Nicht (nur) die Russen sind die Bösen

Kolumne zum WADA-Skandal: Falsche Kranke, schmerzlose Siege

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Fritz Sörgel, Pharmakologe und Doping-Experte

München - Der Hacker-Skandal bei der WADA zeigt vor allem auf: Nicht nur das als Schurke hingestellt Russland nutzt Dopingpräparate, sondern auch andere Nationen. Eine Kolumne.

Ganz schön finstere Gestalten, diese Russen. Schleichen sich heimlich, still und leise in das ­Allerheiligste der Welt-Anti-Doping Agentur (WADA). Und stellen die dort ­aufgefundenen TUEs, also die Ausnahme­genehmigungen für Sportler, ein hoch wirksames, verbotenes ­Medikament während des Wettkampfs anwenden (lassen) zu ­dürfen, ins ­Internet. Als Beweis dafür, wie Doping-verdorben doch auch Länder wie ­Deutschland und die USA sind. Also genau die ­Länder, die sonst immer so gern auf Russland ­rumhacken.

Robert Harting & Co., so zeigen die ­Unterlagen, ­erbaten, Kortisonpräparate (zur Behandlung von ­Entzündungen und ­Schmerzen über kürzere Zeit), Asthmamittel (bis zu vier Jahre) der Regel entsprechend einnehmen zu dürfen. Formal ist das also kein Dopingvergehen, doch jeder weiß: Hier liegt ein erhebliches Betrugspotenzial.

„Nur gesunde Sportler sollen an ­Wettbewerben teilnehmen dürfen“, war ein postwendend vorgebrachter und ernst ­gemeinter Vorschlag. Hochleistungsport ­ohne Schmerzen, welch absurde Forderung! Ohne TUEs würden die Sportler bei ­Schmerzen in die teilweise rezeptfreien, im Sport ohne Einschränkung einsetzbaren Schmerzmittel ausweichen. Mögliche Folgen sind bekannt, der frühere Bremer Fußballer Ivan Klasnic ruinierte dabei seine Nieren mit Voltaren – Endstation ­Transplantation. Und selbst Aspirin ist nicht harmlos! Die Asthmamittel sind sowieso schon lange als verkapptes Doping in Verruf, bis zu 70 Prozent der Tour-de-France-Helden ­„brauchen“ sie.

Kürzlich führte man die Wandlung ­Großbritanniens zur Sportnation auf ­ähnliche Missbrauchszahlen zurück. Der Hochleistungssport steht also wieder mal am Pranger. Zu Recht? Ein Vergleich mit der Arbeitswelt bietet sich an, beides Mal sind Ärzte die Täter. Hier die Krank­schreibung, die das Sozialwesen betrügt, dort das ungerechtfertigte TUE, das den Konkurrent und Zuschauer betrügt. Und dann ist da noch der ­Konsument, der gerne einkauft, wo die Helden sich auch bedienen. Der Sport kann nicht besser sein als die Zivilgesellschaft im Ganzen. Der „Brot-und-Spiele“-Sport schon gleich gar nicht.

Von Prof. Fritz Sörgel, Pharmakologe und Doping-Experte

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