Der ungeliebte Liga-Neuling im Porträt

RB Leipzig: Eine Bereicherung – doch wer will sie?

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Bullen-Freude: Leipzigs Trainer Ralph Hasenhüttl (2.v.l.) feiert mit seinem Team den ersten Punktgewinn in der neuen Liga.

Sinsheim – Das also war der erste Leipziger Bundesliga-Auftritt: ein 2:2 in Hoffenheim. Für RB ein „euphorischer Tag“ – aber der Sport spielt in den Diskussionen keine Rolle.

So sieht also ein Ralf-Rangnick-Sonntag aus. „Bis 15 Uhr“, erzählt der Sportdirektor von Rasenballsport Leipzig, „bin ich in Leipzig im Büro gesessen und war noch gar nicht im Spieltagsmodus.“

Was Rangnick am Schreibtisch erledigt hat: mal eben zwei Transfers: „Der eine 20 Jahre, der andere 19.“ Er nennt immer zuerst das Alter, weil er zeigen will: Wir sind jung, wir sind die Zukunft. Gut, der Brasilianer Bernardo, den Rangnick als 20-Jährigen ausgibt, ist schon 21, und ihn zu transferieren, war nun wirklich keine Affäre. „Er kommt von Red Bull Salzburg“, sagt Rangnick, was klingen soll, als wäre das ein fremder Verein wie zum Beispiel Eintracht Frankfurt, den man zum Verkauf habe überreden müssen. Tatsächlich ist Red Bull Salzburg das gleiche wie RB Leipzig. Eine Firma. Und Bernardo der nun schon achte Spieler, der den Weg Salzburg – Leipzig geht.

Der andere Transfer war der schwierigere, und da versucht Rangnick, der immer noch schmal wirkt, aber ein bisschen bauchig geworden ist, stolz die Brust vorzuschieben: Oliver Burke von Nottingham Forest, mit 19 bereits schottischer Nationalspieler. „Jahrelang habe ich versucht, die herausragenden Talente von der Insel wegzulocken, ich wollte schon resignieren; jetzt ist es mir mal gelungen“, sagt Rangnick. „Das war wie die Entführung aus dem Serail.“ Seit dem achten Lebensjahr sei Burke bei Nottingham Forest gewesen.

Für Rangnick ist es ein Transfer, wie ein Transfer sein sollte: Der Spieler jung, nicht abgehalftert, formbar, ein Versprechen. Für alle Kritiker von RB Leipzig und Red Bull ist der Transfer nur ein weiteres Beispiel dafür, wie der Klub vor keiner Entwurzelung zurückscheut und mit dem Geldkoffer längst nicht mehr nur durch Deutschland, sondern Europa zieht.

Jedenfalls: Rangnick freute sich über diese beiden weiteren Verstärkungen des Kaders für Innenverteidigung (Bernardo) und Offensive (Burke), und obwohl die Abwicklung nach seiner Auskunft bis 15 Uhr gedauert hatte, schaffte er es, um 17.30 Uhr auf der anderen Seite Deutschlands zu sein und das erste Bundesligaspiel seiner Organisation mitzuerleben: das 2:2 von Leipzig in Sinsheim bei der TSG 1899 Hoffenheim. Zum Rangnick-Tag passend sein früheres Projekt. Ähnliche Entwicklung: von der dritten in die erste Liga. Doch in Hoffenheim überwarf Rangnick sich mit Geldgeber Dietmar Hopp, man trennte sich vor fünfeinhalb Jahren. Didi Mateschitz, den Red-Bull-Macher, indes hat er im Griff. Oder es ist vielmehr so, dass der Konzern Rangnick vereinnahmt hat?

Rangnick: Mateschitz ist Leistungssportler und erfüllt Träume

Der 58-Jährige tritt auf wie ein Prediger für die Red-Bull-Philosophie, seine Argumentationskette steht: Es gehe nicht um den Verkauf von Dosen mit dem taurinhaltigen Getränk, sondern: „Didi Mateschitz ist in seinem Herzen ein Leistungssportler, der es jungen Leuten ermöglichen will, ihren Traum zu leben.“ Und der Mangel an Tradition, weil RB Leipzig ja erst 2009 gegründet wurde durch Übernahme des SSV Markranstädt aus der sächsischen Nachbarschaft? In ein paar Jahrzehnten, sagt Rangnick dann, werde auch RB Leipzig über viel Tradition verfügen.

