Legende im tz-Interview

Box-Trainer Wegner: „Sonst landen sie bei den Drogendealern...“

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Ulli Wegner (r.) mit Schützling Arthur Abraham (l.)

München - Profi-Boxen in Deutschland: Das war im Jahr 2016 eher ruhig. Grund sind diverse Verletzungen bei Stars wir Abraham und Klitschko. Die tz sprach mit Trainer-Legende Ulli Wegner.

Update vom 18. November 2016: Box-Nacht am Samstag: Es ist Zeit für Marco Huck, seinen Titel im Cruisergewicht zu verteidigen. So sehen Sie den Kampf Marco Huck gegen Dymtro Kucher live im TV und Live-Stream.

Bericht

Um das Profiboxen in Deutschland ist es relativ still geworden. Arthur Abraham und Wladimir Klitschko sind verletzt. Marco Huck boxt am Samstag nur im zweitklassigen Boxverband IBO um einen WM-Titel. Dominic Bösel lauert schon ein Jahr auf einen WM-Kampf, Francesco Pianeta versucht in München nach schweren Niederlagen gegen Klitschko und Tschagejew wieder ins Geschäft zu kommen. Firat Arslan ist 46 Jahre alt, Talent Tyron Zeuge wurde gerade Weltmeister, muss sich seine Popularität aber erst noch erarbeiten, Jürgen Brähmer schwankt zwischen Trainer und Profi. Das tz-Interview mit Startrainer Ulli Wegner (74).

Herr Wegner, ist das deutsche Profiboxen in der Krise?

Wegner: Krise ist übertrieben, aber in das deutsche Profiboxen müssen wieder Strukturen kommen. Jack Culcay und mit Abstrichen auch Arthur Abraham sind Weltklasse-Boxer. Culcay kann im Halbmittelgewicht alle schlagen, egal ob sie aus Kuba kommen wie Lara oder aus Mexiko wie Alavarez. Jack muss nur die Chance erhalten, zu zeigen, was er kann. Das trifft auch auf Stefan Härtel, Leon Bauer oder Vincent Feigenbutz zu. Härtel und Feigenbutz haben sich bei Karsten Röwer gut entwickelt. Sie müssen die Chance erhalten, im Fernsehen zu boxen. Arthur Abraham und Robert Stieglitz, sicher zwei Klasseboxer, sind in erster Linie durch das ARD-Fernsehen einem breiten Publikum bekannt geworden.

Was verstehen Sie unter geordneten Strukturen?

Wegner : In den einzelnen Boxställen müssen qualifizierte, ausgebildete Trainer arbeiten. Boxen ist nicht nur hauen. Boxen ist Kunst, die Intelligenz erfordert, und Boxen ist Mut. Nur ausgebildete Trainer können diese Eigenschaften einem Athleten richtig vermitteln. Dazu brauchen wir in Deutschland einen stabilen TV-Sender als Partner. Profiboxen ist ohne einen Fernsehsender in Deutschland nicht machbar. Das Boxen fördert die Persönlichkeit eines Menschen. Eine solche Sportart mit großer erzieherischer Wirkung darf doch nicht auf der Strecke bleiben.

Arthur Abraham ist verletzt, wann sehen wir ihn wieder im Ring?

Wegner: Sobald er gesund ist. Die WBO hat für ihn einen WM-Ausscheidungskampf gegen Robin Krasniqi vom Magdeburger SES-Boxstall angesetzt, den wollen wir 2017 wahrnehmen. Auf alle Fälle boxen von meiner Trainingsgruppe in diesem Jahr noch Jack Culcay und ganz sicher Kubrat Pulev am 5. Dezember in Sofia gegen Samuel Peter.

Wie schätzen Sie das Niveau der deutschen Amateurboxer ein? Warum finden so wenige zu den Profis?

Wegner : Ich gehe oft zu kleinen Amateurveranstaltungen. Ich bin fest davon überzeugt: Wir haben in Deutschland ein riesiges Fundament an Talenten. Die Trainer bei den Amateuren machen gute Arbeit wie Walentin Shilagi, Micha Timm in Schwerin, der Berliner Ralf Dickert oder die Straubinger unter Hans Buchmeier, um nur einige zu nennen. Die Trainer entwickeln bestens ausgebildete Boxer. Wenn dennoch relativ wenige Amateure zu den Profis wechseln, liegt es auch daran, dass wir unseren Profiboxern keine Sicherheit bieten. Das trifft nicht nur auf das Boxen zu. Es kann doch nicht sein, dass im reichen Deutschland Olympiasieger 20 000 Euro erhalten. Das ist weltweit die geringste Olympiasieg-Prämie überhaupt. Deutschland ist ein Sportland, das dürfen wir nicht verkommen lassen. Damit meine ich nicht nur die Medaillenausbeute. Sportliche Erfolge sind auch Ausdruck einer gesunden, innovativen Nation. Wir brauchen den Sport auch für unsere Jugend, damit sie nicht im Görlitzer Park in Berlin oder anderswo bei den Drogendealern landen.

Was macht einen guten Trainer aus?

Wegner: Er muss führen können. Dazu gehört eine theoretische Grundlage, natürlich fachliches Wissen und Konsequenz. Gute Trainer müssen Erfolge vorweisen, sonst sind sie keine guten Trainer. Du musst als Trainer nicht beliebt sein. Die Sportler müssen aber erkennen, dass nur ein konsequenter Trainer sie zum Erfolg führen kann. Mein Vorbild war immer die Eiskunstlauftrainerin Jutta Müller. Ohne Jutta Müller wäre Katarina Witt nie und nimmer Weltstar geworden.

Wenn unsere Athleten im olympischen Boxen so gut sind, warum war das Abschneiden in Rio mit einer Bronzemedaille ziemlich dürftig?

Wegner: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Artem Harutyunyan hat mit seiner Bronzemedaille gezeigt, was möglich ist. Er kam als Flüchtlingskind nach Deutschland und hat sich hochgearbeitet. Ich will nichts entschuldigen, natürlich muss hart weitergearbeitet werden. Doch das Bild von Olympia täuscht. Nicht umsonst wurden alle Olympiapunktrichter von der AIBA zumindest verwarnt und zum großen Teil gesperrt. Unsere Boxer haben darunter besonders gelitten. Schon in den Qualifikationsturnieren wurde so mancher verschaukelt. Wenn die Amateure, also das olympische Boxen, nicht so im Gespräch sind, liegt das auch am internationalen Verband. Es gibt so viele verschiedene Wettbewerbe, da blickt kein Mensch mehr durch. Weniger ist mehr.

Wie sehen Sie die Chancen von Tyron Zeuge, der im Frühsommer gegen Arthur Abraham boxen soll?

Wegner: Er muss in seiner Gewichtsklasse hart arbeiten, wenn er das Niveau und die Popularität seiner Gewichtsklassen-Vorgänger erreichen will: Ich nenne nur Sven Ottke, Markus Beyer, Felix Sturm, Arthur Abraham oder Robert Stieglitz. Aber Tyron hat verstanden, dass nur harte Arbeit zum Erfolg führt. Er hat sich mit einer Weltklasseleistung gegen DeCarolis den WBA-WM-Titel geholt. Wenn Zeuge so bleibt, hat er eine große Zukunft. Interview:

Interview: M. Hönel

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