50 Jahre danach

Wembley – mehr als ein Tor

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Das Wembley-Tor fiel vor 50 Jahren.

München - Allein die Geschichte dieses berühmten Bildes, das als Sportfoto des Jahrhunderts ausgezeichnet wurde: ganz schwer zu klären. Über die Jahre – und es sind nun schon 50 – gab es dazu die unterschiedlichsten Deutungen.

Rudi Völler vor dem berühmten Foto.

Das Foto: Es zeigt Uwe Seeler am 30. Juli 1966 im Londoner Wembley-Stadion. Der deutsche Mittelstürmer hat den Kopf gesenkt. Um ihn herum: eine Militärkapelle, ein Uniformierter, der ihm die Hand auf den Rücken gelegt hat. Sehen wir hier die Enttäuschung eines Fußballers, der gerade ein Weltmeisterschaftsfinale verloren hat?

Das wäre naheliegend. Doch wann wurde diese Aufnahme gemacht? Wirklich erst nach Spielschluss? Es kam eine gegenläufige Version auf. Es sei ein Bild aus der Halbzeitpause und Uwe Seeler gerade auf dem Weg in die Kabine gewesen. Dass der Kopf hing – Momentaufnahme, eine Zehntelsekundensache, ohne symbolische Bedeutung. Und Seeler selbst glaubte sich zu erinnern, dass nur in der Pause Musik gespielt worden wäre auf dem Rasen. Also hatte das Foto gar nicht die Bedeutung, die ihm durch das Jahrhundert-Prädikat zugerechnet wird?

Inzwischen weiß man: Das Bild wurde nach der deutschen 2:4-nach-Verlängerung-Niederlage geschossen. Der Fotograf Günter R. Müller stellt das klar. Er war der Kompagnon von Axel Springer junior, der damals in Wembley auf dem Platz stand und den Auslöser drückte; zusammen haben sie 1968 die berühmte Fotoagentur Sven Simon gegründet. Springer nahm sich 1980 das Leben, Müller hat sich mit den heutigen Geschäftsführern „durch die alten Originalnegative gewühlt“ und weitere Fotos gefunden. Er hat auch die „Licht- und Schattenlängen“ analysiert und herausgefunden: Bei einer Aufnahme gut eine Stunde früher, in der Halbzeitpause, „wäre diese Schattenbildung nicht möglich gewesen“. Bei Uwe Seeler, der immer gesagt hatte, er sei „einfach nur leer gewesen“, kehrte die Erinnerung dann auch zurück.

Die Geschichte eines bemerkenswert guten Fotos war nur das kleinere Mysterium dieses 30. Juli 1966 – und dennoch nur mit großem Aufwand und nach Jahrzehnten zu klären. Das weitaus größere: das Wembley-Tor. Jener Treffer in der 101. Minute. Geoff Hurst, der Held dieses Tages, an dem England, das Mutterland des Fußballs, erst- und bislang einmalig Weltmeister wurde, zog ab, Willi Schulz, der deutsche Ausputzer, versuchte noch eine seiner verzweifelten Grätschen, erreichte den Ball aber nicht mehr; der ging an die Unterkante der Latte, sprang hinter dem deutschen Torwart Hans Tilkowski auf, aber wo genau, das konnte man nicht sehen. Auf der Linie, davor, dahinter? Der Ball hüpfte ins Feld zurück, Wolfgang Weber köpfte ihn klärend übers Gebälk. Reklamierarme schnellten nach oben. Die englischen besagten: Ball über der Linie, Tor! Die deutschen wollten zum Ausdruck bringen: kein Tor, nie und nimmer.

Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst entschied zunächst auf Ecke, die englischen Spieler bedrängten ihn, den Linienrichter zu befragen: den aus der Sowjetunion stammenden Tofik Bachramow. Es gab keine gemeinsame Sprache von Referee und Assistent, die Teams kamen damals noch nicht aus einem Land. „Ein Kauderwelsch“ vernahm Uwe Seeler da an der Linie. Jedenfalls: Gottfried Dienst entschied auf Anraten von Tofik Bachramow auf Tor für England. Seitdem gibt es den Begriff „Wembley-Tor“. Für einen Treffer, der wahrscheinlich keiner ist.

