Vertuschungsapparat in Russland

Doping-Skandal überschattet IOC-Gipfel

Leichtathletik
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Russlands Leichtathletik steht unter Dopingverdacht.

Monte Carlo - Der Skandal um Doping im russischen Sportsystem hat die Welt schockiert. Das Internationale Olympische Komitee sprach von „ernsthaften Anschuldigungen“ und hat Untersuchungen eingeleitet.

Die Enthüllungen über Betrug, Doping und Korruption im russischen Spitzensport überschatten den Reformkongress des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Monte Carlo. Statt am Wochenende ein Zeichen des Aufbruchs zu setzen, sieht sich das IOC auch mit dem Skandal in Russland konfrontiert. IOC-Sprecher Mark Adams bezeichnete die Vorwürfe als „ernsthafte Anschuldigungen“ und teilte mit, dass die Ethik-Kommission des IOC die Angelegenheit untersucht. „Sollte es etwas geben, was das olympische Komitee und unseren Ethik-Kodex beeinflusst, werden wir nicht zögern, alle nötigen Maßnahmen durchzuführen“, sagte Adams.

IOC-Präsident Thomas Bach hat ein konsequentes Durchgreifen nach den Anschuldigungen angekündigt. Die Vorwürfe seien ernsthaft und müssten sorgfältig untersucht werden, sagte der 60-Jährige am Donnerstagabend in Monte Carlo. „Wenn als Ergebnis der Untersuchungen jemand ein Doping-Vergehen begangen hat, wird das IOC handeln“, sagte Bach.

Auch der Leichtathletik-Weltverband (IAAF), der seit Ausstrahlung der ARD-Doku „Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht“ besonders im Blickpunkt steht, kündigte Untersuchungen an. Immerhin belegen Videoaufzeichnungen die Verstrickung von Cheftrainer Alexej Melnikow in Doping oder ein heimlicher Handymitschnitt, wie die 800-Meter-Olympiasiegerin von 2012, Marija Sawinowa, ihre Einnahme von verbotenen anabolen Mitteln erklärt.

„Die Doping-Doku der ARD war schockierend! Wir können nur mit gutem Beispiel vorangehen und sauberen Sport weiterbetreiben“, twitterte Stabhochsprung-Weltmeister Raphael Holzdeppe.

„Wie das ARD-Fernsehen zeigte, sind bei der Ethik-Kommission der IAAF bereits Untersuchungen zu Problemen des Dopings in der russischen Leichtathletik im Gange“, hieß es im Statement des Weltverbandes, der sich offiziell jedoch weiteren Bewertungen enthielt. Nach Angaben der IAAF sind zurzeit 68 russische Leichtathleten wegen Dopings gesperrt.

Die russische Anti-Doping-Agentur Rusada reagierte defensiv und zurückhaltend auf die ARD-Doku. „Es gibt keine Tatsachen und keine Originaldokumente, die einen Verstoß gegen Anti-Doping-Regeln belegen“, sagte Rusada-Exekutivdirektor Nikita Kamajew am Donnerstag der Agentur R-Sport in Moskau. Den Film habe er nicht gesehen und könne ihn deshalb auch nicht kommentieren. Bis die Rusada eine offizielle Anfrage bekommt, „meinen wir, dass jegliche Spekulationen oder jegliche Erklärungen unbewiesen sind“, betonte Kamajew.

Ist Russlands Justiz an einer Aufklärung interessiert? 

Der Präsident des russischen Leichtathletikverbands, Valentin Balachnitschew, bezeichnete die Dopingvorwürfe der derzeit gesperrten 800-Meter-Läuferin Julia Stepanowa gar als Lüge. „Ich kann das erst später umfassend kommentieren, wenn ich die gesamte Situation studiert habe. Aber es ist eine Lüge“, sagte er am Donnerstag dem Moskauer Internetportal vesti.ru zufolge.

