Hoffnung auf sauberere Rio-Spiele - Kritik an der WADA

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Zahlreiche prominente Sportler kritisierten die IAAF scharf. Foto: Diego Azubel

Hammerwerferin Betty Heidler hofft nach der Aufdeckung des Doping- und Korruptionsskandals in der Leichtathletik auf sauberere Olympische Spiele in Rio. Kann der neue IAAF-Chef Coe bis dahin die Krise meistern? Dopingexperte Simon hält ihn nicht für geeignet.

Düsseldorf (dpa) - Angesichts der ruinösen und kriminellen Machenschaften im Weltverband IAAF haben prominente Leichtathleten ein rasches Aufräumen und grundlegende Reformen gefordert - möglichst bis noch zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro.

"Die IAAF muss sich selbst erneuern, alles umkrempeln. Sie braucht neue Strukturen", sagte Deutschlands Vorzeigeläufer Arne Gabius als Reaktion auf den größten Doping- und Korruptionsskandal der Leichtathletik-Geschichte.

Die frühere Hammerwurf-Weltmeisterin Betty Heidler hofft dabei, dass die Rio-Spiele in sieben Monaten dopingfreier sein werden als die in London 2012. Dort waren nach dem Bericht der unabhängigen Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) vier gedopte russische Leichtathleten am Start. Der frühere IAAF-Präsident Lamine Diack und seine Gang sollen es gegen Geld möglich gemacht haben. "Es muss so sein, um die Sportart wieder glaubwürdiger zu machen", sagte die 32-Jährige aus Frankfurt/Main. "Man muss alle Maßnahmen ergreifen, damit der sportliche und olympische Gedanke nicht weggezogen wird."

Kugelstoß-Weltmeister Christina Schwanitz findet auch gut, dass "diese Mauscheleien" aufgedeckt werden, fürchtet jetzt aber eine Pauschalverurteilung ihrer Sportart. "Das Problem ist nur: Die werfen jetzt wieder ein schlechtes Licht auf alle. Dadurch werden alle Athleten jetzt wieder in einen großen Dopingtopf hineingeworfen", meinte sie. "Für das Image der Leichtathletik ist das katastrophal."

Zweifel am Aufklärungswillen der WADA hegt trotz der schockierenden Berichte der unabhängigen Kommission, die von der Weltagentur berufen wurde, der Dopingexperte Perikles Simon. "Auffällig ist, dass internationale Forschergruppen, die unabhängig gearbeitet haben, seit Jahren bemerken, dass mit der IAAF irgendetwas nicht stimmt", sagte der Mainzer Forscher mit Hinweis eine von der WADA in Auftrag gegebene Doping-Studie von der Leichtathletik-WM 2011 in Daegu. Bei einer Befragung hatten 29 Prozent der Teilnehmer Doping in der Vorbereitung auf die Titelkämpfe in Südkorea eingeräumt.

"Dann komplett zu sagen, die WADA konnte da nichts machen, ist schade und hoffentlich eine selektive Wahrnehmung", erklärte Simon. "Die Freiheit der Wissenschaft wird dafür tyrannisiert, dass ein korruptes System jahrelang seine Ruhe hatte." Ungedopte Athleten, denen man diese Erkenntnisse zwischen 2011 bis 2015 erfolgreich vorenthalten hätte, seien die Hauptgeschädigten. "Und die Studie wird in dem Bericht mit keinem Wort erwähnt. Man hätte früher tätig werden müssen."

Kein Verständnis hat Simon auch dafür, dass in dem WADA-Bericht einerseits Unverständnis geäußert wird, dass das IAAF-Council von den unglaublichen Fehlverhalten der alten Führungsclique nichts mitbekommen haben will, aber der Kommissionschef Richard Pound den neuen IAAF-Präsidenten Sebastian Coe für den geeigneten Retter hält.

"Es ist sehr erstaunlich, wenn er von Pound in Schutz genommen wird", sagte Simon. "Dann ist die sogenannte unabhängige Kommission der WADA nur eine Kommission der WADA, die ihrerseits auch von der IAAF und ihren Repräsentanten mit durchgesetzt ist."

Die Rolle des 59-jährigen Briten, der von 2007 bis 2015 IAAF-Vizepräsident war, hält er deshalb für fragwürdig. "Wenn man sich in diesem System bis ganz an die Spitze vorgearbeitet hat, muss man es faustdick hinter den Ohren haben", sagte Simon. "Jetzt sind alle glücklich. Der König ist tot, es lebe der König. Coe kann jetzt machen, was er will. Aber das Problem ist nicht gelöst."

Hart ins Gericht geht auch die englische Zeitung "Independent" mit Lord Coe. "Er muss von Dopingvergehen und einer Verschwörung innerhalb des IAAF gewusst haben, hat jedoch nichts zur Klärung unternommen", schreibt das Blatt. Für Außenstehende sei das inakzeptabel. "Selbst wenn Coe so unschuldig ist, wie Pound behauptet, so ist er erschütternd naiv, oder über alle Maßen unwissend - genau das Gegenteil eines Reformers. Er muss gehen."

Auch Läufer Gabius hat Zweifel, glaubt aber, dass Coe die IAAF reformieren kann. "Als IAAF-Vize bekommt man sicher etwas mit. Wir müssen ihm da glauben", sagte der Hamburger. "Jetzt muss Reformwillen her! International würde mir da kein Besserer einfallen." Der frühere Weltklasseläufer Coe denkt trotz Gegenwinds und Zweifeln an seiner Integrität nicht ans Aufgeben. "Wir haben bereits eine Menge verändert", sagte er. "Wir werden unseren Weg weitergehen."

Unterdessen hat Japans Olympia-Minister Toshiaki Endo Vorwürfe über mögliche verdächtige Zahlungen bei der Bewerbung für die Sommerspiele 2020 in Tokio zurückgewiesen. Das sei "kaum zu glauben", sagte er zu entsprechenden Hinweisen im WADA-Report. Der Bewerbungsprozess sei "auf das Sauberste" bewertet worden, betonte Endo nach Angaben der Nachrichtenagentur Jiji Press. Tokio hatte sich vor zwei Jahren gegen Istanbul und Madrid durchgesetzt.

Im WADA-Report war in einer Fußnote auch die Vergabe der Olympischen Spiele 2020 erwähnt worden. Aus Mitschriften gehe hervor, dass der Mitbewerber Türkei die Unterstützung des ehemaligen IAAF-Chefs und IOC-Mitglieds Diack in dem Bewerbungsprozess verloren habe. Das Land sei demnach nicht bereit gewesen, einen Sponsorenbetrag "von 4 bis 5 Millionen Dollar" für die Diamond League oder an die IAAF zu überweisen. Japan habe diese Summe laut Gesprächsprotokoll gezahlt - Tokio erhielt den Zuschlag für 2020. Das IOC hat bereits bei der unabhängigen WADA-Kommission bereits um die Bereitstellung der entsprechenden Dokumente gebeten, teilte ein Sprecher mit.

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