Dietrich Mateschitz.

In der vergangenen Saison hat Rangnick noch selbst den Trainer gemacht, nun hat er sich Ralph Hasenhüttl geholt. Den Österreicher fanden im Vorjahr alle gut und sympathisch, als er mit Ingolstadt und überschaubaren Mitteln die Klasse hielt. Am Sonntag in Sinsheim hat Hasenhüttl richtig glücklich gewirkt, als seine Mannschaft zweimal ausgleichen konnte. Beim 2:2 in der 93. Minute ist er bis zur Eckfahne gelaufen. „In den sieben, acht Wochen, die ich in Leipzig bin, habe ich mich in die Mentalität der Mannschaft verliebt“, sagt er. Und findet: „Mit unserer Art, Fußball zu spielen, haben wir gezeigt, dass wir eine Bereicherung für die Bundesliga sind.“

So verkauft Leipzig eben seine Geschichte: jung, hungrig, stürmisch. Spektakel-Fußball nach dem Motto: Das liegt in unserem Blut, wir können nicht anders. „Das Spiel in Hoffenheim war ein 6:6, das 2:2 ausgegangen ist“, befindet Rangnick. „Wir stehen für einen gewissen Fußball. Es gibt keinen Plan B“, sagt Kapitän Dominik Kaiser, der noch braver aussieht als Philipp Lahm mit 18. Kaiser ist freundlich und offen, auch Yussuf Poulsen, der Mittelstürmer mit dem Zopf, beantwortet willig jede Frage; alle sind sie so.

Red Bull gibt seinen Teams strenge Richtlinien vor

Und Rangnick weiß, dass er immer was zu geben hat, wenn er vor einem Mikrofon oder einer Kamera steht. Er nimmt eine Sonderstellung im Red-Bull-Kosmos ein. Dort sind die Richtlinien streng, öffentlich äußern dürfen sich nur Trainer und Spieler. Beim Eishockey-Ableger EHC Red Bull München bekäme der Manager und Geschäftsführer (Christian Winkler) ein Problem mit der Zentrale in Salzburg, wenn in der Zeitung ein Zitat von ihm auftauchen würde.

Ja, Leipzig spielt einen guten Fußball. Doch die Wahrheit ist auch, dass das überhaupt nicht zählt bei der Beurteilung dieses Gebildes. RB Leipzig wird abgelehnt wie noch kein Verein vorher. Das Meinungsbild der Gegner: reine Marketingplattform für das Produkt, den Energy-Drink, ein Verein ohne Vereinsleben (nur 17 Mitglieder), unterwandert die 50+1-Regelung im deutschen Profifußball, verzerrt den Wettbewerb. Schon in der fünften Liga wurde das Modell Leipzig von Schmähungen begleitet, das ist nicht abgeklungen, es hat sich gesteigert. Vereine weigern sich, Freundschaftsspiele gegen RB auszutragen, Fans nominieren keine Leipziger Spieler für ihre Managerspiel-Mannschaften. Beim Pokalspiel in Dresden flog ein Bullenkopf aufs Spielfeld, und die Hoffenheimer Fans, deren Klub auch nicht für den traditionellen Ansatz steht, skandierten den Leipzigern ein wütendes „Bul-len-schwei-ne“ entgegen.

Früher herrschte in Leipzig die Angst vor Straßenschlachten

Es waren nicht viele Leipziger beim ersten Bundesligaspiel ihres Vereins dabei. Die gut 3000 Karten des Gästekontingents konnte die RB-Anhängerschaft bei Weitem nicht ausschöpfen. Dabei heißt es immer, dass der Fußball brummt im Osten dank der österreichischen Millionen-Zuwendungen. Aber wahrscheinlich wird man das erst am zweiten Spieltag merken – wenn Dortmund ins Zentralstadion kommt. Ohne Fans übrigens, die BVB-Szene boykottiert die Partie.