Und, war der Ball drin oder nicht? Gibt es neue Erkenntnisse? Besuch im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund, dessen Direktor Manuel Neukirchner am Sonntag eine Sonderausstellung zu „50 Jahre Wembley“ eröffnen wird, 13 deutsche Spieler aus dem WM-Kader von 1966 haben sich angesagt. „Ich hatte dieses Thema schon im Kopf, als unser Haus noch gar nicht stand.“ Eröffnet wurde es im Oktober 2015, nun erlebt es seine erste Spezialausstellung.

Um die Tor-oder-kein-Tor-Frage zu erhellen: Es gibt Filmaufnahmen aus fünf Perspektiven, was als Letztes an Material dazukam, war 2006 aus der Schweiz der Mitschnitt eines Besuchers, der damals in Wembley auf Höhe der Eckfahne saß – ein anderer Winkel, als die Kameras des Fernsehens und der FIFA hatten, die eigene Aufnahmen für ihren WM-Film „Goal“ fabrizierte. Das sah schon eher nach nicht über der Linie aus – wie auch ein Foto von Axel Springer junior alias Sven Simon, das allerdings einen Makel hatte: zwei massive Lichtstreifen störten. Er hatte gerade den Film gewechselt, die neue Spule war ganz am Anfang.

Foto aus Frankreich: Beim vierten Tor Fans auf dem Feld

In den 90er-Jahren verfestigte sich die Sichtweise, dass es kein Tor gewesen sein könne. Das fanden Ingenieure der Universität Oxford heraus, die alles zur Verfügung stehende Material auswerteten und die Flugbahnen berechneten. Zudem glaubte man, Kalk aufspritzen zu sehen – weil der Ball eben sehr wohl auf die Torlinie geklatscht war. Manuel Neukirchner sagt zum Stand der Forschung, dass als gesichert gelten dürfe, dass der Ball nicht hinter der Torlinie aufgesetzt habe. „Doch es gibt auch Leute, die meinen, im Luftraum sei der Ball hinter der Linie gewesen und nur durch den Effet, den er mitbekommen habe, ins Feld gesprungen. Es wird wohl für immer ein Mysterium bleiben.“

Was in der Nachbetrachtung des Finales von Wembley völlig untergeht, ist das vierte Tor, das England erzielte, wiederum durch Geoff Hurst. Ein satter Schuss ins Eck des deutschen Tores, unzweifelhaft drin. Doch da kann das Deutsche Fußballmuseum mit einem Foto auftrumpfen, an dem ein Franzose, Jean-Pierre Biot für das Magazin „Paris Match“, die Rechte hält: Es ist die 120. Minute, Hurst läuft über halblinks aufs deutsche Tor zu, und dreißig, vierzig Meter rechts von ihm sind bereits drei Zuschauer auf dem Platz. Klarer Fall: Schiedsrichter Gottfried Dienst hätte die Aktion abpfeifen müssen.

Doch es geht nun, fünfzig Jahre danach, nicht darum, „nachzukarten“, wie Museumsdirektor Manuel Neukirchner sagt: „Wir sollten es mit einem Augenzwinkern sehen.“ Er drängt niemandem die Meinung auf, das Wembley-Tor sei eine große Ungerechtigkeit gewesen. Er hat eine Installation anfertigen lassen, in der die fünf verfügbaren Perspektiven einfließen. Möge ein jeder Besucher der Ausstellung sich ein eigenes Bild machen. Man kann sich die 120 Spielminuten auch noch einmal komplett ansehen – mit dem deutschen Originalkommentar von Rudi Michel oder dem englischen der BBC. Neukirchner sagt: „Man kann erkennen, was für ein tolles Finale das war.“ So kämpferisch, dass man es vom zerpflückten Rasen ablesen kann. So intensiv, dass Franz Beckenbauer bekannte: „Ich hatte gar nicht die Kraft, mich über ein Tor, das keines war, aufzuregen.“

Wembley 1966 war mehr als das Wembley-Tor. Manuel Neukirchner ist „die gesellschaftliche Relevanz“ wichtig, die sich mit der WM in England und dem deutschen Auftreten verbindet. „Es war das erste WM-Finale, das weltweit im Fernsehen übertragen wurde, 400 Millionen haben es live gesehen. Es war die erste WM mit einem Maskottchen und einem eigenen Song.“ Fußball begann sich zu etablieren.

