Konflikte mit Polizei

WM-Gegner: Erneut Ausschreitungen in Brasilien

Proteste Brasilien
+
Erneut kommt es in Brasilien zu Protesten gegen die hohen Kosten der WM.

Sao Paulo - Demolierte Autos eines WM-Sponsors in Sao Paulo, Pfefferspray-Einsatz in Rio de Janeiro - aber auch friedliche Proteste in Porto Alegre oder Belo Horizonte. Die Gegner der WM sind wieder auf der Straße.

Der groß angekündigte „Internationale Tag des Kampfes gegen die WM“ lockte weniger Unzufriedene als erwartet auf die Straßen Brasiliens. Brennende Barrikaden, zerschlagene Scheiben und Scharmützel heizten vier Wochen vor dem Eröffnungsspiel dennoch das Klima auf.

Bürgerrechtsbewegungen, Studentengruppen und Gewerkschaften hatten zum Protestmarsch unter dem Motto „Nao vai ter Copa“ („Es wird keine WM geben“) aufgerufen. Zwischen 1000 und 1500 Teilnehmer setzten in Sao Paulo - allein hier waren 15.000 erwartet worden - und Rio de Janeiro die eigentlich massive Zusage in sozialen Netzwerken wie Facebook letztlich schlaff in die Tat um. Andernorts waren es gar nur wenige Hunderte - (noch) kein Vergleich zur Machtdemonstration im vergangenen Jahr beim Confed Cup.

Und dennoch lief längst nicht alles friedlich ab. Die Bilanz in Sao Paulo: zerschlagene Scheiben und mit Graffiti beschmierte Fahrzeuge in einem Autohaus von Hyundai, offizieller Sponsorpartner des Weltverbandes FIFA, zerbrochenes Glas in zwei Bank-Vorhallen, brennende Barrikaden zum Auftakt der Demo. Danach verlief sich alles relativ schnell. Mindestens sieben Personen, die Molotow-Cocktails oder Hämmer bei sich trugen, wurden vorübergehend festgenommen.

In Rio de Janeiro dauerte der Spuk auch nur knapp drei Stunden - Zeit genug jedoch, ein monströses Verkehrschaos in der ohnehin stauanfälligen Stadt auszulösen. Nachdem sich der Protestzug gegen 20 Uhr friedlich aufgelöst hatte, versprengte die Polizei noch eine verbliebene Gruppe von Randalierern mit Pfefferspray. Für eine Person endete die Aktion wegen Besitzes einer Steinschleuder und Tragen einer Maske kurzzeitig hinter Gittern.

„Wir dürfen nicht eine WM ohne Proteste erwarten. Aber meiner Meinung nach werden wir keine großen Kundgebungen sehen“, prophezeite am gleichen Tag Gilberto Carvalho. Doch der Chef des Präsidialamtes warnte vor eingeschleusten Krawallmachern. „Das können wir mit dem vergleichen, was es an Schlechtem in den Fanklubs gibt. Diese Chaoten ziehen auf die Straße, um Gewalt zu verbreiten“, ergänzte der von Staatspräsidentin Dilma Rousseff eingesetzte Vermittler.

Der Donnerstag war auch ein Streiktag. In Sao Paulo zog es noch vor Einsetzen der Dunkelheit 5000 Lehrer auf die Straße. Mit brennenden Autoreifen hatten schon ab 7 Uhr morgens Vertreter der „Bewegung der obdachlosen Arbeiter“ (MTST) bei ihrem Vormarsch Richtung WM-Stadion Itaquerao Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

In Recife, wo die deutsche Mannschaft am 26. Juni ihr Vorrundenfinale gegen die USA spielt, herrschte auch Aufruhr - wegen eines zweitägigen Streiks der Militärpolizei. Nach Plünderungen am Dienstag schlossen die Einkaufszentren am Mittwoch früh, die lokalen Universitäten sagten den Unterricht nach 20 Uhr ab. Auslöser war die ohne präsente Staatsgewalt ausufernde Kriminalität.

Die Sicherheitslücken aufgrund des Arbeitskampfes wurden durch ein Mehr an Zivilpolizisten sowie die Straßenpatrouille von Armeekräften und Nationalgarde weitgehend aufgefangen. Die Policia Civil, der Militärpolizei spinnefeind, berichtete fast schon provozierend nach nur einem Tag verstärktem Diensteinsatz von 234 Festnahmen.

Zufall oder nicht: Am Donnerstag veröffentlichte Spaniens Haupt-Tageszeitung El Pais eine Kolumne von Brasiliens früherem Staatspräsidenten Lula da Silva. Und in seiner langen Ansprache behauptete der populäre Politiker: „Es scheint mir, als würden gewisse Gruppen sich regelrecht wünschen, dass die WM ein Misserfolg wird.“ Denn mit den Wahlen auf Bundes- und Landesebene im Oktober spielen Lust und Frust vor und während des Turniers den Politikern förmlich in die Karten.

SID

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

Kader für die EM: Nun hat Löw die Qual der Wahl
Kader für die EM: Nun hat Löw die Qual der Wahl
Ticker zum CL-Finale: Ronaldo macht den Triumph perfekt
Ticker zum CL-Finale: Ronaldo macht den Triumph perfekt
Der erweiterte DFB-Kader für die EM 2016: Wer ist drin? Wer nicht?
Der erweiterte DFB-Kader für die EM 2016: Wer ist drin? Wer nicht?
Donnerwetter für den Weltmeister - DFB-Team verliert EM-Test 
Donnerwetter für den Weltmeister - DFB-Team verliert EM-Test 

Kommentare