Hörmann: An Einheit des deutschen Sports weiter arbeiten

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Alfons Hörmann ist der Präsident des DOSB. Foto: Boris Roessler

Berlin (dpa) – Für DOSB-Chef Alfons Hörmann ist der deutsche Sport ein Vorbild beim Zusammenwachsen von Bundesrepublik und DDR gewesen. Doch längst nicht alles sei reibungslos verlaufen, sagte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in einem Interview der dpa.

Deshalb müsse es jetzt gegen manche Widerstände Reformen geben. Als besonderes Vorhaben neben der Bewerbung um die Olympischen Spiele 2024/2028 nannte Hörmann Veränderungen im Leistungssport.

Sportlich gefragt: Wie ist die Form der Sportnation Deutschland 25 Jahre nach dem Mauerfall als der Stunde Null?

Alfons Hörmann: Es war sicher eine historische Herausforderung, zwei Sportsysteme mit so unterschiedlichen Stärken und Schwächen, aber auch großen Problemen wie dem Doping in Ost wie West oder dem Einfluss der Staatssicherheit, zusammenzufügen. Es mussten ja auch zwei Sportstrukturen verschmolzen werden. Es ging darum, die regionalen Sportstrukturen auf- und auszubauen, die Vereine zu entwickeln, die Landessportbünde und ihre Mitglieder zu finanzieren und die regionalen und örtlichen Sportanlagen für den Sportbetrieb zu erhalten. Es lief längst nicht alles reibungslos. Der Sport hat zwar andere Möglichkeiten, aber er war ein Vorbild für das Zusammenwachsen.

Ist das Ihre Gesamtbeurteilung?

Hörmann: Insgesamt ist die "Fusion" wohl als erfolgreich zu bezeichnen, aber schon damals hätte der Sport wohl gut daran getan, seine Kräfte noch stärker zu bündeln. Eine Generation später erleben wir, dass an der Einheit des deutschen Sports weiter aktiv und konsequent gearbeitet werden muss. Es gibt neue und vielleicht anders laufende, aber ebenfalls teilende Grenzen im Denken und Handeln einiger Akteure. Deshalb müssen wir auch und gerade im Sport im Gespräch miteinander bleiben, Schwächen erkennen, Stärken nutzen und dürfen uns nicht auseinanderdividieren lassen.

Hat sich der Sport, der mit seinen verbindenden Wirkungen einen besonderen Anteil an der Vereinigung hatte, von der Politik ausreichend unterstützt gefühlt?

Hörmann: Sie haben recht, der Sport war in manchem schneller als die Politik. Hier zeigte sich gleich der Wert der vielen kleinen und großen Begegnungen des deutsch-deutschen Sportverkehrs, den der Sport in den Jahrzehnten der Trennung in schwierigen Verhandlungen und kleinen Schritten verwirklicht hatte. Aber trotz der spontanen Begegnungen: Der Sport im geteilten Deutschland war genauso wenig auf die Einheit vorbereitet, wie eben Politik und Wirtschaft auch. Nirgendwo lagen Konzepte oder Rezepte in den Schubladen. Im Einheitsvertrag wurde der Sport trotz seiner bindenden Kraft nur beiläufig erwähnt, konkret nur bei der Sicherung von drei Institutionen aus dem Sport der ehemaligen DDR. Längst nicht alle Wünsche und berechtigen Forderungen sind in Erfüllung gegangen. Aber der Sport ist ein anerkannter und selbstbewusster Gesprächspartner auf allen Ebenen, in den Kommunen ebenso wie in den Ländern und in der Bundespolitik, gerade in schwierigen Zeiten.

Wie ist es da zu verstehen, dass der Sport bisher vergeblich versucht hat, als Grundrecht in das Grundgesetz aufgenommen zu werden?

Hörmann: Natürlich werden wir auch weiter an die Zusage erinnern, den Sport bei der nächsten Änderung der Staatsziele im Grundgesetz zu berücksichtigen. In 15 von 16 Verfassungen der Bundesländer ist der Sport schon heute berücksichtigt.

Die Einheit hat im ostdeutschen Breitensport nicht gerade blühende Landschaften geschaffen, aber unter den neuen Bedingungen ein beachtliches Aufholen mit der Schaffung einer respektablen Infrastruktur. Gemessen an Erfolgen, besonders auf dem olympischen Feld, ist es mit dem Leistungssport ständig bergab gegangen. Damit hat er selbst mit dazu beigetragen, dass der Fußball eine solch überragende Monopolstellung erlangt hat. Reformen sind überfällig, oder ist es so, dass der Leistungssport in einem System des Superföderalismus gar nicht reformierbar ist?

Hörmann: Zunächst einmal: Zum Leistungssport im vereinten Deutschland gab es ja von einigen die Erwartung, dass sich hier zwei Medaillenbilanzen einfach addieren ließen. Das war sicher oberflächlich. Es berücksichtigt weder, dass hier zwei höchst unterschiedliche Sportsysteme zueinander gefunden hatten, noch dass sich ja die Zahl der Startplätze halbierte oder dass die internationale Konkurrenz immer stärker geworden ist. Aber mit Blick nach vorn gilt natürlich, die Zukunft des Leistungssports gründlich zu überdenken. Sie haben Recht, das ist eine hochkomplexe Angelegenheit, die nicht von heute auf morgen zu bewältigen ist. Es sitzen viele Partner mit durchaus sehr unterschiedlichen Strukturen und Zielsetzungen mit am Tisch. Wir sind uns mit dem Bundesinnenministerium einig, dass wir dieses Thema trotz aller Hürden angehen müssen und haben uns gemeinsam auf den Weg gemacht.

Eine Olympiabewerbung 20024/28 wäre sicher auch der Versuch, der vereinten Sportnation einen besonderen Ausdruck zu verleihen. Zudem könnte ein erfolgreiches Bemühen nach dem Beispiel Großbritannien vor den London-Spielen einen wichtigen Anstoß für Reformen im Leistungssport geben.

Hörmann: Wir finden, dass es 50 Jahre nach den letzten Spielen in Deutschland einfach an der Zeit ist, die Jugend der Welt wieder zu uns einzuladen und ihr ein fröhlicher, begeisterter und weltoffener Gastgeber zu sein. Das täte unserer ganzen deutschen Gesellschaft gut. Und für den Sport gilt: Die Spiele sind nun mal das wichtigste sportliche Ereignis überhaupt. Schon die Bewerbung würde das Thema Sport bei uns neu positionieren. Das wäre ein Katalysator, der neue Kräfte für das ganze Spektrum des Sports freisetzen würde, nicht nur für den Leistungssport.

ZUR PERSON: Alfons Hörmann (54) ist seit dem Vorjahr Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Der damalige Chef des Deutschen Skiverbandes trat die Nachfolge von Thomas Bach an, der an die Spitze des IOC rückte. Der Unternehmer ist verheiratet und hat drei Söhne.

Kurzbiografie Hörmann

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