Rangnick hat neulich mit einer Umfrage aufgewartet, wonach RB Leipzig bereits der drittbeliebteste Klub sei nach den Bayern und Dortmund. Nach und nach kamen die Einschränkungen: Also, das sei in Mitteldeutschland der Fall. Als nächstes kam heraus, dass die Umfrage nicht die repräsentativste war: Lediglich hundert Personen sollen teilgenommen haben.

Dietrich Mateschitz.

Es ist auch nicht leicht, in der eigenen Region zu punkten. Leipzig hat ja seine Fußballgeschichte, der DFB wurde dort gegründet, in der DDR-Zeit gab es zwei große Klubs: Lok und Chemie. Doch die Rivalitäten unter den Anhängern wurden auch mit massiver Gewalt ausgelebt. Als der FC Bayern im Sommer 2003 ein Trainingslager in Leipzig bestritt und mit einem Freundschaftsspiel gegen eine Stadtauswahl die Szene versöhnen wollte, ging das schief. Die Vereine weigerten sich, eine gemeinsame Aufstellung zu finden, in der ersten Halbzeit spielte das eine Team, in der zweiten das andere – vor jeweils nur den eigenen Fans; die anderen gingen demonstrativ nach Hause oder kamen erst später. Immerhin: Die von Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld im Vorfeld befürchteten „Straßenschlachten“ blieben aus.

RB Leipzig wendet sich an ein neues Publikum. Mehr an die Familien, an Menschen, die übers Fernsehen und die Nationalmannschaft zum Fußball kommen. Doch mittlerweile gibt es auch im RB-Block Anhänger, die versuchen, so auftreten wie die Ultras anderer Klubs und sich der Hemden entledigen und mit blankem Oberkörper ihr Team supporten. Ihr Gesang ist aber eintönig: „Wir sind Leipzisch, Rasenballsport Leipzisch“. Rasenballsport – jeder weiß, dass RB ja eigentlich das Kürzel für Red Bull ist. Nur, so darf sich der Klub in Deutschland nicht nennen. Ansonsten hat er alle Einschränkungen umgangen. Das Vereinswappen ist die pure Produktwerbung.

RB Leipzig muss noch lernen

Die Philosophie von Red Bull stellt man in Leipzig nicht infrage. Ein Grummeln war nur auf der letzten Aufstiegsfeier zu vernehmen. Da trat die Ost-Kultband Silly auf, man wollte es allen in den neuen Bundesländern recht machen und staffierte die Gruppe um Sängerin Anna Loos mit Trikots anderer Ost-Klubs aus: Hansa Rostock, 1. FC Magdeburg, Union Berlin, Dynamo Dresden. Da hat dann auch der Rasenballsport-Gläubige mal gepfiffen.

Trainer Ralph Hasenhüttl kam zur neuen Saison aus Ingolstadt nach Leipzig.

Auch eine gut aufgestellte Organisation wie RB Leipzig muss eben lernen. Die Mannschaft tut es schnell, Ralph Hasenhüttl sah schon im Verlauf des ersten Bundesligaspiels „unsere Naivität in der Abwehr“ schwinden. Am Ende war es „ein euphorischer Tag für unseren Klub und unsere Mannschaft“, sagte Stürmer Yusuf Poulsen. Im Abstiegskampf erwartet die Leipziger niemand, und Rangnick verspricht sich, „dass wir ab dem zehnten Spieltag Ruhe haben“. Das 2:2 gegen Hoffenheim (Rangnick: „Ohne sechs Leute, die in der Startelf stehen könnten“) war eine Ansage. Auch für den 10. September, das erste große Spiel: RB Leipzig zuhause gegen Borussia Dortmund

Spannende Sache: Würden die, die Dortmund sonst nicht mögen, einen BVB-Sieg willkommen heißen, weil es ihnen wichtiger ist, dass der Brauseverein seine Grenzen aufgezeigt bekommt? Oder würden sich im Fall eines Leipziger Erfolgs auch die mitreißen lassen, die es grundsätzlich mögen, wenn der Kleinere den Größeren bezwingt?

Es kann natürlich auch unentschieden ausgehen. Wie in Sinsheim. Ralph Hasenhüttl hat seiner Mannschaft in der Kabine aber gleich gesagt, sie solle dieses 2:2 als Sieg empfinden. Die Dose ist bei Red Bull nie halb leer, sie ist immer halb voll.

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