Premiere in Baku

Die ersten Europaspiele spalten die Sportwelt

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Vorfreude herrscht zumindest in der Gastgeberstadt Baku: Der aserbaidschanische Sänger Faig Agayev (l.) und Judoka Elnur Memmedli tragen das Feuer der Europaspiele.

Baku - Im Juni soll die Sportwelt nach Baku schauen. Doch wenn die Europaspiele in Aserbaidschan steigen, weilen jede Menge Stars andernorts. Der Gastgeber steht schon in der Kritik.

Unbekannt, umstritten, unglücklich gelegen und sündhaft teuer: Die Premiere der Europaspiele in Baku (12. bis 28. Juni) spaltet die Sportwelt. Mit hochmodernen Sportstätten und einem Athletendorf von Olympia-Format möchte das von einem Unrechtsregime geführte Gastgeberland Aserbaidschan sein Image aufpolieren. Die Kritiker laufen Sturm. Auch hinter dem sportlichen Wert steht ein Fragezeichen.

„Es gibt schon lange die Afrikaspiele oder die Panamerikanischen Spiele. Deswegen kam die Idee auf, ein solches Format auch für Europa auszuprobieren“, sagte Michael Vesper, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (SID) und erklärt das Motiv für den Feldversuch, eine Art „Olympische Spiele Europas“ zu etablieren.

Baku, der einzige Bewerber, erhielt 2012 den Zuschlag durch die Europäischen Olympischen Komitees. Seitdem segelt das Event bei vielen Sportfans unter dem Radar. „Die Europaspiele sind ein neues Format. Da ist es normal, dass sie in der Öffentlichkeit noch keine große Rolle spielen“, sagte Vesper. Medienpartner Sport1 wird rund 100 Stunden live übertragen, über die Resonanz lässt sich vor dem Start nur mutmaßen.

"Menschenrechtslage hat sich verschlechtert"

Von Menschenrechtsorganisationen wird Aserbaidschan dagegen schon länger mit Argusaugen beobachtet: Staatspräsident Ilham Alijew gilt als Autokrat, der Kritiker rigoros wegsperrt. „Die Menschenrechtslage ist extrem schlecht. Und sie hat sich in den letzten Monaten sogar noch massiv verschlimmert“, sagte Wenzel Michalski von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch dem SID.

Mindestens 100 politische Gefangene soll es derzeit in der früheren Sowjetrepublik geben. Von Entspannung kann trotz der „erhöhten Aufmerksamkeit für die Zustände“, auf die Vesper verweist, offenbar keine Rede sein: Die Organisation für Zusammenarbeit und Sicherheit in Europa (OSZE) meldete am Montag, dazu aufgefordert worden zu sein, ihre Niederlassung in Baku bis Anfang Juli zu räumen.

Zwangsläufig stellt sich die Frage, warum ausgerechnet Aserbaidschan die Gastgeberrolle bei der Premiere zugefallen ist und nicht einem Land mit besseren Leumund. Vesper, der kurz nach der Vergabe ins EOC-Exekutivkomitee aufrückte, mag sich diese Frage nicht mehr stellen. „Hätte, wäre und könnte zu diskutieren, ist müßig. Wir werden die Spiele in Baku auswerten und auch die politischen Fragen aufmerksam beobachten“, sagte der 63-Jährige.

6000 Athleten messen sich in 20 Sportarten

Medienberichten zufolge übernimmt Alijew sämtliche Kosten der Teilnehmer. Der DOSB bestreitet dies: Die Entsendungskosten lägen „bei einer Million Euro“, der Steuerzahler übernimmt davon mindestens die Hälfte. Probleme damit, Flugtickets und weitere Kosten von Alijew bezahlen zu lassen, hat Vesper nicht: „Es ist Usus, dass diese Kosten vom Gastgeberland übernommen werden. Warum sollte das hier anders sein als in Peking?“

Und der sportliche Wert der Europaspiele, die Schätzungen zufolge mindestens sechs Milliarden Euro verschlingen und wie ein Gegenentwurf zur Agenda 2020 des IOC daherkommen? Über 6000 Athleten aus sämtlichen 50 europäischen NOKS kämpfen in 20 Sportarten (davon 16 olympischen) um Medaillen. Der DOSB entsendet 265 Athleten, darunter Stars wie Britta Heidemann (Fechten), Turner Fabian Hambüchen und die Tischtennis-Asse Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov.

Insgesamt ist die sportliche Bedeutung aber überschaubar. Die Judoka tragen in Baku ihre Europameisterschaften aus, ansonsten bringen Titel neben (noch) geringen Meriten bestenfalls ein Direkt-Ticket zu den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro ein. Dies gilt für die Sieger im Tischtennis, Triathlon und Schießen. In sieben weiteren Sportarten können Ranglistenpunkte gesammelt werden.

Stars der Leichtathletik und des Schwimmens fehlen

Die wichtigsten olympischen Sportarten liegen allerdings brach: In der Leichtathletik wird lediglich die dritte Liga der Team-EM ausgetragen, die Schwimmer veranstalten Junioren-Europameisterschaften. Der Grund: Die internationalen Verbände IAAF und FINA tragen im Spätsommer ihre Weltmeisterschaften aus, Baku passt nicht in den Terminplan.

Ohne die beiden Zugpferde wird es für die Europaspiele auf Dauer aber schwer. Besserung ist nicht in Sicht, im Gegenteil: 2018 feiert die „Gegenveranstaltung“ European Sports Championships Premiere. Bei der Erstauflage in Berlin und Glasgow tragen unter anderem die Leichtathleten, Schwimmer und Turner ihre Europameisterschaften gleichzeitig aus.

sid

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