WM-Affäre

"Zwanziger lügt": Netzer droht Ex-DFB-Präsident mit Klage

Günter Netzer
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Günter Netzer.

Köln - In der WM-Affäre geht Günter Netzer juristisch gegen den früheren DFB-Präsidenten Theo Zwanziger vor. Die Anwälte des Fußball-Idols setzten Zwanziger eine Frist bis Freitag.

Neue Eskalationsstufe in der WM-Affäre: Fußball-Idol Günter Netzer droht dem ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger mit einer Klage. Wie Netzers Anwalt Ralf Höcker dem SID am Dienstagabend bestätigte, wird Zwanziger zur Unterlassung aufgefordert: Der 70-Jährige soll bis Fristablauf am Freitag um 14. 00 Uhr erklären, er werde künftig nicht mehr behaupten, Netzer habe ihm von einem Stimmenkauf für die Vergabe der WM 2006 berichtet.

„Wenn er keine Unterlassungserklärung unterschreibt, werden wir klagen“, kündigte Höcker an. Kurios dabei: Zwanziger sagte am Dienstag auf SID-Anfrage umgehend, er wisse Stand 18.30 Uhr (noch) von keiner Abmahnung. „Ich habe bislang nichts gesehen. Aber wenn nun eine Klage kommt, ist das Netzers gutes Recht“, betonte er.

Netzer sagte der SZ, er wisse, „dass ich solche Verleumdungen leider noch aufwerte, wenn ich den Rechtsweg beschreite. Aber es gibt einen Punkt, an dem man so etwas nicht mehr einfach ignorieren kann.“ Dieser Punkt sei gekommen. Höcker fügte hinzu: „Theo Zwanziger hat offenbar vergessen, dass Frau Netzer während des gesamten Gesprächs mit am Tisch saß. Sie kann bezeugen, dass Zwanziger lügt.“ Bild und Sport Bild sagte Höcker, die Vorwürfe gegen seinen Mandanten seien „frei erfunden“.

Netzer hat einer Aussage Zwanzigers im Nachrichtenmagazin Spiegel zufolge bei einem persönlichen Treffen 2012 gesagt, mit der ominösen 6,7-Millionen-Euro-Zahlung seien die Stimmen der vier Asiaten für die Vergabe der WM 2006 gekauft worden. Netzer bestreitet dies vehement. Die vier Stimmen aus Asien waren am 6. Juli 2000 ausschlaggebend für den Zuschlag an Deutschland.

Franz Beckenbauers hatte am späten Montagnachmittag im Zusammenhang mit der Überweisung an FIFA-Finanzkommission einen „Fehler“ eingestanden und eine Erklärung abgegeben, doch wirklich klar wurde dadurch nichts. Im Gegenteil - Beckenbauers „Geständnis“ heizte das Rätselraten weiter an, weil nunmehr sogar bisher als gesichert angesehene Vorgänge wieder infrage stehen.

Zwanziger vergrößerte dabei die Verwirrung. Via Bild-Zeitung legte er Spuren der angeblich „schwarzen Kassen“ bei der WM-Bewerbung zum früheren FIFA-Vermarktungspartner ISL und dem verstorbenen Ex-FIFA-Exekutivmitglied Charles Dempsey (Neuseeland) - erneut allerdings ohne stichhaltige Beweise.

Außerdem erneuerte Zwanziger seinen Vorwurf, sein Amtsvorgänger Wolfgang Niersbach lüge in Bezug auf den Zeitpunkt seiner Kenntnis von der Millionenzahlung an die FIFA-Finanzkommission 2002. „Es war 2002 kein Alleingang von Franz Beckenbauer, sondern die Führungsspitze des OK war eingeweiht, also Wolfgang Niersbach, Horst R. Schmidt und Fedor Radmann“, sagte Zwanziger dem SID. Niersbach beteuert, erst im Sommer dieses Jahres „auf merkwürdigen Umwegen“ von Problemen mit der Zahlung erfahren und umgehend interne Untersuchungen eingeleitet zu haben. Zwanziger selbst hatte zuletzt erklärt, Niersbach wisse davon „mindestens seit 2005“.

