigen der Teamgeist beim DFB größer ist als im Verein!

Zeichnet es Fußballprofis nicht aus, dass sie sich für jedes Spiel zu 100 Prozent motivieren können müssen?

Herzog: Ich muss tatsächlich sagen, dass Fußballer doch ein bisschen verweichlicht und verwöhnt sind. Sie werden eher zu viel getätschelt und haben viel zu viele Freiheiten. Für sie ist es schon eine Herausforderung, sich immer top zu motivieren. Darum ist es sehr schön, wenn die Eigenverantwortung zur Motivation bei den Fußballern sehr groß ist. Aber es liegt natürlich auch am Trainer, seine Spieler bei der Ehre zu packen und die individuellen Motivationsmotive zu kennen und zu fördern!

Also sind bei Joachim Löw jetzt nicht nur seine fachlichen Kompetenzen, sondern auch seine Motivationskünste gefragt!

Herzog: Klar! Das sieht man ja gerade an einem Mario Götze. Ein Spieler hat immer die gleichen Fähigkeiten, egal wo er spielt. Götze kam unter Guar­diola aber gar nicht klar, weil er ihn nicht so angepackt hat wie Joachim Löw. Der Bundestrainer geht sehr über die Beziehungsebene und holt Götze auf der Kumpelebene ab. Er schenkt ihm viel Vertrauen. Guardiola hat immer nur gesagt, wie toll ein Götze sei, hat ihm das nie selber gezeigt. Bei Tuchel ist das ähnlich wie bei Löw, aber bei Jogi fühlt sich Götze am wohlsten!

Die WM-Qualifikationsgruppe sieht für die DFB-Elf keine Kracher-Spiele vor. Hemmt das die Motivation?

Herzog: Es ist eine Gefahr, wenn die Gruppengegner schwächer sind, dass man Spiele auf die leichte Schulter nimmt. Darum muss Löw ganz klar mit anderen Zielen arbeiten!

Wie sehen solche Ziele aus?

Herzog: Ein Spiel einfach zu gewinnen reizt die Spieler nicht. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Löw muss sogenannte herausfordernde Anstrebungsziele setzen. Er sagt beispielsweise: Wir spielen auf 70 Prozent Ballbesitz. Wir testen ein neues Spielsystem. Wir simulieren einen 0:2-Rückstand und müssen in einer Hälfte mindestens zwei Tore schießen. Wenn er die Spieler so aus ihren Komfortzonen holt, setzt er andere Energien frei! Das wird bei solchen Spielen ganz gerne gemacht, um den Druck zu erhöhen. Sonst passiert das, was dem FC Bayern gegen Köln passiert ist. Der Einzige, der da richtig Gas gegeben hat, war Joshua Kimmich. Er startet ja auch seit der Nationalmannschaft so richtig durch.

Also profitiert der FC Bayern bei Kimmich davon, dass Löw ihn richtig motiviert hat?

Herzog: Absolut! Bei ihm hat es komplett den Schalter umgelegt. Er hat beim DFB gesehen, dass er auch Tore schießen kann.

Damit wird Kimmich sogar beim FCB zu einem Leistungsträger, obwohl er noch sehr jung ist.

Herzog: Das überrascht mich nicht. Die jungen Spieler sind einfach noch bissiger im Vergleich zu den älteren. RB Leipzig ist ein gutes Beispiel dafür. Die alten haben teilweise schon alles gewonnen. Der Wunsch nach Titeln ist bei jungen Spielern größer!

Das DFB-Team ist ebenfalls eine junge Truppe.

Herzog: Darauf achtet Löw auch. Er hat einen Grundkader mit erfahrenen Spieler, baut gleichzeitig aber immer wieder neue, junge und bissige Spieler ein, die noch willig sind.

„Es fehlen die echten Leader!“

Löw gesteht, dass er nach einem Turnier oft selbst einige Zeit braucht, bis er wieder in Schwung kommt. Wie motiviert sich ein Weltmeister-Trainer?

Herzog: Ich denke, das geht auch nur darüber, dass er ein klares Ziel hat. Zum Beispiel: Ich möchte der erste sein, der zwei WM-Titel in Folge gewinnt. Das hat es ja tatsächlich noch nicht gegeben.

Löw hat kürzlich den Umgang mit Trainern kritisiert. Wirkt sich das negativ auf die eigene Motivation als DFB-Coach aus?

Herzog: Da laufen die Trainer tatsächlich Gefahr! Der Druck, der auf Trainern lastet ist enorm. Sie stehen permanent in der Öffentlichkeit und jeder kleine Fehltritt wird kritisiert. Das Entscheidende ist, dass sich die Trainer bewusst machen, dass sie ja nicht für andere arbeiten, sondern für sich und ihre Mannschaft.

Welche Rolle spielen Führungsspieler bei der Motivation ihrer Teamkollegen?

Herzog: Eine große! Das ist eine Gefahr, die ich beim DFB-Team sehe. Wir haben keinen echten Leader mehr. Früher hatten wir „Tarzan-Typen“ wie Matthäus, Sammer, Kahn oder Ballack. Der letzte war Schweinsteiger. Die haben dazwischen geschlagen, wenn es darauf ankam! Ein Neuer oder Hummels sind auf dem Platz zu ruhig. Die weisen ihre Mitspieler nicht zurecht, wenn es nötig ist. Aber das braucht die Mannschaft in brenzlichen Situationen als Weckruf !

Ist die Gefahr nicht groß, dass die Motivation von sensibleren Spielern sinkt, wenn sie von Mitspielern auf dem Spielfeld verbal attackiert werden?

Herzog: Das ist die Kunst! Viele Spieler sind verweichlichter als früher. Einige lackieren sich ja fast schon die Fingernägel! Darum ist die Gefahr groß, dass man diese Spieler persönlich verletzt. Das ist dann wieder der Vorteil von Spielern wie Neuer, Hummels oder Boateng. Einerseits können sie durch eine direkte Art fordernd sein und das gleichzeitig in einem freundlicheren Ton machen. Sie müssen es nur tun!

Was ist mit Führungsspielern wie Thomas Müller oder Toni Kroos?

Herzog: Sie wollen führen, indem sie gute Leistung bringen. Das ist aber eine Zwickmühle: Viele solcher Spielertypen sagen sich häufig, wenn sie selber schlecht spielen, könnten sie die Mannschaft nicht anführen. Aber das ist Schwachsinn!

Wie meinen Sie das?

Herzog: Ich kann selber einen schlechten Tag haben, aber durch meine Motivation kann ich meine Mitspieler dazu kriegen, dass sie Gas geben. Viele Mannschaften kommunizieren darum plötzlich nicht mehr, wenn es schlecht läuft. Dann übernimmt keiner Verantwortung und keiner pusht das Team. Und so verlierst du letztendlich entscheidende Spiele, wie wir im EM-Halbfinale gegen Frankreich gesehen haben.

Interview: Manuel Bonke

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