Gerade für die Deutschen war England ein spezielles Erlebnis. Hatte der überraschende Gewinn der Weltmeisterschaft 1954 vor allem nach innen gewirkt, war das deutsche Auftreten 1966 der Außenansicht förderlich.

Denn: Die deutsche Elf gab das Bild eines fairen Verlierers ab. „Zwischen dem gegebenen Tor und Wiederanpfiff lagen nur 29 Sekunden“, sagt Manuel Neukirchner – man stelle sich vor, wie da heutzutage debattiert würde. Die Zuschauer im Wembley-Stadion – offizielle Zahl: 96.924 – waren so angetan von den sportsmännischen Deutschen, dass sie sie auf eine Ehrenrunde klatschten. Das hatte es bis dahin nicht gegeben, dass eine ausländische Mannschaft im englischen Nationalheiligtum so gefeiert worden war. Und erst die Szenen am Tag danach, als die deutsche Mannschaft in ihrem Bus durch die Straßen von London fuhr, die Heimreise antretend: Die Briten standen Spalier, jubelten den Verlierern zu (für die sich die Feierlichkeiten dann in Frankfurt mit einem Autokorso und Empfang am Römer fortsetzten). Uwe Seeler sagte: „Zuvor waren wir in England immer nur mit Pickelhauben und im Schützengraben liegend dargestellt worden. Wir waren der Kriegsaggressor gewesen.“ Manuel Neukirchner sagt, man dürfe nicht vergessen: „Der Zweite Weltkrieg war erst 21 Jahre davor beendet worden.“

Aber die Deutschen kamen gut an. Mit ihrem Uwe Seeler, mit Helmut Haller und vor allem dem jungen Franz Beckenbauer, der damals noch ein Offensivspieler war. Bundestrainer Helmut Schön erteilte ihm fürs Finale dennoch die Aufgabe, den englischen Star Bobby Charlton zu bewachen. So wie Englands Manager Alf Ramsey Charlton anwies, auf diesen jungen Beckenbauer speziell aufzupassen.

Das „Wembley-Tor“ hat als Begriff nur in den deutschen Sprachgebrauch Eingang gefunden. Die Engländer sprechen vom „third goal“, in Ländern wie etwa Frankreich hat das, was vor 50 Jahren sich in einem undurchsichtigen Moment ereignete, keine Bedeutung. Nur in Deutschland ist das Wembley-Tor weltberühmt.

Doch wie die Geschichte so spielt: Bei der Weltmeisterschaft 2010 kam es im südafrikanischen Bloemfontain zu einer Neuauflage – nur andersrum. Achtelfinale Deutschland – England. Ein Fernschuss von Frank Lampard klatscht an die Unterkante der Latte und von dort hinter die Linie des Tores, das Manuel Neuer hütet. Es gibt mehr Kameras, die das festhalten und keinen Zweifel. Doch dem Schiedsrichter stehen all diese Mittel nicht zur Verfügung, er muss nach seinem Augenmerk entscheiden, und er sagt: kein Tor. Es war die wohl ausgleichende (Un-)Gerechtigkeit – die aber das Denken der Regelwächter im Weltfußball veränderte. Man begann schon am nächsten Tag, über Torlinientechnologie nachzudenken. Mittlerweile sind Systeme wie Goal Control oder Hawk Eye nicht mehr aufzuhalten.

1966 hatte der Mensch noch mehr Macht. Damit war jedoch auch die Gefahr des Missbrauchs größer. Tofik Bachramow, dem Linienrichter, der das WM-Finale entschied, wurde in seiner Heimatstadt Baku in der heute eigenständigen ehemaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan, vor dem Stadion ein Denkmal gesetzt. Er gab irgendwann auch mal zu, den Ball doch nicht so klar hinter der Linie gesehen zu haben, und eine Anekdote besagt, gegen Ende seines Lebens sei Bachramow, quasi auf dem Sterbebett liegend, gefragt worden, warum er diese Entscheidung so getroffen habe. Aus seinem Mund sei nur ein Wort gekommen: Stalingrad.

Ein Wort, das noch viel viel stärker ist als Wembley-Tor.

Günter Klein

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