Der DFB sandte am Dienstag eine sperrige Pressemitteilung zu den Untersuchungen der unabhängigen Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer. „Wir legen großen Wert auf die Unabhängigkeit unserer Untersuchung und die Seriosität der Ergebnisse. Wir werden den Sachverhalt sorgfältig prüfen und möglichst zeitnah unsere Erkenntnisse vorlegen“, sagte Professor Christian Duve, Partner bei Freshfields Bruckhaus Deringer, in der Verbands-Erklärung.

Die Untersuchungen sollen auch Klarheit darüber bringen, „welche (ehemaligen) Organmitglieder und Mitarbeiter des DFB jeweils und ab wann Kenntnis von den jeweiligen Vorgängen hatten“, heißt es weiter. Gründlich untersucht werden auch mögliche zivilrechtliche Konsequenzen für „heutige oder ehemalige Organmitglieder oder Mitarbeiter des DFB bei ihrer Tätigkeit für den DFB oder als Mitglieder des Bewerbungs- oder Organisationskomitees“.

Beckenbauers insgesamt enttäuschende Erklärung blieb weitgehend ohne großes Echo. Zwanziger bestätigte dem SID, er werde am Mittwoch oder Donnerstag ebenfalls von der externen Kommission befragt.

Faktisch hat Beckenbauer keinerlei Licht ins Dunkel gebracht, sondern bestenfalls die Darstellungen von Niersbach in weiten Teilen bestätigt. Kein Wort hingegen zu seinen persönlichen Beteiligungen an Absprachen mit Vertretern der FIFA und/oder - Stichwort Schuldschein - dem früheren adidas-Chef Louis-Dreyfus.

Umso leichter konnte sich Zwanziger in seiner neuen Lieblingsrolle als Kronzeuge inszenieren. Seiner angeblichen Einschätzung gegenüber der Bild-Zeitung zufolge lässt sich aufgrund der Akten zum ISL-Skandal eine mutmaßliche Bestechung von Dempsey vor der Abstimmung der FIFA-Exekutive über den WM-Gastgeber 2006 ableiten.

Die von Zwanziger vorgelegten Papiere umfassen eine mutmaßliche Auflistung einer Zahlung noch einen Tag vor der WM-Entscheidung über 250.000 Dollar. Für den möglichen Empfänger soll das Kürzel E16 eingetragen sein, den Eintrag hat Zwanziger laut Bild handschriftlich mit der Notiz „Dempsey!“ versehen. Dempsey hatte 2000 bei der Stichwahl zwischen Deutschland und Südafrika (12:11) ohne Angabe von Gründen den Raum verlassen.

Mehr als seine Notiz lieferte Zwanziger als Beweis für seinen behaupteten „Schmiergeldteppich“ jedoch nicht. Zur Auflösung der ungeklärten OK-Zahlung von 6,7 Millionen Euro aus dem Jahr 2005 an die FIFA würden außerdem noch gut 6,5 Millionen Euro fehlen. Auch das angebliche ISL-Interesse an einer Manipulation im Sinne Deutschlands und eine mutmaßliche Verbindung zu den deutschen WM-Machern wird von Zwanziger nicht nachvollziehbar dargestellt.

Unterdessen begann auch schon die Debatte über künftige Auswirkungen der Affäre. Die Bundestags-Sportausschussvorsitzende Dagmar Freitag (SPD) setzte im WDR-Fernsehen ein Fragezeichen hinter die Unterstützung der Politik für die DFB-Kandidatur als Gastgeber der EM-Endrunde 2024: „Ich denke nur an das Thema Steuerbefreiungen, die erteilt werden müssen.“

sid

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