Im tz-Interview

Oliver Bierhoff: "Prügelknaben nehme ich als Lob"

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Oliver Bierhoff.

München - Oliver Bierhoff spricht im Interview mit der tz über den HSV, die Frankfurter DFB-Akademie und was in seinem Jobprofil steht.

Er fühlt sich sichtlich wohl in der alten Heimat. Oliver Bierhoff genießt den Aufenthalt in Hamburg, der DFB-Teammanager, früher Profi des HSV, hat noch viele Bekannte zwischen Alster und Elbe. Klar, dass ihm auch sein früherer Verein noch am Herzen liegt. Die tz bat Bierhoff vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Tschechien (20.45 Uhr, RTL live) zum Interview.

Der HSV, Ihr früherer Verein sorgt für Schlagzeilen – und zwar für keine guten. Verfolgen Sie die Situation?

Oliver Bierhoff: Natürlich mit größerem Interesse. Ich habe mit einem anderen Saisonstart gerechnet, denn ich halte sehr viel von den handelnden Personen. Bis vor kurzem Peter Knäbel, nun noch Dietmar Beiersdorfer und Bernhard Peters. Die Kompetenz ist also da. Man dachte, es geht jetzt nach vorn und dass der HSV den Weg gehen könnte, den nun etwa der 1. FC Köln einschlägt.

Sie stehen vor einem wegweisenden Projekt. Wann steht die Frankfurter DFB-Akademie?

Bierhoff: Noch verzögert es sich, weil wir auf die Übergabe des Geländes durch die Stadt warten. Ich finde es schon erstaunlich, wie viele Möglichkeiten man hat, offensichtlich geklärte Dinge, etwa über das Votum der Stadt und einen Bürgerentscheid, noch nach hinten raus zu zögern (lacht).

"Wir haben den Willen, bald mit Pilotprojekten zu starten"

Aber Sie befürchten nicht, dass die Pläne scheitern?

Bierhoff: Ich sehe keine Anzeichen, dass es innerhalb des DFB Zweifel gibt. Die Überzeugung ist nach wie vor da, auch das gemeinsame Bewusstsein. Wir haben den Willen, schon bald mit Pilotprojekten zu starten. Die Akademie ist ein Zeichen für den gesamten Leistungssport. Dadurch wird die Basis gefördert werden. Es geht auch um die Führerschaft und Vermittlung von Wissen, darum, wie man den Fußball entwickelt. Und nicht nur darum, als DFB ein gewissenhafter Verwalter zu sein..

Schaut man sich auf dem internationalen Trainermarkt um, fällt auf, dass mit Ausnahme von Jürgen Klopp kein deutscher Coach bei ausländischen Spitzenklubs arbeitet. Könnte die Akademie auch für eine Weiterentwicklung auf diesem Gebiet sorgen?

Bierhoff: Ganz klar ist das ein Teil der Akademie. Der deutsche Fußball macht hervorragende Arbeit. Die Gefahr aber ist immer, dass man sich zufrieden gibt und zu stark in eine Richtung tendiert, dazu neigen wir Deutsche. Wir haben uns jahrelang an System-Diskussionen ergötzt aber andere Bereiche wie auch das Coaching vernachlässigt.

Wie könnte man Trainern denn das Rüstzeug für internationale Klubs verschaffen?

Bierhoff: In der Akademie soll auch zum Teil englischsprachig gearbeitet werden, das ist ein Punkt. Wenn das Sprachhemmnis weg ist, ergeben sich auch im Ausland mehr Möglichkeiten.

Also soll Deutschland künftig auch als Trainer-Lieferant für das Ausland fungieren?

Bierhoff: Warum nicht? Wir möchten mit der Akademie den Trainern eine optimale Ausbildung bieten jun d sie auf ihrem weiteren Weg fördern jund begelietn. Ein Ziel wäre es, einen deutschen Trainer bei einem internationalen Topklub zu sehen.

Sie sprechen voller Begeisterung über die Akademie. Mal angenommen, die Planungen wären versandet – was hätte das für Sie bedeutet?

Bierhoff: Ich bin zu dem Schluss gekommen: Hätte ich mich diesem Thema nicht angenommen, hätte ich hier aufhören müssen. Es geht ja auch um einen neuen Reiz, eine Herausforderung. Durch dieses Projekt kann ich sehr viel lernen, es bringt mir Spaß und wir haben eine riesen Chance, den Fußball weiterzuentwickeln – weltweit.

Joachim Löw hat kürzlich ausgeschlossen, nach seiner Zeit beim DFB in die Bundesliga zurückzukehren. Gilt das auch für Sie?

Bierhoff: Im Fußball sollte man niemals nie sagen. Ich habe jetzt das Projekt Akademie und beim DFB einen Vertrag bis 2020. Was danach kommt, möchte ich nicht vorauszusagen. Die Bundesliga und das Tagesgeschäft sind sehr anspruchsvoll, ich habe hohen Respekt vor meinen Kollegen.

"Verband braucht erfolgreiche Nationalmannschaft"

Vor einigen Monaten wurden Sie von Bayerns Karl-Heinz Rummenigge und Dortmunds Hans-Joachim Watzke recht heftig für Ihre Marketing-Maßnahmen kritisiert. Ist dieser Zwist mittlerweile ausgestanden?

Bierhoff: Man kann ihre Sichtweisen ja verstehen. Am Ende geht es aber darum, dass ein Wettbewerb funktioniert. Das gilt auch für den DFB. Der Verband braucht eine erfolgreiche Nationalmannschaft. Dafür brauchen wir auch Werbeeinahmen. Mich stört nur, dass immer es immer so hingestellt wird, als würden wir nur nehmen. Man muss auch bedenken, wie Nationalspieler durch uns auch für die Vereine an Wert gewinnen. Dadurch können sich dann im Gegenzug auch die Vereine besser vermarkten.

Stört es Sie, dass Sie immer mal wieder gern als Prügelknabe herhalten müssen?

Bierhoff: Ich nehme das erstmal als großes Lob. Das zeigt ja, dass wir Dinge gut machen. Und ich habe mal nachgeschaut: In meinem Jobprofil steht nicht, dass ich sympathisch sein soll – sondern, dass ich die Mannschaft nach vorne bringen soll.

Muss sich die Bundesliga grundsätzlich etwas verändern und öffnen, um wieder mehr Spannung zu erhalten?

Bierhoff: Fakt ist, dass sich die Zeiten ändern. Früher habe ich am Radio die Spiele des HSV gegen Bayern verfolgt. Aber zieht das die Jugend heute noch in den Bann? Oder doch eher Duelle von Bayern gegen Barcelona? Man muss immer wieder neu daran arbeiten, wie man den Wettbewerb interessant gestaltet. Da darfst du dich nicht immer nur auf Tradition beziehen, sondern musst auch neue Ideen offen diskutieren.

Interview: Simon Braasch

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