Kommentator hört auf

TV-Kritik zu Reif-Abschied: Noch mal grazie, Marcello

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Marcel Reif bei seinem letzten Sky-Einsatz.

München - "Und ach ja: tschüss!": Marcel Reif hat am Samstag nach 17 Jahren Sky den Dienst quittiert. tz-Kolumnist Jörg Heinrich betrachtet in seiner TV-Kritik den letzten Reif-Auftritt und sagt danke.

Harald Schmidt, Hape Kerkeling, Stefan Raab, Marcel Reif. Wenn die klügsten und unterhaltsamsten Köpfe des deutschen Fernsehens reihenweise im besten Alter die Lust an ihrem Job verlieren – dann läuft was falsch im Fernsehen, über das die Sender nachdenken sollten. Jetzt also auch noch Reif. „Und ach ja: tschüss!“ – das waren genau um Mitternacht nach dem Champions-League-Endspiel seine letzten Worte, der Abschied nach 17 Jahren Sky, das ihm keinen großen Bahnhof bereitete. Keine Torte, kein Best of Reif zum letzten Spiel, nicht einmal ein Busserl von Anna-Sara Lange, einfach nur: „Und ach ja: tschüss!“ Kurz und schmerzvoll. Wahrscheinlich wollte er es so. Schäbig wirkte es trotzdem von Sky. Reif beschenkte sich und seine Fans dennoch – mit einem großen Finale.

Noch einmal 120 Minuten mit Deutschlands bestem Kommentator. Und weil der Fußball offenbar Humor hat und ein großes Herz, gönnte er den Zuschauern noch ein Elfmeterschießen obendrauf. Noch einmal Reifs fast kindliche Liebe zur deutschen Sprache, noch einmal der lustvolle Spott für Reals Chef-Gockel: „Prima. Wenig Kohlenhydrate, wenig Zucker!“, fiel ihm zu Ronaldos freigelegtem Luxusleib ein. Über Atléticos Coke staunte er: „14,5 Kilometer gelaufen, das strengt ja schon mit dem Auto an.“ Und das hitzige Spiel nannte er ein „Schlachtengemälde“, um als leidenschaftlicher Humanist hinzuzufügen: „Schön wär’s, wenn es nur solche Schlachten gäbe.“

Reif-Freunde, Reif-Skeptiker und Reif-Gegner bekamen noch einmal mit voller Dosis bestätigt, warum sie den abgetretenen Chefkommentator verehren – oder unerträglich finden. Bestes Beispiel: Griezmann beinahe mit dem Tor für Atlético. Die handelsüblichen Brüll-Kollegen hätten die Chance bejubelt, abgefeiert, olé olé olé in neun Zeitlupen. Reif bemerkte spitzfindig: „Damit es noch Spaß macht, sagen wir, das war eine richtig gute Gelegenheit für Griezmann. Wenn wir aber ehrlich sind, war’s nur ne Halbchance.“

Marcel Reif kommentierte leidenschaftlich gern für Zuseher, die mit dem Anpfiff eines Fußballspiels nicht den Kopf ausschalten. Seine wichtigste Botschaft war stets: „Am Ende, Kinder, ist es eben doch nur Fußball.“ Genau hier schieden sich die Reif-Liebhaber von den Reif-Verächtern. Wer die schönste Nebensache der Welt, den Fußball, irrtümlich für die wichtigste Hauptsache der Welt hält, der konnte nicht glücklich werden mit dem großen Ironiker. Vielleicht hält Reif künftig tatsächlich Wirtschaftsvorträge auf Kreuzfahrtschiffen, eine seiner Ideen für die nächsten Jahre. Vielleicht hören wir ihn auch bei RTL, das ihn gut gebrauchen könnte für EM- und WM-Quali. Marcel Reif bei RTL – das wäre ein schönes Signal gegen die Verdoofung des Fernsehens, gegen die Hayos und die YouTuber, mit denen nicht zuletzt Sky die Fußballfans zunehmend drangsaliert.

Ein letzter Abend mit Marcel Reif aus dem San Siro in Mailand, aus der „Scala des Fußballs“, wie er den Finalort nannte. Es war noch einmal große Fußball-Oper. Er war – und ist und bleibt – der Beste. Grazie, Marcello, wir hören uns hoffentlich wieder.

Jörg Heinrich

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