„Die EM war nur eine Ausnahme“

Das sagt Italien-Legende Mazzola über Rivalität zu Deutschland

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Sandro Mazzola

Seit wann die Partie Deutschland gegen Italien als Klassiker gilt? Seit dem Jahrhundertspiel beim WM-Halbfinale 1970 in Mexiko, das die Azzurri erst in der Verlängerung mit 4:3 gewann. Grund genug vor dem morgigen Testkick von Jogis Jungs gegen Italien mit Sandro Mazzola zu sprechen. Schließlich stand er damals auf dem Rasen des Aztekenstadions.

Signore Mazzola, morgen kann Italien Rache für das EM-Aus im Sommer nehmen. 

Mazzola: Eine eiskalte Dusche war das. Wir waren uns ihres Könnens bewusst, sahen uns aber auch diesmal im Stande dazu, sie zu schlagen. Im Fußball weiß man aber nie, gerade wenn es ans Elfmeterschießen geht. Nur so viel: Contes Männer hätten das Halbfinale auch verdient. 

Denken Sie noch oft an das „Jahrhundertspiel“? 

Mazzola: Ich schaffe es beileibe nicht, die Gesichter der Deutschen nach Schlusspfiff aus meinem Kopf zu verbannen. Sie sahen sich an und wussten nicht, was da soeben geschehen war. Wir haben uns nur angebrüllt und umarmt, das Ausmaß dieses Spiels war uns nicht ansatzweise bewusst. 

Wann ist Ihnen die Tragweite klar geworden? 

Mazzola: Als wir wieder in Italien ankamen. Wir hatten zwar das Endspiel verloren, die Menschen haben uns aber verehrt. Wir waren davor einigermaßen berühmt, nach diesem Spiel konnten wir aber keinen Fuß mehr vor die Tür setzen. Die Leute sind durchgedreht.

War die Rivalität mit Deutschland schon spürbar? 

Mazzola: Es gab sie, sie ist aber erst im Laufe der Jahre so groß geworden. Dieses Spiel ist ihnen natürlich nach wie vor ein Dorn im Auge, uns dagegen erfüllt es mit Stolz. Ab diesem Zeitpunkt war jedes Spiel gegen Deutschland ein Event. Selbst als wir mit Inter in Deutschland spielten, riefen uns die Leute ‚grazie‘ für dieses Jahrhundertspiel zu. Schon komisch! 

Warum hat Deutschland es erst vergangenen Sommer vollbracht, Italien zu schlagen? 

Mazzola: Sie hatten schon immer Kraft, Technik und Taktik, wir aber die Kreativität. Auch wenn unsere Gegner die Spiele dominierten, sind wir plötzlich in ihrem Sechzehner aufgetaucht und haben ihnen eins eingeschenkt. Das war schon immer unsere Stärke. 

Auch in der aktuellen Squadra Azzurra? 

Mazzola: Mir gefällt, was Ventura (Italiens Nationaltrainer, d.Red.) da so treibt. Er ist ein harter, aber schlauer Kerl. Bislang hat er allen seinen Mannschaften seine Mentalität eingehaucht, und jetzt wird es nicht anders sein. Er formt ein schwer zu schlagendes Italien. 

Und wie erklären Sie sich, dass Joachim Löw beim DFB auch nach zehn Jahren noch funktioniert? 

Mazzola: Weil das die deutsche Mentalität ist, sie macht sie stark. Wenn sie etwas angehen, dann bis zum Schluss. Sobald bei uns etwas nicht funktionieren, schmeißen wir alles über den Haufen. Sie nicht, sie vertrauen weiterhin auf ihre Stärken. Bis die Italiener kommen und sie dann wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. (lacht) Die EM war ja nur eine Ausnahme. 

Ihr Tipp morgen? 

Mazzola: 3:2. Für uns natürlich.

Das Interview führte Mirko Calemme.

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