"Wie ein guter Wein"

Wüstenmärchen? Lichtlein lässt Handballer träumen

Doha - Mit der Kraft der Kaffeebohne: Koffein-Junkie Carsten Lichtlein spielt in Katar das Turnier seines Lebens und lässt die deutschen Handballer von einer Medaille träumen.

Am Morgen danach war alles wie immer. Carsten Lichtlein saß am Pool des vornehmen Hilton-Hotels in Doha und schlürfte genüsslich seinen Kaffee. „Carsten ist ein absoluter Frühaufsteher. Sechs Uhr ist keine Seltenheit. Dann trinkt er erst mal 18 Kaffee, geht kurz aufs Zimmer die Zähne putzen, und dann sitzt er beim Frühstück, um wieder Kaffee zu trinken“, sagt Teammanager Oliver Roggisch über seinen langjährigen Zimmerkollegen und lacht.

Das ungewöhnliche Koffein-Doping scheint zu wirken: Torhüter Lichtlein („In meinen Hardcore-Zeiten während der Ausbildung zum Steuerfachangestellten habe ich normalen schwarzen Kaffee mit einem doppelten Espresso getrunken“) spielt bei der WM in Katar das Turnier seines Lebens und avancierte im Achtelfinale gegen Ägypten (23:16) erneut zum Hauptdarsteller.

Mit einer Fangquote von 56 Prozent brachte der 34 Jahre alte Routinier die Nordafrikaner zur Verzweiflung und lässt die deutschen Handballer weiter vom Wüstenmärchen träumen. Im Kampf um die Medaillen könnte Lichtlein, der so viele Jahre nur auf der Bank saß, plötzlich zum entscheidenden Faktor werden.

Carsten Lichtlein jubelt im Deutschland-Tor.

„Er hat einen absoluten Qualitätssprung gemacht, ist viel ruhiger geworden“, lobte der frühere Welttorhüter Henning Fritz, in dessen Schatten Lichtlein 2007 Weltmeister geworden war, und bezeichnete ihn als „Acht-Arme-Lichtlein“: „Ich hoffe, dass er hier noch lange so gut hält. Dann kann er zu einem Garanten dafür werden, dass das deutsche Team mit einer Medaille oder sogar mehr nach Hause fährt.“

Lichtlein, der schon in der Vorrunde gegen Argentinien mit 39 Prozent gehaltener Bälle für Furore gesorgt hatte, genießt das sprunghaft gestiegene Interesse an seiner Person in vollen Zügen. 13 Jahre lang bekleidete er im DHB-Team beständig die Nebenrolle - plötzlich ist er der gefragteste Mann. Nach seiner Weltklasse-Vorstellung im Achtelfinale zückten sogar ägyptische Fans ihre Handys für ein Erinnerungsfoto mit dem „Man of the Match“.

„Carsten ist wie ein guter Wein. Er reift mit dem Alter“, sagte DHB-Präsident Bernhard Bauer und fügte mit einem Augenzwinkern an: „Mir wird schon richtig bange um die nächsten Spiele, ob er da überhaupt noch einen Ball reinlässt. Ich glaube es fast nicht.“

Lichtlein selbst waren die Huldigungen am Ende dann fast ein bisschen unangenehm, und so richtete er den Blick lieber auf das Viertelfinale gegen Katar am Mittwoch (16.30 Uhr/Sky): „Mein Ziel ist Rio 2016. Dafür müssen wir Katar schlagen. Und wenn wir das schaffen, ist alles möglich.“

So geerdet und besonnen der Familienvater abseits des Feldes oftmals daherkommt, so impulsiv und aufgedreht wirkt er während der 60 Spielminuten. Dann zeigt er nach gehaltenen Bällen energisch die Faust, treibt seine Vorderleute lautstark an und heizt dem Publikum mit ausladenden Gesten ein. Gegen Ägypten baute er sich nach gehaltenen Bällen sogar vor seinen Gegenspielern auf und deutete mit einer Körpersprache, die man sonst eher von seinem Torwartkollegen Silvio Heinvetter gewohnt ist, an: „Hier kommst du nicht vorbei!“

Lichtlein selbst führt seine phänomenalen WM-Auftritte auf seine „innere Ruhe“ und harte Arbeit zurück. Akribisch bereitet er sich auf die Spiele vor, notiert sämtliche Wurfbilder, Laufwege und Absprungpunkte der gegnerischen Angreifer auf einem DIN A4-Papier, um die richtige Ecke zu antizipieren. Gegen Ägypten ging sein Plan auf - das soll auch gegen Katar funktionieren.

SID

Rubriklistenbild: © dpa

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