Studio statt Stadion: Experte "Meikel Bollock"

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Michael Ballack (l.) im TV-Studio als Experte für ESPN.

Boston - Seinen neuen Verein hat Michael Ballack noch nicht bekanntgegeben. Alles deutet auf ein Engagement in den USA hin. Dort macht er derzeit einen Ferienjob - als TV-Experte für den Sender ESPN.

Seine TV-Kollegen nennen ihn nur „Meikel Bollock“. Der frühere Kapitän der deutschen Nationalmannschaft gehört zur Experten-Crew des US-Kabelsenders ESPN für die Fußball-EM. Die ARD hat Mehmet Scholl, das ZDF Oliver Kahn und der laut eigenem Logo „weltweit führende Sportkanal“ hat „Meikel Bollock“, wie Moderator Bob Ley den gebürtigen Görlitzer täglich dem US-Publikum vorstellt.

Ballack analysiert, resümiert, kritisiert in überzeugendem Englisch, wenngleich der deutsche Akzent des Sachsen nicht zu überhören ist. Und er hält - wie es sich für einen 98-maligen Nationalspieler gehört - auch tausende Kilometer von der Heimat entfernt die schwarz-rot-goldene Fahne hoch. Bereits vor Turnierbeginn hatte sich der 35-Jährige auf einen 3:1-Finalsieg gegen Frankreich festgelegt.

Einen neuen Verein hat Michael Ballack noch nicht, dafür aber diesen lukrativen Ferienjob. Im Studio von ESPN in Bristol/Connecticut, auf halber Strecke zwischen New York und Boston, sitzt er im Maßanzug neben Alexi Lalas. Der 96-malige US-Nationalspieler wird seit Jahren als Experte eingesetzt, wenn es in den USA um die Randsportart Soccer geht. Er gilt als lautstarker Redner, dem bislang kaum jemand widersprochen hat. Doch das ist jetzt anders. Ballack und Lalas liefern sich in fast jeder Sendung verbale Zweikämpfe - und immer mehr davon gewinnt Ballack.

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Als der in New Jersey geborene Giuseppe Rossi im Studio erklärte, dass er schon als Kind für die italienische Nationalmannschaft spielen wollte, sich deshalb für die Squadra Azzurra und gegen das US-Team entschieden habe und jetzt seinen Traum lebe, ergänzte Ballack spontan: „Die sind die bessere Mannschaft und so hat er die Chance, etwas zu gewinnen.“ Nebenmann Lalas lächelte er dabei schelmisch an, klopfte ihm auf den rechten Arm und ließ ein schon fast mitleidiges „Sorry“ folgen.

Nur rund 1,3 Millionen Zuschauer verfolgen im Schnitt die Sendungen, ein Anstieg um 183 000 gegenüber der EM 2008. ESPN steht für Entertainment und Sports Programming Network - es geht nicht nur um Live-Übertragungen, sondern auch um Unterhaltung. Die Experten für Basketball, Baseball oder American Football schreien sich vor laufender Kamera schon mal an, um ihren Standpunkt klar zu machen - alles im Sinne einer guten Einschaltquote. Ballack ist neu in diesem Geschäft, kein Muttersprachler und erst Recht kein Showmaster, kommt aber dennoch an.

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Im Internet-Portal „epltalk.com“ werden seine Analysen als „direkt und auf den Punkt“ sowie „erfrischend“ gelobt. Ballack verströme Selbstbewusstsein wie einst auf den Fußballplatz. Kritisiert wird, dass er oft etwas länger brauche, seine Gedanken in Sätze zu bringen. Andererseits sei er jemand, der „wenigstens die Namen der Spieler fehlerfrei ausspricht.“ Doch egal, ob unbekümmert oder unbeholfen - Ballack mache die ESPN-Analysen zum Pflichtprogramm, heißt es.

Dabei hatte Ballack zu Turnierbeginn einen ähnlichen Fehlstart wie die Tschechen beim 1:4 gegen Russland. Er wirkte nervös, schaute immer wieder hilfesuchend auf seine Zettel. Hinzu kam, dass Lalas ihm oft ins Wort fiel. Mit jedem Spiel wurde Ballack souveräner, erzählte vor der Niederlande-Partie sogar einen Holland-Witz und wies vor dem Dänemark-Spiel darauf hin, dass „Lars Bender ein Guter ist.“ Als sein Leverkusener Mitspieler den 2:1-Siegtreffer schoß, sagte er nicht mehr viel, sondern grinste einmal mehr.

Mit Vorfreude blickt Ballack auf den Freitag. Dann kommt es mit dem Viertelfinale zwischen Deutschland und Griechenland auch zum direkten Duell gegen Lalas. Der Amerikaner hat einen griechischen Vater und bereits gefrotzelt, dass Deutschland zwar von Spiel zu Spiel stärker geworden sei, es jetzt aber gegen die Griechen gehe. Ballacks Konter kam prompt: „Alexi, glaubst du wirklich, dass Deutschland gegen die Griechen scheitert? Das kann ich mir absolut nicht vorstellen.“

dpa

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