Kleider der Oma verpfändet

So positiv verrückt sind die Fans aus Mexiko

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Fußballverrückt: Die mexikanischen Fans.

Fortaleza - Die mexikanischen Fans sorgen bei der WM in Brasilien für Wirbel und Gänsehautmomente. Die Liebe der Anhänger zu El Tri scheint grenzenlos, der Fußball ist tief im Nationalstolz verankert.

Euphorisiert von den Heldentaten des mexikanischen WM-Teams war der Anführer des berüchtigten Tijuana-Kartells für einen Moment unvorsichtig. Soldaten konnten Fernando Sanchez Arellano alias „El Ingeniero“ überwältigen, als dieser sich gerade vor dem Fernseher den entscheidenden Gruppenspielsieg von El Tri gegen Kroatien (3:1) anschaute. Die Staatsanwaltschaft veröffentlichte später ein Foto des jahrelang untergetauchten Drogen-Bosses mit einer mexikanischen Flagge auf den Wangen.

Fußball ist in Mexiko nicht nur ein Sport, er ist im Nationalstolz des Landes tief verankert. In Mexiko jagen etwa 8,5 der 110 Millionen Menschen aktiv dem Ball hinterher, fast der ganze Rest interessiert sich zumindest dafür. Die Fußballfans gelten als „Locos“, als Verrückte, aber im positiven Sinne. Die brasilianischen Städte Natal, Fortaleza und Recife haben die dauerfeiernden und herrlich einfallsreichen Anhänger in der Vorrunde bereits eingenommen.

„Es gibt Mexiko-Fans, die ihr Haus oder ihr Auto verkauft haben, ja die sogar die Kleider der Oma verpfändet haben, um bei der WM dabei sein zu können“, sagt Nationaltrainer Miguel Herrera, der nicht weniger fußballverrückt ist wie seine Landsleute. „Sie geben uns hier das Gefühl, im Aztekenstadion aufzulaufen“, sagt Herrera.

Und die Fans sind einfallsreich - sehr zum Leidwesen des Weltverbandes FIFA. Nach dem Wirbel um ihre homophoben Sprechchöre bei der WM wollten sie die Gegner nicht mehr als „Puto“ (Stricher) beschimpfen, dafür aber lautstark „Pepsi“ rufen. FIFA-Großsponsor Coca Cola dürfte die „Schleichwerbung“ für den Konkurrenten nicht gefallen.

Mexikos Fußball-Begeisterung ist aber beileibe nicht auf die WM beschränkt. Zu Hause pilgern die Mexikaner nicht nur zu den Spielen der Liga MX, auch die untersten Ligen sind gut besucht. Der Vereinsfußball auf Profi-Ebene ist stark kommerzialisiert und weist ähnliche Strukturen auf wie der US-Sport. Für Klubeigentümer geht es nicht in erster Linie darum, Geld zu verdienen. In Mexiko einen Fußballverein zu besitzen, ist eher eine Prestigefrage.

In der mexikanischen Liga MX, die jährlich in der „Clausura“ und der „Apertura“ zwei Meisterschaften ausspielt, werden im Schnitt die höchsten Spielergehälter im latainamerikanischen Fußball gezahlt. Auch deswegen zieht es nur wenige Profis wie Javier Hernandez (Manchester United) oder Andres Guardado (Bayer Leverkusen) ins Ausland. Im aktuellen 23-Mann starken WM-Kader verdienen 15 Spieler ihre Geld in der Heimat.

Besonders viele Fans scharen Club America aus Mexiko-Stadt und C. D. Guadalajara hinter sich. „El Clasico de Clasicos“ zwischen den beiden Rivalen zählt in Mexiko zu den sportlichen Großereignissen des Jahren.

In Europa bekommt man davon eigentlich gar nichts mit. Die Geschichte hat auch nur wenige mexikanische Superstars wie Hugo Sanchez hervorgebracht, die auch weltweit Ruhm erlangten. Bei großen Turnieren aber zeigt Mexiko, dass es eine große Fußball-Nation ist. So war es 2012 mit dem Olympiasieg in London, und so ist es auch bei der WM in Brasilien.

sid

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