„Vorverurteilungen machen im Moment keinen Sinn. Wir müssen belastbare Verfahren haben“, sagte IAAF-Councilmitglied Helmut Digel. „Ich hoffe, dass man in dem Fall schnell zu Ergebnissen kommt. Je länger er vor uns hergeschoben wird, desto größer wird der Schaden.“

Zweifel hat er, dass in Russland Justiz und Staat an einer Aufklärung interessiert ist. „Das ist ein Problem der Anti-Doping-Gesetze, dass sie auf dem Papier stehen, aber nicht umgesetzt werden“, sagte Digel. Dies gelte nicht nur für Russland. „Jetzt ist Russland über den Sportminister und die Regierung gefordert, die notwendigen Schritte zu tun. Ob sie erfolgen, wird man sehen.“

Die deutschen Gewichtheber hegen schon länger den Verdacht auf systematisches Doping im russischen Sport. „In manchen Ländern gehört Doping zum Sport. Russland ist da kein Einzelfall“, sagte Christian Baumgartner, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber. Die ARD-Dokumentation habe ihn jedoch erstaunt: „Überrascht bin ich von der Dichte an Belegen, Daten und Zeugen.“

Im Biathlon kämen mehr als 80 Prozent der Athleten, die von in den letzten Jahren suspendiert wurden, aus den ehemaligen Sowjetstaaten, erklärte Nicole Resch, Generalsekretärin der Internationalen Biathlon Union. „Man darf nicht vergessen, Sporterfolge in kommunistischen Systemen waren ein beliebtes Instrument, ein Land oder eine Region auf der Weltkarte zu platzieren“, sagte Resch. „Das hierbei Athleten instrumentalisiert wurden, kann ich nicht ausschließen.“

Der frühere russische Frauentrainer Wolfgang Pichler hat hingegen systematisches Doping bei den russischen Biathleten ausgeschlossen. „Es wird immer schwarze Schafe geben. Aber alle, das ist Schmarrn“, sagte der Ruhpoldinger der dpa. Zugleich hält er es aber für vorstellbar, dass im Zuge auf die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Sotschi im Auftrag des Sportministeriums am Verband vorbei eine Gruppe von Athleten aufgebaut wurde, „die gezielt für die Heimspiele an den anderen vorbei vorbereitet wurde“.

Pichler: „Wir hatten immer das Gefühl, dass irgendwas läuft"

Pichler hatte in der vergangenen Saison Olga Saizewa, Jekaterina Glasyrina, Swetlana Slepzowa, Jana Romanowa und Jekaterina Schumilowa betreut. „Für diese Athletinnen lege ich meine Hand ins Feuer“, sagte er. Zugleich wurde aber eine Konkurrenzgruppe aufgemacht, aus der die letzten beiden EPO-Dopingsünderinnen - Jekaterina Jurjewa als Wiederholungstäterin und Olga Starych - erwischt und gesperrt wurden. Auch Nachwuchshoffnung Alexander Loginow wurde positiv getestet.

„Wir hatten immer das Gefühl, dass irgendwas läuft. Die haben das ziemlich gezielt mit ein paar Athleten probiert“, erklärte Pichler. Denn Russland habe nach den schwachen Leistungen bei den Winterspielen 2010 unter massivem Druck gestanden. „Die hatten in Sotschi Angst, dass sie keine Medaillen holen“, erklärte der jetzt für das schwedische Team arbeitende Pichler.

Auch der deutsche Biathlet Arnd Peiffer hält systematisches Doping in Russland für nicht realistisch. „Es ist so ein großes Land, da kann ich mir Staatsdoping nicht so richtig vorstellen“, meinte er. „Wenn es wirklich so wäre, wäre es natürlich ein großes Ding. Ich habe aber das Gefühl, es ist eher punktuell.“

Keinen Kommentar wollte der Radsport-Weltverband UCI, der immer wieder auch mit russischen Doping-Fällen zu tun hat, abgeben. „Uns steht es als Verband sicher nicht an, den Inhalt von Fernsehsendungen zu kommentieren“, sagte UCI-Sprecher Louis Chenaille.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann stellt nach den Enthüllungen über staatlich unterstütztes Doping in Russland die Ergebnisse der Olympischen Winterspiele in Sotschi infrage. „Wer die Spiele in Sotschi im Rückblick noch mal betrachtet und unter diesem Aspekt beleuchtet, der kann und muss zu sehr nachdenklichen Einstellungen kommen“, sagte Hörmann dem SID in Dresden.

Gastgeber Russland hatte die Medaillenwertung mit 13 Gold-, 11 Silber- und 9 Bronzemedaillen für sich entschieden. „Die Anschuldigungen, die im Raum stehen und durch den Dokumentarfilm eindrucksvoll wiedergegeben wurden, stimmen nachdenklich, schockieren, erschüttern und zeichnen ein Bild in Russland, das in jeder Hinsicht unverständlich ist“, sagte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Hörmann ergänzte, dass der „internationale Wettbewerb an mancher Stelle von diesen Manipulationen weit stärker geprägt zu sein scheint, als wir es uns vorstellen können“.

dpa/SID

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